20 Juli 2023

Vorgehen gegen Trittbrettfahrer bringt Netflix mehr Abo-Kunden

Die Rechnung von Netflix beim Vorgehen gegen das Teilen von Passw├Ârtern ausserhalb eines Haushalts geht bisher auf. Der Videostreaming-Riese gewann im zweiten Quartal 5,9 Millionen Kunden hinzu.

Netflix machte keine Angaben dazu, wie viele von ihnen zuvor Account-Trittbrettfahrer waren, die sich nun ein eigenes Konto zulegten. Doch verzeichne man in jeder Region mehr Abo-Kunden und Umsatz als zuvor, betonte Co-Chef Greg Peters. „Wir sehen, dass es funktioniert.“

Netflix geht seit Anfang des Sommers dagegen vor, dass Nutzer einen Account ├╝ber einen Haushalt hinaus teilen. Daf├╝r wird nun zus├Ątzliches Geld f├Ąllig – entweder zahlen die Mitbenutzer f├╝r ein eigenes Konto, oder der bisherige Account-Inhaber f├╝gt sie gegen Aufpreis als Zusatzmitglied hinzu.

Nach fr├╝heren Berechnungen von Netflix nutzten rund 100 Millionen das Passwort aus einem anderen Haushalt. Die Firma setzt darauf, dass betroffene Nutzer lieber zahlen, statt den Dienst zu k├╝ndigen. Netflix hatte nun zum Quartalsende insgesamt 238,4 Millionen zahlende Kunden. F├╝r das laufende Vierteljahr rechnet Netflix mit einem Zuwachs bei der Nutzerzahl in ├Ąhnlicher Gr├Âssenordnung. Bei einigen betroffenen Nutzern k├Ânne es mehrere Quartale dauern, sie als Kunden zu gewinnen, r├Ąumte Peters in der Nacht zum Donnerstag ein.

Der Umsatz legte im Vergleich zum Vorjahresquartal um 2,7 Prozent auf knapp 8,2 Milliarden Dollar zu. Unterm Strich gab es einen Gewinn von 1,49 Milliarden Dollar nach schwarzen Zahlen von 1,44 Milliarden Dollar ein Jahr zuvor. Anleger waren von den Quartalszahlen und der Prognose nicht beeindruckt: Die Aktie fiel im nachb├Ârslichen Handel um gut acht Prozent. Zuvor war der Kurs seit Jahresbeginn um mehr als 60 Prozent gestiegen.

Durch den Streik der Drehbuchautoren und Schauspieler in Hollywood wird Netflix im laufenden Quartal zun├Ąchst einmal mehr freies Geld ausgeben. So geht es auch anderen Streaming-Diensten und TV-Sendern in Amerika. Doch der Streik bedeutet auch eine L├╝cke beim Nachschub von Filmen und Fernsehserien. Wenn der Ausstand in den September hinein andauere, „wird das ein echtes Problem“, sagte Branchenanalyst Michael Nathanson im Wirtschaftssender CNBC.

Die Industrie bereitet sich darauf vor. So will etwa Paramount die L├╝cken im Programm seines Sendern CBS mit Folgen der Serie „Yellowstone“ stopfen, die eigentlich ein Zugpferd der hauseigenen Netflix-Konkurrenz Paramount+ ist. Netflix mit einer grossen Bibliothek an Filmen und Serien sowie ├╝ber die Welt verteilten Produktionsstudios wird in einer besseren Position als einige Rivalen gesehen.

Im Videostreaming-Gesch├Ąft herrscht ein scharfer Konkurrenzkampf um Nutzer, insbesondere nachdem immer mehr Player mit eigenen Diensten in den Markt dr├Ąngten: Studios wie Disney, Warner und Paramount, Tech-Riesen wie Amazon und Apple. Netflix geh├Ârt zu den Anbietern, die weniger ausgabefreudige Nutzer mit einem g├╝nstigeren Angebot mit Werbeanzeigen gewinnen wollen.

Und dieser Ansatz scheint zu funktionieren. Bei Netflix habe sich die Zahl der Nutzer des Tarifs binnen drei Monaten fast verdoppelt – wenn auch von einem niedrigeren Niveau aus, hiess es. Pro Nutzer mache Netflix dank der Anzeigeneinnahmen bereits weltweit mehr Umsatz im Anzeigen-Abo als in der werbefreien Basis-Version. In den USA h├Ątten die Erl├Âse pro Nutzer im dort 6,99 Dollar teuren Werbemodell sogar das Standard-Abo f├╝r 15,49 Dollar ├╝berholt.

Beim Streaming-Dienst Disney+ entschieden sich zuletzt 40 Prozent der Neukunden f├╝r die g├╝nstigere Version mit Werbung, wie j├╝ngst Konzernchef Robert Iger sagte. Netflix will nun f├╝r Werbekunden so attraktiv wie m├Âglich werden. Unter anderem k├Ânnen sie Anzeigenplatz auf Wunsch ausschliesslich in den zehn popul├Ąrsten Filmen und Serien buchen – was ein breites Publikum garantiert.

Eine spannende Frage in der Branche ist nun, ob Werbeausgaben beschleunigt aus dem klassischen TV ins Streaming mit Werbung abfliessen werden. Disney-Chef Iger zeigte sich zuletzt so skeptisch ├╝ber die Zukunft des linearen Fernsehens, dass er nicht ausschloss, die konzerneigenen TV-Sender wie ABC auf lange Sicht loszuwerden.

(text:sda/bild:unsplash)