15 Januar 2023

Viele Opfer nach „Raketenterror“ in ukrainischer Stadt Dnipro

Nach den neuen russischen Raketenattacken auf die Ukraine mit Toten und Verletzten in der Stadt Dnipro hat die FĂŒhrung des angegriffenen Landes mehr Waffen vom Westen gefordert. Der Terror lasse sich stoppen mit westlichen Waffen, auf die die ukrainische Armee warte, sagte PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj am Samstag in seiner allabendlichen Videobotschaft. Zuvor hatte er Grossbritannien gedankt, das als erstes Land westliche Kampfpanzer an die Ukraine liefern will. Das sei ein Signal fĂŒr andere Partner der Ukraine, ebenso zu handeln.

Grossbritannien will der Ukraine in den kommenden Wochen 14 Kampfpanzer vom Typ Challenger 2 zur Abwehr der russischen Angreifer zur VerfĂŒgung stellen. Das teilte die Regierung mit, nachdem Premierminister Rishi Sunak mit Selenskyj telefoniert hatte. Die britischen Verteidigungs- und Sicherheitsbehörden sĂ€hen eine Gelegenheit zum Handeln, da Russland „wegen VersorgungsengpĂ€ssen und schwindender Moral (seiner Truppen) in die Defensive geraten ist“. Auch VerbĂŒndete sollten ihre fĂŒr 2023 geplante UnterstĂŒtzung „sobald wie möglich auf den Weg bringen, um maximale Wirkung zu erzielen“.

Die Ukraine hat bislang keine Kampfpanzer westlicher Bauart geliefert bekommen, sondern nur sowjetische Modelle aus dem Bestand osteuropĂ€ischer Nato-LĂ€nder. Kiew fordert seit langem die Lieferung des deutschen Panzers Leopard 2, der den russischen Panzern technisch ĂŒberlegen ist. Polen und Finnland haben sich bereiterklĂ€rt, im europĂ€ischen Verbund Leopard-Panzer zu liefern. Die Bundesregierung hat sich noch nicht dazu positioniert.

Am Freitag kommender Woche werden die Verteidigungsminister der westlichen VerbĂŒndeten der Ukraine auf dem US-LuftwaffenstĂŒtzpunkt Ramstein in Rheinland-Pfalz ĂŒber weitere militĂ€rische UnterstĂŒtzung fĂŒr das Land beraten. Vor den Verhandlungen forderte der ukrainische Botschafter Oleksii Makeiev die Bundesregierung eindringlich auf, schnell Leopard-2-Panzer an sein Land zu liefern. „Deutsche Waffen, deutsche Panzer sind ĂŒberlebenswichtig“, sagte er im dpa-Interview. „Zum Diskutieren haben wir sehr wenig Zeit. Und wir erwarten, dass unsere VerbĂŒndeten das auch verstehen und richtig handeln.“

Der deutsche RĂŒstungskonzern Rheinmetall wies darauf hin, dass eine Lieferung instandgesetzter Leopard-Kampfpanzer aus seinen BestĂ€nden Zeit brauche. „Selbst wenn morgen die Entscheidung fĂ€llt, dass wir unsere Leopard-Panzer nach Kiew schicken dĂŒrfen, dauert die Lieferung bis Anfang nĂ€chsten Jahres“, sagte Vorstandschef Armin Papperger der „Bild am Sonntag“. Rheinmetall verfĂŒgt ĂŒber 22 Fahrzeuge vom Leopard 2 und ĂŒber 88 Exemplare des Ă€lteren Modells Leopard 1.

In Dnipro, wo bei einem russischen Raketenangriff auf ein bewohntes Hochhaus laut vorlĂ€ufigen Behördenangaben 20 Menschen getötet worden waren, dauerte die Suche nach VerschĂŒtteten an. Bis zum Sonntagvormittag seien 73 Menschen verletzt aus den TrĂŒmmern des teils eingestĂŒrzten Hochhauses gerettet worden – darunter 14 Kinder, teilte der ukrainische Zivilschutz auf Telegram mit. Unter den Toten sei ein 15 Jahre altes MĂ€dchen, hiess es.

Helfer zogen die Menschen aus dem Schutt des teils eingestĂŒrzten Hauses. Laut EinsatzkrĂ€ften wurden 72 Wohnungen zerstört. Insgesamt seien in dem Haus zwischen 100 und 200 Menschen gemeldet gewesen.

Die PrĂ€sidialverwaltung in Kiew veröffentliche Aufnahmen von dem in TrĂŒmmern liegenden GebĂ€ude. Der Leiter des PrĂ€sidialamts, Andrij Jermak, zeigte sich entsetzt: „Russen sind Terroristen, die bestraft werden fĂŒr alles. Alle – ohne Ausnahme.“ Er sagte, dass die Flugabwehr und LuftstreitkrĂ€fte ihre Arbeit erledigten. „Wir werden zurĂŒckschlagen.“ Der Feind Ă€ndere seine Taktik nicht und setze seine SchlĂ€ge gegen die zivile Infrastruktur fort.

Selenskyj beklagt SchÀden an Energie-Infrastruktur

Staatschef Selenskyj verurteilte Russland dafĂŒr, dass es nicht nur „Tod sĂ€t“, sondern auch die Energie-Infrastruktur des Landes erneut durch den Raketenbeschuss getroffen habe – demnach besonders hart in der Region Charkiw im Osten der Ukraine und in der Hauptstadt Kiew. Dort liefen die Arbeiten fĂŒr eine Wiederherstellung der Versorgung auf Hochtouren, wie die Regierung mitteilte. Insgesamt waren sechs Gebiete des Landes von StromausfĂ€llen betroffen, hiess es. In der benachbarten Republik Moldau beklagte die Regierung erneut, dass Raketenteile auf ihr Staatsgebiet gefallen seien.

Erster russischer Grossangriff seit dem Jahreswechsel

Der Raketeneinschlag in Dnipro war der folgenreichste von mehreren Angriffen am Samstag. Russland hatte am Morgen und am Nachmittag Ziele in der Ukraine beschossen. Im ganzen Land galt zeitweise Luftalarm. Es war der erste russische Grossangriff dieser Art seit dem Jahreswechsel. Das ukrainische MilitĂ€r teilte mit, von 38 russischen Raketen am Samstag 25 seien abgeschossen worden. Die und andere Angaben zum Kampfgeschehen liessen sich nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒfen.

Zuvor hatten die ukrainischen LuftstreitkrĂ€fte vor möglichen neuen Angriffen gewarnt. Demnach waren zahlreiche russische Langstreckenbomber vom Typ Tupolew Tu-95 tagsĂŒber in der Luft. Im Schwarzen Meer hatten zudem russische Kriegsschiffe Stellung bezogen, von denen ebenfalls immer wieder Raketen abgefeuert werden.

In Kiew waren am Morgen ExplosionsgerĂ€usche zu hören, die meist entstehen, wenn die ukrainische Flugabwehr russische Raketen oder Drohnen abschiesst. Der Sprecher der ukrainischen LuftstreitkrĂ€fte, Juryj Ignat, sagte einem Bericht der Internetzeitung „Ukrajinska Prawda“ zufolge, dass es sich bei den Angriffen um ballistische Raketen gehandelt haben könnte, die aus nördlicher Richtung gekommen seien. Demnach könnten die Raketen von Belarus aus abgeschossen worden sein. Russland hatte dorthin Truppen und Technik verlegt.

Die Ukraine habe keine effektiven Mittel der Ortung und Vernichtung ballistischer Raketen, sagte Ignat. So erklĂ€rte er auch, dass der Luftalarm am Samstagmorgen erst verspĂ€tet eingesetzt hatte. Viele BĂŒrger hatten sich darĂŒber gewundert. Im Gebiet von Kiew wurden Behörden zufolge 28 GebĂ€ude beschĂ€digt.

Russland greift seit Oktober besonders Objekte der Energie-Infrastruktur an, um die Menschen zu demoralisieren und von der ukrainischen FĂŒhrung mögliche ZugestĂ€ndnisse in dem Krieg zu erzwingen. Selenskyj will erst bei einem vollstĂ€ndigen russischen Truppenabzug mit Moskau ĂŒber einen Frieden verhandeln.

Was am Sonntag wichtig wird

Vor allem im Osten des Landes im Gebiet Donezk gehen die Gefechte zwischen russischen und ukrainischen Truppen weiter. Russland will nach der Eroberung der Stadt Soledar bald die gesamte Region einnehmen.

(text&bild:sda)