13 September 2023

Verzweifelte Suche nach ├ťberlebenden in Libyen

Nach den katastrophalen ├ťberschwemmungen in Libyen herrscht in dem B├╝rgerkriegsland weiter Ausnahmezustand.

Allein in der besonders schwer getroffenen Hafenstadt Darna sind mehr als 30 000 Menschen obdachlos geworden, weitere Tausende in anderen St├Ądten des Landes-Ostens, wie die Internationalen Organisation f├╝r Migration (IOM) auf X, ehemals Twitter, mitteilte. Rettungskr├Ąfte suchten am Mittwoch weiter nach Toten. Rund 10 000 Menschen gelten als vermisst, doch die Hoffnung schwindet allm├Ąhlich. Nach Angaben der Verwaltung im Osten des Landes kamen mehr als 5000 Menschen ums Leben. Die genaue Zahl ist nur schwer unabh├Ąngig zu beziffern.

Menschen in Libyen beerdigen ihre Toten

Der Sturm „Daniel“, der zuvor auch in Griechenland w├╝tete, hatte am Sonntag das nordafrikanische Land erfasst. Nahe der K├╝stenstadt Darna brachen zwei D├Ąmme, ganze Viertel der Stadt mit ihren rund 100 000 Einwohnern wurden ins Meer gesp├╝lt. Videos in sozialen Medien zeigten Fahrzeugkolonnen, die Tote abtransportierten, auf anderen Aufnahmen trieben Leichen im Meer. Auch neue Drohnenaufnahmen zeigen die dramatische Lage. Ganze Strassenz├╝ge Darnas sind in meterhohem Schlamm versunken. Helfer suchen unter den Erdmassen nach ├ťberlebenden.

Die Hilfsorganisation Care Libyen teilte mit, bei einem Wasserstand von bis zu zehn Metern sei das Gebiet um Darna v├Âllig zerst├Ârt sowie die Kommunikations- und Stromnetze lahmgelegt worden. Der B├╝rgermeister in Schahat sprach von rund 20 000 Quadratkilometern ├╝berfluteter Gebiete – eine Fl├Ąche etwa so gross wie Sachsen-Anhalt. Die betroffenen Regionen wurden zu Katastrophengebieten erkl├Ąrt.

Ein Sprecher der Regierung im Osten des Landes sagte, mehr als 1000 unidentifizierte Leichen seien am Mittwoch in Massengr├Ąbern beerdigt worden. Insgesamt wurden demnach bereits mehr als 3000 Menschen beigesetzt. Hilfsorganisationen, Politiker und die Armee rechnen damit, dass die Zahl der Toten noch weiter steigen k├Ânnte.

Immer mehr L├Ąnder bieten Hilfe an

Ein Sprecher des UN-Generalsekret├Ąrs Ant├│nio Guterres in New York sagte, man arbeite mit lokalen, nationalen und internationalen Partnern zusammen, „um den Menschen in den betroffenen Gebieten dringend ben├Âtigte humanit├Ąre Hilfe zukommen zu lassen“. Ein UN-Team sei vor Ort. Man kooperiere mit den Beh├Ârden, um Bedarf zu ermitteln und laufende Hilfsmassnahmen zu unterst├╝tzen. Neben Darna waren auch andere St├Ądte wie Al-Baida, Al-Mardsch, Susa und Schahat betroffen.

Experte: Waren beim Klimawandel zu sorglos

Die schweren Unwetter in der Mittelmeerregion lassen sich nach Expertenmeinung wahrscheinlich dem Klimawandel zuordnen. In der letzten Woche seien Niederschl├Ąge gemessen worden, die es so in Europa noch nie gegeben habe, sagte der Kieler Meteorologe Mojib Latif im Bayerischen Rundfunk. „Ich glaube, wir waren viel, viel zu sorglos, was den Klimawandel angeht.“ Dies ├Ąndere sich gerade.

„Klimawandel bedeutet nicht einfach nur h├Âhere Temperaturen, sondern bedeutet vor allem extremeres Wetter, mehr Schadenspotenzial und vor allen Dingen auch eine gigantische Herausforderung“, sagte Latif. Man k├Ânne sich ein St├╝ck weit anpassen, aber es gebe auch Grenzen: „Bei solchen Wassermassen, was wollen sie (in Libyen) da noch tun?“

Ein vom B├╝rgerkrieg geschw├Ąchtes Land

Derzeit k├Ąmpfen zwei verfeindete Regierungen – eine mit Sitz im Osten, die andere mit Sitz im Westen – um die Macht. Alle diplomatischen Bem├╝hungen, den bis heute andauernden B├╝rgerkrieg friedlich beizulegen, scheiterten bislang. Zahlreiche Konfliktparteien ringen um Einfluss, nachdem Langzeitmachthaber Muammar al-Gaddafi 2011 gewaltsam gest├╝rzt worden war.

Laut Libyen-Experte Wolfram Lacher von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) ist die Katastrophe in dem Land auch mit der politischen Situation verkn├╝pft. „Der Grund f├╝r das Ausmass der Katastrophe ist der Bruch dieser zwei D├Ąmme oberhalb von Darna“, sagte er dem ZDF. Jahrelang sei dort nicht ausreichend in die Infrastruktur investiert worden. „Gaddafi hat damals die Stadt daf├╝r bestraft, dass in ihr Aufst├Ąndische die Waffen ergriffen hatten.“

Zwar sei in den letzten Jahren immer etwas Geld geflossen, „aber das ging unter anderem in die Taschen von Milizenf├╝hrern und Kriegsprofiteuren“.

(text:sda/bild:keystone)