19 April 2021

US-Staatsanwalt: Chauvin direkt fĂŒr George Floyds Tod verantwortlich

Der weisse Ex-Polizist Derek Chauvin ist nach Ansicht der Staatsanwaltschaft direkt fĂŒr Tod des Afroamerikaners George Floyd verantwortlich und muss verurteilt werden. Dessen exzessive und erbarmungslose Gewaltanwendung habe Floyd umgebracht, sagte Staatsanwalt Steve Schleicher am Montag im SchlussplĂ€doyer am Gericht in Minneapolis. Floyd habe Chauvin bis zu seinem letzten Atemzug gebeten, ihn atmen zu lassen, wĂ€hrend dieser neun Minuten und 29 Sekunden erbarmungslos auf ihm gekniet habe. „Der Angeklagte hat nicht geholfen“ und damit klar gegen die Regeln fĂŒr PolizeieinsĂ€tze verstossen, betonte Schleicher an die Geschworenen gerichtet.

Chauvin sei „weiter auf Floyd geblieben und drĂŒckte ihn mit seinem Knie zu Boden“, selbst als dieser schon leblos war, sagte Schleicher. Floyd habe keinen Puls mehr gehabt, der Rettungswagen sei vor Ort gewesen, aber Chauvin habe ihn immer noch in den „unnachgiebigen“ Asphalt gepresst. Der Staatsanwalt betonte den Geschworenen gegenĂŒber immer wieder, dass Floyds Überlebenskampf unter Chauvins Knie 9 Minuten und 29 Sekunden gedauert habe – und das obwohl Floyd nur wegen des Verdachts festgenommen worden sei, mit einem falschen 20-Dollar-Schein gezahlt zu haben.

Nach den PlĂ€doyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung werden die Mitglieder der Jury beraten, um ĂŒber Schuld oder Unschuld Chauvins zu befinden. Der schwerwiegendste Anklagepunkt gegen Chauvin lautet Mord zweiten Grades ohne Vorsatz. Darauf stehen im US-Bundesstaat Minnesota bis zu 40 Jahre Haft. Nach deutschem Recht entsprĂ€che dies eher dem Totschlag. Zudem wird Chauvin auch Mord dritten Grades vorgeworfen, was mit bis zu 25 Jahren Haft geahndet werden kann. Auch muss er sich wegen Totschlags zweiten Grades verantworten, worauf zehn Jahre Haft stehen. Dieser Anklagepunkt entsprĂ€che nach deutschem Recht fahrlĂ€ssiger Tötung. Chauvin hat auf nicht schuldig plĂ€diert.

Schleicher bezeichnete die Argumentation der Verteidigung, dass Floyd nicht infolge von Chauvins Gewaltanwendung gestorben sei, als „Unsinn“. Chauvins Verteidiger Eric Nelson hat argumentiert, dass Floyds vorbelastete Gesundheit und RĂŒckstĂ€nde von Drogen in seinem Blut eine entscheidende Rolle bei seinem Tod gespielt hĂ€tten.

Schleicher betonte, Floyd sei nicht an einem Herzinfarkt oder einer Überdosis gestorben, sondern an einem Mangel an Sauerstoff, der HirnschĂ€den verursacht und Floyds Herz zum Stillstand gebracht habe, weil Chauvin ihm mit seinem Knie die Luftzufuhr abgeschnitten habe. Er habe ihn „vom Sauerstoff abgeschnitten, den Menschen zum Leben brauchen“. Daran gebe es keine glaubwĂŒrdige Zweifel, so Schleicher.

Der 46 Jahre alte Floyd war am 25. Mai vergangenen Jahres in Minneapolis bei einer Festnahme ums Leben gekommen. Videos dokumentierten, wie Polizisten den unbewaffneten Mann zu Boden drĂŒckten. Chauvin presste dabei sein Knie rund neun Minuten lang in Floyds Hals, wĂ€hrend dieser flehte, ihn atmen zu lassen.

Floyds Schicksal hatte in den USA mitten in der Pandemie eine Welle der Demonstrationen gegen Rassismus und Polizeigewalt ausgelöst – und wurde damit zur grössten Protestbewegung seit Jahrzehnten.

FĂŒr die Beratung der Geschworenen gibt es keine Zeitvorgabe – sie könnten innerhalb einer Stunde entscheiden oder nach einer Woche, wie Richter Peter Cahill vergangene Woche erklĂ€rte. Die Geschworenen dĂŒrfen wĂ€hrend der Beratungen nicht mehr nach Hause gehen, sondern werden in einem Hotel untergebracht. Die Mitglieder der Jury bleiben aus SicherheitsgrĂŒnden bis auf Weiteres anonym.

Die Erwartungen an das Verfahren sind immens. Viele Menschen, wohl auch die meisten Schwarzen, hoffen auf ein Urteil, das ein Zeichen gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA setzen wird – und dagegen, dass SicherheitskrĂ€fte oft straffrei davonzukommen scheinen. Sollte Chauvin freigesprochen werden oder eine kurze Haftstrafe bekommen, weil die Geschworenen ihn zum Beispiel nur des Totschlags fĂŒr schuldig befinden, dĂŒrfte es zu massiven Protesten kommen. Die SicherheitskrĂ€fte haben ihre PrĂ€senz in Minneapolis daher bereits verstĂ€rkt, viele GeschĂ€fte bereits ihre Vitrinen verrammelt.

(text:sda/bild:pixabay)