7 November 2022

UN-Chef warnt Klimakonferenz: „Sind auf dem Highway zur Klimah├Âlle“

Hungersn├Âte wegen extremer D├╝rren, Tausende Tote nach ├ťberschwemmungen und Unwettern: Auf der Weltklimakonferenz hat UN-Generalsekret├Ąr Ant├│nio Guterres in d├╝steren Worten vor den verheerenden Folgen der Erderhitzung gewarnt. „Wir sind auf dem Highway zur Klimah├Âlle – mit dem Fuss auf dem Gaspedal“, sagte Guterres am Montag vor Dutzenden Staats- und Regierungschefs im ├Ągyptischen Scharm el Scheich. Kanzler Olaf Scholz (SPD) k├╝ndigte auf dem Gipfel eine Verdoppelung der deutschen Mittel f├╝r den weltweiten Schutz der W├Ąlder an: von einer auf zwei Milliarden Euro.

Ausserdem stellt Deutschland nach den Worten des Kanzlers f├╝r einen Schutzschirm zur Abfederung bei Klimakatastrophen 170 Millionen Euro zur Verf├╝gung, wie Scholz laut vorab ver├Âffentlichtem Redemanuskript sagte. Beide Vorhaben werden aus den j├Ąhrlichen Mitteln f├╝r den Kampf gegen die Klimakrise finanziert, die bis 2025 von 5,3 auf sechs Milliarden Euro aufgestockt werden sollen.

Bis Ende kommender Woche beraten in ├ägypten die Vertreter von rund 200 Staaten dar├╝ber, wie die Erderw├Ąrmung auf ein noch ertr├Ągliches Mass einged├Ąmmt werden kann. Schon jetzt hat sich die Welt um etwa 1,1 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit aufgeheizt – Deutschland sogar noch deutlich st├Ąrker.

Guterres sagte, das 2015 in Paris vereinbarte Ziel, die Erw├Ąrmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, sei akut gef├Ąhrdet. „Wir k├Ąmpfen den Kampf unseres Lebens – und sind dabei zu verlieren.“ Konkret m├╝ssten daher die OECD-Staaten schon bis 2030 aus der Kohlekraft aussteigen, und alle ├╝brigen Staaten bis 2040. Die Organisation f├╝r wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hat 38 Mitgliedstaaten, die meisten mit hohem Pro-Kopf-Einkommen.

Der Portugiese rief zu einem „historischen Klima-Solidarpakt“ zwischen wohlhabenden Staaten sowie Schwellen- und Entwicklungsl├Ąndern auf. Dabei st├╝nden die USA und China besonders in der Verantwortung. Beide Staaten stossen mengenm├Ąssig die meisten klimasch├Ądlichen Treibhausgase aus – also vor allem Kohlendioxid und Methan. W├Ârtlich sagte er: „Die Menschheit hat eine Wahl: zusammenzuarbeiten oder unterzugehen!“

Scholz betonte, dass Deutschland „ohne Wenn und Aber“ aus den fossilen Energien aussteigen werde. Es d├╝rfe keine „Renaissance“ von Gas, ├ľl und Kohle geben. „F├╝r Deutschland sage ich: Es wird sie auch nicht geben.“ Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und die damit verbundene Abkopplung von russischen Gaslieferungen hat aber dazu gef├╝hrt, dass die deutschen Kohlekraftwerke l├Ąnger am Netz bleiben und die Bundesregierung die Erschliessung von Gasfeldern zum Beispiel in Afrika f├Ârdern will.

├ägyptens Pr├Ąsident Abdel Fattah al-Sisi sagte, es gebe grosse Erwartungen auf gute Ergebnisse. „Millionen Menschen rund um den Planeten haben ihre Blicke auf uns gerichtet.“ Die Folgen klimabedingter Wetterereignisse seien so verheerend wie nie zuvor. „Wir haben eine Katastrophe nach der anderen erlebt. Sobald wir eine Katastrophe bew├Ąltigen, entsteht eine andere – Welle f├╝r Welle.“ Die Erde habe sich in eine „Welt des Leids“ verwandelt.

In Scharm el Scheich herrschen sehr hohe Sicherheitsvorkehrungen. US-Pr├Ąsident Joe Biden will am Freitag teilnehmen, Russlands Pr├Ąsident Wladimir Putin wird dagegen nicht erwartet. Vor Ort am Roten Meer sind 45 000 Teilnehmer registriert.

Der Pr├Ąsident der Afrikanischen Union, Macky Sall, bezeichnete das Treffen als Chance, „Geschichte zu schreiben oder ein Opfer der Geschichte zu werden“. EU-Kommissionspr├Ąsidentin Ursula von der Leyen schrieb auf Twitter: „Wir stehen vor vielen Herausforderungen, aber der Klimawandel ist die gr├Âsste.“ Bei der COP27 gehe es darum, gegebene Versprechen umzusetzen. „Wir m├╝ssen alles tun, was wir k├Ânnen, um 1,5 Grad in Reichweite zu halten.“

Der fr├╝here US-Vizepr├Ąsident Al Gore mahnte, der Ukraine-Krieg d├╝rfe keine Ausrede sein f├╝r ein Festhalten an klimasch├Ądlichen fossilen Energietr├Ągern wie ├ľl, Gas und Kohle. Der Friedensnobelpreistr├Ąger sprach von einer „Kultur des Todes“, die ├╝berwunden werden m├╝sse. Doch seien die Anstrengungen zur Reduzierung der Treibhausgase unzureichend. „Wir haben ein Glaubw├╝rdigkeitsproblem – wir alle hier.“

Umweltsch├╝tzer warnten die reichen Industriestaaten davor, ausgerechnet w├Ąhrend der Konferenz neue Gaslieferungen mit afrikanischen Staaten auszuhandeln. Es seien viele Gas-Lobbyisten in Scharm el Scheich zu erwarten. Das Treffen drohe zu einem „Greenwashing“-Festival zu verkommen, warnten Vertreter von Powershift Africa, Greenpeace und des Climate Action Networks.

Mohamed Adow von Powershift Africa sagte: „Dies ist eine neue Form des Kolonialismus – und ├╝ber Gas-Deals, die afrikanische Ressourcen betreffen, kann nicht in Berlin entschieden werden.“ Mit Greenwashing sind Strategien gemeint, mit denen sich Unternehmen oder Staaten wahrheitswidrig als besonders umweltfreundlich darstellen.

Bereits im Mai hatte Scholz dem Senegal Unterst├╝tzung bei der Erschliessung eines Gasfeldes vor der K├╝ste versprochen. Das kleine Land in Westafrika soll zumindest einen Teil der L├╝cke f├╝llen, die durch das fehlende Gas aus Russland entstanden ist.

(text:sda/bild:unsplash)