12 August 2023

Ukraine spricht deutsche Bedenken an – Die Nacht im Überblick

Die Ukraine bekrĂ€ftigt ihre Forderung nach Marschflugkörpern Taurus aus Deutschland und versucht Bedenken in Berlin gegen die Lieferung auszurĂ€umen. Wegen ihrer hohen Reichweite wĂŒrden die Taurus militĂ€risch dringend benötigt – genauso wie die ebenfalls erbetenen ATACMS aus den USA, erklĂ€rte Aussenminister Dmytro Kuleba in Kiew. Er sicherte zu: „Beide werden ausschliesslich innerhalb unserer Grenzen eingesetzt werden.“ Ähnlich Ă€usserte sich Vizeverteidigungsministerin Hanna Maljar.

Die BefĂŒrchtung, dass die Ukraine mit den bunkerbrechenden Waffen russisches Gebiet beschiessen könnte, gilt als Grund fĂŒr das Zögern in Berlin. Allerdings steigt der Druck auf Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), die Taurus-Lenkraketen mit einer Reichweite von 500 Kilometern an die Ukraine zu liefern. Einem „Spiegel“-Bericht zufolge wird erwogen, die Waffen so zu programmieren, dass sie nicht gegen Ziele in Russland gerichtet werden können.

PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj beriet mit Spitzenvertretern aus MilitĂ€r und Regierung, wie die Alternativrouten fĂŒr Getreideexporte ausgebaut werden können. Die SchwarzmeerhĂ€fen hat Russland blockiert.

An der Front im Osten und SĂŒden der Ukraine gab es unterdessen weiter schwere Gefechte, wie der ukrainische Generalstab am Freitagabend meldete. Die MilitĂ€rverwaltung von Sumy berichtete zudem erneut von russischem Beschuss des ukrainischen Gebiets im Nordosten nahe der Grenze zu Russland. Über Teilen der von Russland annektierten Schwarzmeerhalbinsel Krim wurde in der Nacht die Flugabwehr aktiviert. Der russische Angriffskrieg gegen das Nachbarland Ukraine dauert bereits fast anderthalb Jahre. Samstag ist der 535. Kriegstag.

Flugabwehr ĂŒber Krim aktiv – Russland will Drohnen abgewehrt haben

Nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Moskau haben russische StreitkrĂ€fte in der Nacht zum Samstag eine Drohnenattacke Kiews ĂŒber der annektierten Schwarzmeerhalbinsel Krim abgewehrt. Die Ukraine habe die Krim mit 20 unbemannten Luftfahrzeugen angegriffen. „Der vereitelte Terroranschlag hat weder Opfer gefordert noch Schaden verursacht“, teilte das Ministerium laut einem Bericht der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Tass am Samstagmorgen mit. Demnach sollen 14 Drohnen von der Luftabwehr zerstört worden sein. Sechs weitere seien blockiert worden. Die Angaben liessen sich nicht unabhĂ€ngig verifizieren. Zuvor war in der Nacht ĂŒber Teilen der Krim die Flugabwehr aktiviert worden.

Russische Angriffe an allen Frontabschnitten

Der ukrainische Generalstab berichtete fĂŒr Freitag von heftigem russischem Artilleriebeschuss und von Luftangriffen an fast allen Frontabschnitten. Am Boden versuchten russische Truppen bei Kupjansk, Bachmut, Awdijiwka und Marjinka vorzurĂŒcken. Diese Angriffe seien abgewehrt worden, hiess es im Abendbericht. UnabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒfbar sind die MilitĂ€rangaben nicht. Es wurde nichts zu eigenen Angriffen im Rahmen der ukrainischen Gegenoffensive berichtet.

Bei einem russischen Raketenangriff sei es gelungen, eine von vier Hyperschallraketen des Typs Kinschal abzufangen. EinschlĂ€ge gab es den Angaben nach im Westen des Landes, wo die ukrainische Luftwaffe ihre StĂŒtzpunkte hat.

Ukraine: Grenzgebiet Sumy erneut unter russischem Beschuss

Russland hat nach Angaben der regionalen MilitĂ€rverwaltung erneut das ukrainische Gebiet Sumy nahe der russischen Grenze angegriffen. Im Tagesverlauf sei das Gebiet im Nordosten der Ukraine neunmal unter Beschuss geraten, teilte die MilitĂ€rverwaltung von Sumy am Freitagabend bei Telegram mit. Insgesamt seien 51 Explosionen registriert worden. Dabei seien unter anderem in der Gemeinde Seredyna-Buda zwei WohnhĂ€user beschĂ€digt worden. Berichte ĂŒber Opfer gab es zunĂ€chst nicht. Die Angaben liessen sich nicht verifizieren.

Kiew fordert Zusage fĂŒr Taurus-Lenkraketen

„Je grösser die Reichweite, desto kĂŒrzer der Krieg“, schrieb Kuleba am Freitag im sozialen Netzwerk X (frĂŒher Twitter) ĂŒber die erbetenen Marschflugkörper. „Wir bitten unserer Partner, sie so schnell wie möglich zur VerfĂŒgung zu stellen.“

Die Ukraine braucht diese Waffen, um russische StĂŒtzpunkte und Versorgungslinien weit hinter der Front auszuschalten. Von Grossbritannien und Frankreich hat die Ukraine bereits Ă€hnliche Marschflugkörper des Typs Storm Shadow/Scalp bekommen. Auch diese wurden nicht gegen russisches Staatsgebiet, sondern nur gegen Ziele in den russisch besetzten Teilen der Ukraine eingesetzt.

Die Ukraine halte sich an Völkerrecht, sagte die stellvertretende Verteidigungsministerin Maljar dem ZDF-„heute-journal“. „Das bedeutet, dass die Ukraine sich nur auf ihrem Territorium verteidigt.“ Strategisches Ziel sei die Befreiung der von Russland besetzten Gebiete.

Druck auf Scholz nimmt zu

In Berlin forderten Politiker aus Regierungsparteien und Opposition, den ukrainischen StreitkrĂ€ften die Taurus zu ĂŒberlassen. Scholz sagte indes der „ThĂŒringer Allgemeinen“ (Online/Freitag): „Es gibt in dieser Frage keinen neuen Sachstand mitzuteilen.“ Auch das Verteidigungsministerium machte deutlich, es gebe keinen geĂ€nderten Kurs. Nach Medienberichten laufen indes GesprĂ€che zwischen Ministerium und RĂŒstungsindustrie, um die Lieferung vorzubereiten.

Ukraine sucht Alternativrouten fĂŒr Getreideexporte

„Wir tun alles, was möglich ist, damit die Ukraine weiter ein Garant fĂŒr ErnĂ€hrungssicherheit ist“, sagte Selenskyj in seiner abendlichen Videoansprache. Auch brauche die Bevölkerung der Ukraine Zugang zu den WeltmĂ€rkten. Russland hatte Mitte Juli seine Sicherheitsgarantien fĂŒr ukrainische Getreideausfuhren ĂŒber das Schwarze Meer zurĂŒckgezogen. Mit Luftangriffen auf HĂ€fen wie Odessa versuchte Moskau dann, die Infrastruktur fĂŒr solche Exporte zu zerstören. Auch ukrainische HĂ€fen an der Donau, durch die eine Ausweichroute lĂ€uft, wurden angegriffen. Der Transport von Agrarprodukten mit Eisenbahn oder Lastwagen ist aufwendiger und teurer als das Verschiffen.

USA verhÀngt Sanktionen gegen russische Bankchefs

Die US-Regierung hat Sanktionen gegen vier – wie es hiess – „prominente Mitglieder der russischen Finanzelite“ verhĂ€ngt. Sie seien mit der Alfa Gruppe verbunden, einem der grössten Finanz- und Industriekonzerne in Russland, teilte das Aussenministerium mit. Betroffen sind die Oligarchen Michail Fridman, MitbegrĂŒnder der Alfa Gruppe, German Chan, Alexej Kusmitschow und Pjotr Awen. Als eine Folge werden mögliche Vermögenswerte in den USA gesperrt.

Russische Wirtschaft wÀchst wieder

Die russische Wirtschaft ist im FrĂŒhjahr nach offiziellen Angaben wieder gewachsen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte im zweiten Quartal um 4,9 Prozent zum Vorjahr zu, wie das Statistikamt bekanntgab. Zuvor war die russische Wirtschaft vier Quartale in Folge im Jahresvergleich geschrumpft. Allerdings beruht das Wachstum vor allem auf Staatsausgaben, auf den hohen Kosten fĂŒr den Krieg gegen die Ukraine. Der private Konsum wird durch gestiegene Sozialleistungen und höhere Löhne beflĂŒgelt. Der Rubel ist zum Dollar und zum Euro auf den niedrigsten Stand seit MĂ€rz 2022 gefallen.

(text:sda/bild:keystone)