16 Juli 2021

├ťber 100 Tote bei Flutkatastrophe in Deutschland

Die Gefahr ist nach der Hochwasserkatastrophe im Westen der Bundesrepublik noch nicht vorbei. Zwar geht an einigen Orten der verheerenden Flut geht das Wasser zur├╝ck – aber die Zahl der Toten steigt und steigt. Bis zum Freitagabend wurden insgesamt 106 Todesopfer gez├Ąhlt – in Rheinland-Pfalz kamen nach offiziellen Angaben mindestens 63 Menschen ums Leben, in Nordrhein-Westfalen 43. In beiden Bundesl├Ąndern wurden zudem noch viele Menschen vermisst, ihre genaue Zahl war weiterhin unklar.

In der Nacht und am Samstag sollten die Such- und Rettungsarbeiten weitergehen. Bei mancherorts sinkenden Pegelst├Ąnden und weniger Regen deutete sich immerhin etwas Entspannung an. Dennoch: Einige Orte bleiben weiterhin evakuiert.

Eine besonders dramatische Lage ergab sich am Freitag in Erftstadt-Blessem s├╝dwestlich von K├Âln: Dort kam es zu gewaltigen Erdrutschen, es bildeten sich Krater im Erdreich. Nach Stand Freitagabend st├╝rzten drei Wohnh├Ąuser und ein Teil der historischen Burg ein. Es war unklar, wie viele Opfer es gab. Der zust├Ąndige Landrat, Frank Rock, sagte im Fernsehsender ntv, 50 Menschen seien mit Booten gerettet worden.

23 St├Ądte und Landkreise sind in NRW nach Angaben des Bundesamtes f├╝r Bev├Âlkerung und Katastrophenschutz (BBK) in Bonn von ├ťberschwemmungen betroffen. In Rheinland-Pfalz ist der Kreis Ahrweiler Schwerpunkt der Katastrophe. Mindestens 362 Menschen wurden hier verletzt, wie die Polizei in Koblenz am Freitag mitteilte. Allein im ├ľrtchen Schuld an der Ahr mit 700 Einwohnern wurden mehrere H├Ąuser von den Wassermassen mitgerissen und zahlreiche weitere Geb├Ąude teils schwer besch├Ądigt. Erhebliche Sch├Ąden gab es auch in anderen Regionen der Eifel und im Landkreis Trier-Saarburg.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) plant, in die betroffene Region in Rheinland-Pfalz zu reisen. Sie sei mit der Mainzer Landesregierung ├╝ber einen baldigen Besuch im Katastrophengebiet im Gespr├Ąch, teilte der Sprecher der Bundesregierung, Steffen Seibert, am Freitag mit.

Am Freitagabend nahm Merkel nach Angaben der Bundesregierung gemeinsam mit dem nordrhein-westf├Ąlischen Ministerpr├Ąsidenten Armin Laschet und Innenminister Herbert Reul (beide CDU) an einer Videoschalte der Koordinierungsgruppe des NRW-Innenministeriums teil. Sie informierte sich ├╝ber die aktuelle Lage im Katastrophengebiet und sicherte kurz- und langfristige Unterst├╝tzung durch den Bund zu.

Bundespr├Ąsident Frank-Walter Steinmeier plant derweil am Samstagmittag zusammen mit Laschet einen Besuch in Erftstadt. Ein Besuch des Staatsoberhaupts in Rheinland-Pfalz ist nach Angaben einer Sprecherin der Mainzer Staatskanzlei vom Freitagabend derzeit nicht geplant. Steinmeier hatte am Freitag von einer Trag├Âdie gesprochen. „Das macht mich fassungslos“, sagte er in Berlin. In Gedanken sei er bei den Hinterbliebenen der Opfer. „Ihr Schicksal trifft mich ins Herz.“

Laschet beklagte eine „Flut-Katastrophe von historischem Ausmass“. Es sei zu bef├╝rchten, dass die Opferzahlen weiter steigen. Seine Amtskollegin aus Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer (SPD), nannte die Lage „weiterhin extrem angespannt in unserem Bundesland“. Sie f├╝gte in Trier hinzu: „Das Leid nimmt auch gar kein Ende.“

Gr├╝nen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock reiste nach dem Abbruch ihres Urlaubs in die Krisengebiete. Wie eine Sprecherin am Freitagabend mitteilte, will sich die Parteichefin vor Ort ├╝ber die Lage der Menschen informieren. Dabei verzichte sie bewusst auf Pressebegleitung oder ├Âffentliche Auftritte. Zun├Ąchst hatte der „Spiegel“ ├╝ber die Reise der Gr├╝nen-Chefin berichtet. Den Angaben zufolge traf Baerbock am Freitag in Mainz ein, f├╝r Samstag sind weitere Termine in Nordrhein-Westfalen angesetzt.

Auch am Freitagnachmittag waren noch rund 102 000 Menschen ohne Strom. Das Unwetter und die daraus entstandenen ├ťberflutungen sorgten weiterhin f├╝r Ausf├Ąlle in der Stromversorgung in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, teilte der zum Eon-Konzern geh├Ârende Energieversorger Westenergie in Essen mit.

Neben der Unterst├╝tzung von Einsatzkr├Ąften aus anderen Bundesl├Ąndern helfen derzeit auch rund 900 Soldatinnen und Soldaten bei der Bew├Ąltigung der Katastrophe. Die Rettung von Menschenleben stehe dabei im Vordergrund, die Bundeswehr unterst├╝tze aber auch mit Material, teilte die Streitkr├Ąftebasis in Bonn mit. Das Verteidigungsministerium hatte wegen der Notlage einen milit├Ąrischen Katastrophenalarm ausgel├Âst. Damit k├Ânnten Entscheidungen von den Verantwortlichen am Ort schneller getroffen werden, so ein Sprecher.

Rheinland-Pfalz stellte als kurzfristige Unterst├╝tzung 50 Millionen Euro bereit, um etwa Sch├Ąden an Strassen, Br├╝cken und anderen Bauwerken zu beheben. Ministerpr├Ąsidentin Dreyer sagte im ZDF, f├╝r den Aufbau der betroffenen Landstriche sei auch die Hilfe des Bundes n├Âtig. Die Bundesregierung will nach Auskunft des Finanzministeriums n├Ąchste Woche ├╝ber Aufbauhilfen f├╝r B├╝rger und Kommunen entscheiden.

Laschet k├╝ndigte ein mehrstufiges Hilfsprogramm f├╝r die Opfer der Unwetterkatastrophe in NRW an. „Wir werden grosse finanzielle Kraftanstrengungen brauchen“, sagte der Unions-Kanzlerkandidat und NRW-Regierungschef nach der Sondersitzung seines Kabinetts. Die bisher f├╝r Soforthilfen bei Starkregen-Ereignissen zur Verf├╝gung stehenden Mittel w├╝rden „bei weitem nicht ausreichen“. Gespr├Ąche ├╝ber eine Beteiligung des Bundes liefen bereits.

Neben Hilfen f├╝r H├Ąrtef├Ąlle bei Privatleuten und Unternehmen seien Strukturhilfen f├╝r besch├Ądigte Strassen und Anlagen n├Âtig. Die Finanzverwaltung des Landes setzte zur Entlastung der vom Unwetter betroffenen B├╝rger einen Katastrophenerlass in Kraft. Damit k├Ânnen Wirtschaft und Privatpersonen Sonderabschreibungsm├Âglichkeiten f├╝r den Wiederaufbau nutzen.

Zum Gedenken an die Opfer der Unwetterkatastrophe sollen die Fahnen an zahlreichen Geb├Ąuden in NRW bis Montag auf Halbmast wehen. NRW-Innenminister Reul ordnete am Freitag f├╝r alle Dienstgeb├Ąude des Landes, der Gemeinden und Gemeindeverb├Ąnde Trauerbeflaggung an. In Rheinland-Pfalz sollten am Freitag die Fahnen an allen Beh├Ârden auf halbmast gesetzt werden.

Angesichts der enormen Sch├Ąden richtete die Landesregierung in Rheinland-Pfalz ein Spendenkonto f├╝r Betroffene ein. Der Chemiekonzern BASF spendet eine Million Euro zur Hilfe in den betroffenen Hochwasser-Regionen, die katholischen Erzbist├╝mer Paderborn und K├Âln k├╝ndigten an, jeweils 100 000 Euro zu spenden. Nach einem Aufruf der Stadt Bonn, Unterk├╝nfte anzubieten, gingen Hilfsangebote f├╝r mehr als 1000 Betroffene ein. Auch die Stadt K├Âln stellte kurzfristig Unterk├╝nfte f├╝r 80 Menschen aus Erftstadt bereit.

In Baden-W├╝rttemberg machten Unwetter und Hochwasser den Menschen zu schaffen. In einigen Regionen wurden erneut Strassen gesperrt, im Allg├Ąu stand ein Wohngebiet unter Wasser. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) warnte vor Starkregen und Gewittern etwa in Oberschwaben. Vor allem in kleineren Gew├Ąssern k├Ânne der Wasserstand schnell ansteigen.

Laut Fr├╝hwarnprognose des Landesamts f├╝r Umwelt Rheinland-Pfalz sank die Hochwassergefahr zuletzt. Nur f├╝r das Einzugsgebiet der Ahr und der Zufl├╝sse der Unteren Sauer bestanden noch Warnungen. In NRW wird mit fallenden Wasserst├Ąnden gerechnet, aber teils nur langsam. Die Pegelst├Ąnde bewegten sich oft noch oberhalb der Warnschwellen, so das Landesumweltamt. Die Lage an der Steinbachtalsperre entspannte sich nach Auskunft des Kreises Euskirchen. Am Nachmittag hatte der Kreis gemeldet, dass eine Drohne keine kritischen Risse an dem Bauwerk entdeckt hatte.

Am Oberrhein wird das anhaltend starke Hochwasser die Schiffe nach Einsch├Ątzung des Wasserstrassen- und Schifffahrtsamts (WSA) in Freiburg noch mehrere Tage lang ausbremsen, teilte die Beh├Ârde am Freitag mit. Sie betreut die Wasserstrasse zwischen Weil am Rhein an der Grenze zur Schweiz und dem Bereich zwischen Mainz und Ginsheim (Hessen). Der Zugverkehr in NRW und Rheinland-Pfalz ist noch immer stark beeintr├Ąchtigt. Zahlreiche Strecken sind nach Angaben der Deutschen Bahn komplett gesperrt oder nur eingeschr├Ąnkt befahrbar.

Mit Hochwasser haben auch Nachbarl├Ąnder Deutschlands zu k├Ąmpfen. In Belgien kamen durch das Unwetter mindestens 14 Menschen ums Leben, wie die Nachrichtenagentur Belga berichtete. In der Schweiz stiegen Flusspegel nach starken Regenf├Ąllen massiv an. Zum Schutz vor einer Hochwasserwelle haben im S├╝den der Niederlande am Freitag Tausende Menschen ihre H├Ąuser und Wohnungen in Orten entlang der Maas verlassen m├╝ssen, in Venlo wurde ein Krankenhaus mit 200 Patienten vorsorglich evakuiert, teilten die Beh├Ârden mit.