18 Februar 2024

Trauer und viele offene Fragen nach Nawalnys Tod

Auch zwei Tage nach dem Tod des Kremlkritikers Alexej Nawalny haben die Angeh√∂rigen noch keinen Zugang zur Leiche erhalten. Mehr als 12 000 Menschen in Russland forderten laut B√ľrgerrechtlern bis Sonntagnachmittag in einem Aufruf, den Leichnam des in einem sibirischen Straflager ums Leben gekommenen Politikers an die Hinterbliebenen zu √ľbergeben.

Die B√ľrgerrechtsplattform OWD-Info hatte die Petition erst am sp√§ten Samstagnachmittag gestartet. Die Herausgabe m√ľsse schnell erfolgen, heisst es in der Erkl√§rung: „Wenigstens nach seinem Tod sollte Alexej Nawalny bei seinen Angeh√∂rigen sein.“

Der nach vielen Tagen in immer wieder angesetzter Einzelhaft körperlich geschwächte Nawalny war nach russischen Behördenangaben am Freitag bei einem Hofgang in seinem sibirischen Straflager bei eisigen Temperaturen zusammengebrochen. Wiederbelebungsversuche waren nach Angaben des Strafvollzugs erfolglos. Nawalny war zum Zeitpunkt des Todes erst 47 Jahre alt.

Menschenrechtler werfen dem russischen Machtapparat Mord vor. Auch die Mitarbeiter des prominenten Anti-Korruptionskämpfers gingen davon aus, dass Nawalny gezielt getötet wurde.

Die in Russland von den Beh√∂rden geschlossene und dann im Ausland wieder er√∂ffnete „Nowaja Gaseta“ berichtete derweil unter Berufung auf eigene Quellen, dass Nawalnys Leiche im Bezirkskrankenhaus der Stadt Salechard im hohen Norden Sibiriens aufbewahrt werde. Eine Obduktion habe zumindest bis Samstag noch nicht stattgefunden. Zudem soll der K√∂rper des Toten blaue Flecken aufweisen.

Salechard ist die Hauptstadt des autonomen Kreises der Jamal-Nenzen. Das Straflager „Polarwolf“, in dem Nawalny starb, liegt etwa 50 Kilometer Luftlinie nordwestlich davon – bereits jenseits des Polarkreises.

Die „Nowaja Gaseta“ zitiert einen anonymen Mitarbeiter des Notfalldienstes. Die blauen Flecken zeugen seinen Angaben nach davon, dass Nawalny vor dem Tod Kr√§mpfe gehabt habe und von Justizangestellten festgehalten wurde. Ein Bluterguss auf der Brust sei zudem Indiz f√ľr tats√§chlich vorgenommene Wiederbelebungsversuche. Allerdings geht aus dem Zeitungsbericht hervor, dass der Informant selbst Nawalny nach dessen Tod nicht gesehen hat, sondern √ľber seinen Zustand nur von Kollegen informiert wurde.

Best√§tigen liessen sich die Angaben zun√§chst nicht. Von offizieller Seite gab es am Wochenende es keine Informationen √ľber den Verbleib des Toten.

Seine Mutter Ljudmila Nawalnaja hatte im Straflager „Polarwolf“ nur die Todesnachricht erhalten. Obwohl ihr mitgeteilt wurde, dass sich sein Leichnam in der Stadt Salechard zur Untersuchung befinde, konnten die Anw√§lte den Toten dort zun√§chst nicht ausfindig machen.

Es ist auch unklar, wann eine Obduktion stattfinden soll. Die Ermittler h√§tten die M√∂glichkeit, den Toten √ľber lange Zeit vor der √Ėffentlichkeit zu verstecken, bef√ľrchtet der Anwalt Jewgeni Smirnow. So k√∂nne nach der ersten √úberpr√ľfung ein Strafverfahren eingeleitet werden, um weitere Manipulationen vorzunehmen. „Einen juristischen Grund zu finden, um den Leichnam Monate oder sogar l√§nger einzubehalten, ist sehr einfach“, sagte er. Sollte Nawalny nicht binnen f√ľnf Tagen an seine Angeh√∂rigen √ľbergeben werden, bestehe dringender Verdacht, dass etwas vertuscht werden solle, mutmasste er.

Andere Beobachter vermuten, dass die Beh√∂rden deswegen mit der Herausgabe des Leichnams z√∂gern, um vor der Pr√§sidentenwahl Mitte M√§rz keinen Anlass f√ľr Proteste zu schaffen, die sich an der Beerdigung des sch√§rfsten Kritikers von Kremlchef Wladimir Putin entz√ľnden k√∂nnten. Putin, der vor vier Jahren daf√ľr extra die Verfassung ge√§ndert hat, will sich zum f√ľnften Mal als Pr√§sident w√§hlen lassen

In vielen russischen St√§dten legen derweil nach wie vor Menschen Blumen an Denkm√§lern f√ľr Opfer politischer Repression nieder, um an Nawalny zu gedenken. Polizei und Stadtreinigung r√§umen vielerorts die Blumen aber schnell wieder weg, um Bilder zu verhindern, die auf die Popularit√§t des Putin-Kritikers hindeuten k√∂nnten. W√§hrend die Blumenniederlegung zumindest weitgehend toleriert werden, nahm die russische Polizei bei verschiedenen Trauerveranstaltungen innerhalb von zwei Tagen mehr als 400 Menschen fest.

Gedenkveranstaltungen f√ľr Nawalny gibt es allerdings weltweit. Und auch der internationale Druck auf Russland steigt nach dem Tod des Oppositionspolitikers. So forderte Schanna Nemzowa, die nach Deutschland ausgereiste Tochter des 2015 ermordeten Oppositionspolitikers Boris Nemzow, eine scharfe Reaktion des Westens. US-Pr√§sident Joe Biden habe „ernsthafte Folgen“ f√ľr den Fall des Todes von Nawalny angek√ľndigt. „Mir scheint, diese Folgen sollten in einer milit√§rischen, wirtschaftlichen und humanit√§ren Hilfe f√ľr die Ukraine bestehen“, sagte sie auf der M√ľnchner Sicherheitskonferenz.

(text:sda/bild:keystone)