26 Mai 2024

„Tourists go home!“ – Grossprotest gegen Massentourismus auf Mallorca

„Tourists go home!“, „Touristen, geht heim!“, schrien die Menschen immer wieder, als sie in Palma an Terrassen voller auslĂ€ndischer GĂ€ste vorbeizogen. Tausende protestierten auf Mallorca gegen Massentourismus. Unter dem Motto „Sagen wir Basta!“ und „Mallorca steht nicht zum Verkauf!“ gingen am Samstagabend nach PolizeischĂ€tzung rund 10 000 auf die Strasse. Die Organisatoren sprachen von 25 000 Teilnehmern.

In einem waren sich aber alle einig: Es war ein „historischer“ Protest, wie die Regionalzeitungen „Diario de Mallorca“ und „Última Hora“ schrieben. Es sei eine der grössten Kundgebungen, die es jemals auf Mallorca gegeben habe, hiess es.

Der Unmut ist gross und wird immer grösser

Die Demonstranten, darunter auch viele Familien mit Kindern, SchĂŒler und Studenten sowie Rentner, skandierten beim Marsch ĂŒber Palmas Flaniermeile Passeig del Born Slogans wie „Wer Mallorca liebt, zerstört es nicht“. Es gab auch viele Plakate mit Aufschriften wie „Wenn sie uns ein Dach verweigern, verweigern sie uns die Zukunft“. Dem Protest schlossen sich Gewerkschaften, Umweltschutzgruppen und verschiedene BĂŒrgerinitiativen an.

Dazu aufgerufen hatte die jĂŒngst gegrĂŒndete Organisation „Banc de Temps de Sencelles“. Sie macht die immer grösser werdende Zahl der Besucher und der Ferienwohnungen fĂŒr die Wohnungsnot auf Mallorca und fĂŒr die „Zerstörung“ der spanischen Mittelmeerinsel verantwortlich. Die Sprecher der Gruppe riefen die Behörden in einer Rede zum Abschluss der Demo dazu auf, den Wohnungsnotstand auszurufen.

Zu Recht, sagt Alba MartĂ­nez. „Ich bin alleinerziehende Mutter zweier Kinder und bald schmeisst mich mein Vermieter raus. Die Preise kann man nicht mehr bezahlen, man muss handeln“, sagte sie „Diario de Mallorca“. Der Unmut ist gross und wird immer grösser. „Wohin man auch schaut, es sind alles AuslĂ€nder hier“, skandierten die Protestler.

Überlebenswichtiger Tourismus – und doch profitiere nur eine Minderheit

FĂŒr die Insel ist Tourismus zwar ĂŒberlebenswichtig. Die Branche steht fĂŒr 45 Prozent der Wirtschaftsleistung Mallorcas. Aber wie auch bei Protesten in anderen Tourismushochburgen des Landes, etwa im April auf den Kanaren, wird beklagt, dass nur eine Minderheit profitiert, wĂ€hrend die grosse Mehrheit im florierenden Sektor schlecht bezahlte Jobs bekommt und unter Wohnungsnot, Staus, LĂ€rm, Schmutz leidet.

Eine Inszenierung der Protestler gab die Stimmung deutlich wieder: Eine als reiche Touristin verkleidete Teilnehmerin schlenderte hochnĂ€sig zwischen den Tischen der CafĂ©s umher – und zog einen „einheimischen Sklaven“ hinter sich her. “

Die Balearen sind klein, haben nur knapp 1,2 Millionen Einwohner. Voriges Jahr kletterte die Zahl der Besucher auf fast 18 Millionen, davon 14,4 Millionen aus dem Ausland. Das sind fast zehn Prozent mehr als 2022 und doppelt so viele wie vor 20 Jahren. Inzwischen gibt es kaum jemand, der die Notwendigkeit einer Begrenzung der Besucherzahlen infrage stellt.

Sogar Immobilienmakler solidarisieren sich

Sogar Immobilienmakler, die vom Anstieg der HĂ€userpreise profitieren, schickten den Protestlern eine SolidaritĂ€tsbotschaft. Der Druck des Massentourismus sei „unhaltbar“, Wohnraum „unzugĂ€nglich“, so der Maklerverband Abini.

Auch die Politik weiss, dass es fĂŒnf vor zwölf ist. Wenige Tage vor dem Protest versprach die seit einem Jahr amtierende konservative RegionalprĂ€sident Marga Prohens Massnahmen. „Das Modell hat seine Grenze erreicht“, sagte sie. „Der Erfolg im Tourismus fĂŒhrt nicht zu Wohlstand fĂŒr die BĂŒrger.“

Die Verdrossenheit, der Zorn, die Verzweiflung sind vor allem am Ballermann, der deutschen Partyhochburg, gross. Nicht nur die Anwohner schimpfen. Dem PrĂ€sidenten der Playa-Hoteliers, Pedro MarĂ­n, war voriges Jahr trotz einer Superauslastung von 97 Prozent nicht zum Feiern zumute. Der 47-JĂ€hrige klagte, wegen AuswĂŒchse, Sauftourismus und KriminalitĂ€t sei es „eine der schlimmsten Saisons aller Zeiten“ gewesen.

Kundgebung nach Restaurant-Einsturz mit vier Toten

Die Kundgebung stand unter dem Eindruck des Restaurant-Einsturzes am Ballermann. Beim UnglĂŒck gab es am Donnerstag vier Tote, darunter zwei junge Frauen aus Deutschland. Als Ursache werden BaumĂ€ngel und Überlastung vermutet.

Anwohner sind ĂŒberzeugt, viele GebĂ€ude des Gebiets seien nicht geeignet fĂŒr den Massentourismus. Es gebe zudem kaum Kontrollen der Behörden, klagte Carmen Nogueira, PrĂ€sidentin des Nachbarverbandes AAVV Playa de Palma. „WĂ€re das UnglĂŒck um Mitternacht passiert, hĂ€tte es 200 Tote gegeben.“

(text:sda/bild:unsplash)