5 August 2026

17 Tote: Kyjiw schutzlos gegen russische Raketen

Ein schwerer russischer Luftangriff mit mindestens 17 Toten in Kyjiw und Umgebung hat erneut die derzeitige Schutzlosigkeit der Ukraine gegenüber ballistischen Raketen offengelegt.

Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe setzte die russische Armee in der Nacht 28 ballistische Raketen verschiedener Typen ein. Kein einziges Geschoss konnte demnach abgefangen werden.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj beklagte den Mangel an Flugabwehrwaffen. „Abfangmunition für ballistische Raketen hätte die Leben derjenigen retten können, die heute getötet wurden“, schrieb er in sozialen Netzwerken. Die Partner der Ukraine müssten verstehen, dass jede verspätete Lieferung, jede Weigerung, Raketenabwehr bereitzustellen, zu Tod und Zerstörung führe.

Bei einer Sitzung mit seiner Militärführung sagte Selenskyj, die Lieferungen von Raketenabwehrmunition aus dem Ausland sei im Vergleich zum vergangenen Jahr auf ein Drittel zurückgegangen.

Das Verteidigungsministerium in Moskau sprach von einem Massenangriff, der sich gegen Logistik- und Verteilzentren militärischer Güter gerichtet habe. Das russische Militär listete die einzelnen Zentren auf, darunter Einrichtungen der Logistikunternehmen Nova Post und Epizentr.

Getroffen wurden Lagerhäuser in der Hauptstadt Kyjiw und am Stadtrand, vor allem im östlichen Vorort Browary. Das Brandmeldesystem Firms der US-Raumfahrtbehörde Nasa verzeichnete an diesen Stellen Feuer.

Auf der Bahnstation Kwitnewa in Browary, die zwischen mehreren Angriffszielen liegt, wurden acht Menschen bei dem Raketenbeschuss getötet. „Gestern Nacht hat sich ein Zug etwas verspätet, und die Leute haben es nicht mehr zum letzten Zug geschafft“, sagte der Bürgermeister von Browary, Witalij Bihun, im ukrainischen Nachrichtenfernsehen.

Weitere sechs Tote gab es in zwei Verteilzentren der grossen ukrainischen Supermarktkette Silpo. Selenskyj sprach ausserdem von insgesamt 44 Verletzten.

Weil der Mangel der Ukraine an Munition zur Raketenabwehr bekannt ist, hat Moskau die Angriffe mit ballistischen Raketen auf Kyjiw und andere Städte verstärkt. Allein im Juli gab es nach Zählung von Journalisten in Kyjiw elf solcher Angriffe. Zuletzt beschoss die russische Armee am vergangenen Samstag Kyjiw mit Raketen, tötete mindestens 9 Menschen und verletzte mehr als 30.

In der Nacht auf Mittwoch setzte Russland nach Kyjiwer Angaben 24 ballistische Raketen vom Typ Iskander-M sowie umfunktionierte Flugabwehrraketen S-400 ein. Sie wurden nach ukrainischen Angaben als Salve aus den grenznahen russischen Gebieten Brjansk und Kursk abgefeuert, so dass kaum eine Vorwarnung möglich war. Gegen die Kurzstreckenraketen Iskander-M ist die Trefferquote der ukrainischen Flugabwehr notorisch schlecht.

Die russischen Raketen S-400, die eigentlich Flugzeuge in der Luft treffen sollen, gelten beim Einsatz gegen Bodenziele als ungenau, was zu vielen zivilen Opfern führt. Ausserdem schoss die russische Armee mit vier Hyperschallraketen vom Typ Zirkon, der zum Einsatz gegen Schiffe entwickelt wurde. Von 115 angreifenden russischen Drohnen verschiedener Typen konnte die ukrainische Luftwaffe nach eigenen Angaben 98 abwehren.

Als beste Abwehr gegen ballistische Raketen gelten die US-produzierten Patriot-Systeme. Die ukrainische Armee hat mehrere solcher Systeme, der Ukraine fehlt es jedoch an Munition dafür. Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran hat die Patriot-Munition weltweit verknappt. In Kyjiw wächst die Furcht, dass die ungehinderten ballistischen Angriffe zum kommenden Winter erneut die Infrastruktur zerstören und die Ukraine in Not bringen könnten.

(text:sda/bild:keystone)