8 Mai 2022

Syngenta-Chef fordert wegen Nahrungskrise Abkehr von Bio

Der Chef des Agrarkonzerns Syngenta hat angesichts einer drohenden Nahrungskrise eine Abkehr vom Biolandbau gefordert. Reiche LĂ€nder stĂŒnden in der Pflicht, ihre Agrarproduktion zu erhöhen, um eine weltweite Hungerkrise zu verhindern, sagte Erik Fyrwald.

Die ErtrĂ€ge im Biolandbau könnten je nach Produkt um bis zu 50 Prozent tiefer ausfallen, sagte der 62-jĂ€hrige US-Manager des Basler Konzerns, einer Tochter der chinesischen ChemChina, im Interview mit der „NZZ am Sonntag“. „Die indirekte Folge ist, dass Menschen in Afrika hungern, weil wir immer mehr Bioprodukte essen.“

Der Biolandbau fördere den Landverbrauch, weil er grössere FlĂ€chen benötige, sagte Fyrwald. Bio schade auch dem Klima, weil die Äcker in der Regel gepflĂŒgt wĂŒrden, was den CO2-Ausstoss erhöhe.

Die Leute sollen nach Ansicht von Fyrwald biologisch produzierte Produkte kaufen dĂŒrfen, wenn sie dies wollten, aber die Regierungen sollten darauf pochen, dass die Ertragsverluste nicht derart gross sind. Die EU-Landwirtschaftspolitik strebt demnach einen Bioanteil von 25 Prozent an. In der Schweiz betrĂ€gt der Marktanteil 11 Prozent.

Fyrwald plĂ€dierte fĂŒr einen dritten Weg in der Landwirtschaft, also weder nur konventionell noch rein biologisch. Sein Konzept der sogenannten regenerativen Landwirtschaft ĂŒbernimmt vom Biolandbau die Fruchtfolge und setzt gleichzeitig auf gezielten Pestizideinsatz und auf Genom-Editierung, um die ErtrĂ€ge zu steigern.

Dass er und Syngenta den Biolandbau aus Konzerninteressen bekĂ€mpfen, bestritt er im Interview. „Die ganze Branche erzielt mit Bio hohe Gewinne, weil die Konsumenten bereit sind, viel dafĂŒr zu zahlen“, sagte Fyrwald.

Der Syngenta-Chef sah eine grosse Gefahr fĂŒr eine weltweite ErnĂ€hrungskrise. Bereits vor dem Ukraine-Krieg seien die Preise fĂŒr Mais, Soja und Getreide wegen Covid-19 und Wetterextremen gestiegen. Es habe eine DĂŒrre in SĂŒdamerika und im Westen der USA gegeben, gleichzeitig sei es im Mittleren Westen kalt und nass gewesen. Zudem leide Indien unter einer Rekordhitze.

Und nun komme der Krieg in der Ukraine dazu, sagte Fyrwald. Die Ukraine ernÀhre 400 Millionen Menschen. Das Uno-WelternÀhrungsprogramm decke den Bedarf von 125 Millionen Menschen, die HÀlfte des Getreides komme aus der Ukraine. Dieses falle nun weg.

Der Berner Biobauer und PrĂ€sident der Kleinbauern-Vereinigung, Kilian Baumann, bezeichnete die Argumentation von Syngenta als grotesk: Weil die Bauern immer weniger Pestizide einsetzten, kĂ€mpfe ein Agrarkonzernvertreter um seine UmsĂ€tze. Nicht der Biolandbau, sondern der Hunger auf Fleisch förderten den Landverbrauch, schrieb der GrĂŒne Berner-Nationalrat in einem Tweet.

Auf 43 Prozent der Schweizer AckerflĂ€che wĂŒrden Futtermittel angebaut, und zusĂ€tzlich wĂŒrden noch 1,2 Millionen Tonnen an Futtermitteln importiert. Um eine tierische Kalorie zu produzieren brauche es ein Vielfaches an FlĂ€che gegenĂŒber einer pflanzlichen Kalorie, so Baumann.

Bio Suisse wies in einer Stellungnahme auf Anfrage von Keystone-SDA darauf hin, dass ein Drittel der produzierten Nahrungsmittel ungenutzt in den Abfall wandere. Getreide, Mais und Speiseöl wĂŒrden in enormen Mengen in Treibstofftanks landen oder zu Fleisch verarbeitet, wĂ€hrend Menschen verhungerten. „Die FlĂ€che fĂŒr eine Portion Schweineschnitzel könnte dabei fĂŒnf Portionen Bio-Soja produzieren“, schreibt der Kommunikationsleiter von Bio Suisse, Lukas Inderfurth.

(text:sda/bild:unsplash)