4 Mai 2023

Kreml-Attacke wahrscheinlich inszeniert – Russland zielt auf Odesa

Einen Tag nach dem mysteriösen Drohnen-Vorfall am Kreml in Russland sind die HintergrĂŒnde weiter offen. WĂ€hrend US-MilitĂ€rexperten dahinter einen von Moskau aus taktischen GrĂŒnden inszenierten Scheinangriff vermuten, beschuldigt Russland die USA als eigentlichen Auftraggeber.

Der EU-Aussenbeauftragte Josep Borrell zeigte sich besorgt ĂŒber eine mögliche weitere Eskalation. Unterdessen wurde die ukrainische Hafenstadt Odesa Hauptziel erneuter Drohnenangriffe des russischen MilitĂ€rs. Der ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj forderte auf seiner Europareise eine strafrechtliche Verfolgung Russlands wegen des Aggressionskrieges und wegen Kriegsverbrechen.

Drohnen-Attacke: MilitĂ€rexperten sehen Anzeichen fĂŒr Inszenierung

Nach EinschĂ€tzung internationaler MilitĂ€rexperten hat Russland zwei angebliche ukrainische Drohnenangriffe auf den Kreml wahrscheinlich selbst inszeniert. Mehrere Indizien deuteten darauf hin, dass der Angriff von innen gefĂŒhrt und gezielt inszeniert worden sei, schrieb das in Washington ansĂ€ssige Institut fĂŒr Kriegsstudien (ISW). Laut der US-Denkfabrik haben die russischen Behörden in letzter Zeit Schritte unternommen, um die Luftverteidigung zu verstĂ€rken. Es sei Ă€usserst unwahrscheinlich, dass Drohnen mehrere Luftverteidigungsringe hĂ€tten durchdringen können. Die sofortige und koordinierte russische Reaktion deute darauf hin, dass der Angriff intern so vorbereitet wurde, dass seine beabsichtigten politischen Auswirkungen die Peinlichkeit ĂŒberlagert, die ein Einschlag am Kreml bedeuten wĂŒrde.

Russland: USA sind Drahtzieher der Drohnen-Attacke

Russland hat den USA vorgeworfen, hinter dem angeblichen Drohnen-Anschlag auf den Kreml zu stecken. „Wir wissen, dass die Entscheidung ĂŒber solche Handlungen und Terrorakte nicht in Kyjiw getroffen wird, sondern in Washington. Und Kyjiw fĂŒhrt aus, was ihnen gesagt wird“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow der Nachrichtenagentur Interfax zufolge, ohne dafĂŒr irgendwelche Beweise vorzulegen. Die US-Regierung wies den Vorwurf als „lĂ€cherlich“ zurĂŒck. Der Kommunikationsdirektor des Nationalen Sicherheitsrats, John Kirby sagte: „Herr Peskow lĂŒgt.“

EU besorgt wegen möglicher Eskalation nach Drohnen-Vorfall

„Was uns Sorgen macht, ist, dass dies als Rechtfertigung fĂŒr weitere Angriffe auf die Ukraine genutzt werden kann“, sagte der EU-Aussenbeauftragte Borrell am Rande eines Treffens der EU-Entwicklungsminister in BrĂŒssel. „Wir fordern Russland auf, diesen angeblichen Angriff nicht als Vorwand fĂŒr eine weitere Eskalation des Krieges zu nutzen.“

Russische Drohnenangriffe auf Odesa

Russland hat bei neuen schweren Drohnenangriffen gegen die Ukraine in der Nacht vornehmlich die Hafenstadt Odesa ins Visier genommen. „Der Feind hat in der Nacht 15 Shahed-131/136 (iranisches unbemanntes Luftfahrzeug) auf Odesa gelenkt“, teilte der Kommandostab SĂŒd der ukrainischen StreitkrĂ€fte mit. Zwölf Drohnen seien abgeschossen worden, drei hĂ€tten in einem Wohnheim einen Brand ausgelöst, der aber schnell und ohne Opfer gelöscht werden konnte, hiess es. Insgesamt sind nach Angaben der LuftstreitkrĂ€fte 18 von 24 auf die Ukraine gelenkten Drohnen abgeschossen worden. Neben Odesa meldete auch die Hauptstadt Kyjiw Drohnenangriffe. Nach Angaben der MilitĂ€rverwaltung sind dort aber alle Flugobjekte noch beim Anflug zerstört worden.

Selenskyj fordert Tribunal nach Vorbild der NĂŒrnberger Prozesse

Ohne Gerechtigkeit sei kein Friede möglich, sagte Selenskyj am Donnerstag in Den Haag. Als Vorbild eines Tribunals nannte er die NĂŒrnberger Prozesse gegen die deutschen Nationalsozialisten nach dem Zweiten Weltkrieg. „Ein dauerhafter Frieden ist nur möglich, wenn wir die Aggressoren auch zur Verantwortung ziehen“, sagte Selenskyj. „NatĂŒrlich hĂ€tten wir alle heute lieber einen anderen Wladimir hier in Den Haag gesehen“, sagte er zu Beginn seiner Rede und verwies damit auf den russischen PrĂ€sidenten Wladimir Putin. Selenskyjs Vorname ist die ukrainische Form des Namens.

OSZE-Bericht: Verschleppung ukrainischer Kinder ist Kriegsverbrechen

Russland hat laut einer Untersuchung im Rahmen der Organisation fĂŒr Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) durch die Verschleppung von ukrainischen Kindern Kriegsverbrechen begangen. In dem Abschlussbericht, der am Donnerstag in Wien vorgestellt wurde, hiess es ausserdem, dass Deportationen nach Russland und in russisch kontrollierte Gebiete möglicherweise auch als Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu werten seien.

Selenskyj hĂ€lt Nato-Beitritt in Kriegszeiten fĂŒr unrealistisch

FĂŒr Selenskyj ist ein Nato-Beitritt seines Landes wĂ€hrend des Krieges mit Russland unrealistisch. „Aber wĂ€hrend des Krieges wollen wir eine sehr klare Botschaft, dass wir nach dem Krieg in der Nato sein werden“, betonte der 45-JĂ€hrige in Den Haag. Dabei habe Kyjiw im Hinblick auf den Gipfel der MilitĂ€rallianz in Vilnius im Juli „positive Botschaften“ von einigen LĂ€ndern erhalten. Welche Staaten dem osteuropĂ€ischen Land mehr als nur eine „offene TĂŒr“ signalisieren wollen, sagte er nicht. Der niederlĂ€ndische Premier Mark Rutte signalisierte UnterstĂŒtzung. „Wir unterstĂŒtzen die Nato-Ambitionen der Ukraine“, sagte Rutte.

Die Niederlande beraten zur Zeit mit DĂ€nemark und das Vereinigte Königreich ĂŒber die Lieferung von Kampfflugzeugen an die Ukraine. Die Lieferung der Kampfjets F-16 sei „kein Tabu“, sagte Rutte in Den Haag. Eine Einigung sei dabei noch nicht erzielt worden. Doch das sei eine Frage der Zeit.

(text:sda/bild:unsplash)