19 Januar 2022

Solothurner Pr├Ąsenzfestival entspricht dem „Schweizer Mittelweg“

Mit einer Rede von Bundesrat Alain Berset starteten am Mittwochabend die 57. Solothurner Filmtage – als Pr├Ąsenzfestival. Es entspreche dem „Schweizer Mittelweg“, zu diesem Zeitpunkt der Pandemie in Solothurn zusammenzukommen.

Nachdem er die vergangenen zwei Jahre mithilfe der offiziellen „W├Ârter des Jahres“ wie „Maskens├╝nder“, „Impfdurchbruch“ oder „entfreunden“ zusammefasste und als entsprechend „d├╝ster“ bezeichnete, ging Alain Berset zu der Hauptfigur des Er├Âffnungsfilms ├╝ber: Patricia Highsmith. Der US-Schriftstellerin, die eine Zeit lang im Tessin lebte und auch dort starb, und „ausgerechnet“ ein sehr abgr├╝ndiges Weltbild pflegte, so Berset.

Der Ehrengast holte aus zu einer differenzierten Auseinandersetzung mit der Verfasserin weltber├╝hmter literarischer Werke wie „Der talentierte Mr. Ripley“. Er stellte sich vor, wie Highsmith mit der Pandemie umgegangen w├Ąre, indem er dem „Social Distancing“ etwa ihre Abneigung gegen├╝ber dem Familienleben, dem Beisammensein gegen├╝berstellte. Passend zum Stichtwort „entfreunden“ zitierte er eine Aussage von ihr, wonach sie sagte, dass ihre Vorstellungskraft viel besser funktioniere, wenn sie nicht mit Leuten sprechen m├╝sse.

Alain Berset betonte im gleichen Zug aber auch die Kreativit├Ąt und Kraft, die Patricia Highsmith aus ihrem Leiden, dem „Ringen mit sich selbst“ sch├Âpfte. Und er ├╝bertrug dies auf die heutige Lage der Welt und eine Gesellschaft, die er als „hoch polarisiert und tief gespalten“ bezeichnete. „Vielleicht sollten wir mehr mit uns selber streiten als mit anderen“, so Berset. „Wir sollten wieder neugieriger darauf werden, was wir selber denken, bevor wir anderen den Meinungstarif durchgeben.“

Patricia Highsmith (1921-1995), die bemerkenswerterweise am heutigen 19. Januar ihren 101. Geburtstag gefeiert h├Ątte, hat keine Drehb├╝cher geschrieben. Und dennoch ist ihr Bezug zum Film sehr eng – die Schriftstellerin erlangte ihre Ber├╝hmtheit dank Alfred Hitchcock. Der britische Kult-Regisseur verfilmte ihren Erstlingsroman „Zwei Fremde im Zug“ im Jahr 1950.

Die Schweizer Filmemacherin Eva Vitija baute ihren Film „Loving Highsmith“, der nach der Solothurner Weltpremiere am 11. M├Ąrz in die Deutschschweizer Kinos kommen soll, auf Tage- und Notizbuch-Aufzeichnungen der Schriftstellerin sowie Berichten aus deren Umfeld auf. Von einem „ber├╝hrenden und filmisch packend umgesetzten Portr├Ąt“ sprachen die Solothurner Filmtage in ihrer k├╝rzlichen Medienmitteilung. Als einen „Film ├╝ber eine obsessive Frau“ bezeichnete Vitija ihr Werk kurz vor der Urauff├╝hrung.

Eva Vitija wurde 1973 in Basel geboren und hat f├╝r ihren Film „Das Leben drehen – Wie mein Vater versuchte, das Gl├╝ck festzuhalten“ 2016 den Prix de Soleure gewonnen. F├╝r diese mit 60’000 Franken dotierte Auszeichnung ist sie nun auch mit „Loving Highsmith“ nominiert.

Neben der Vorfreude auf ein reichhaltiges Filmprogramm dominierte an der von Schauspielerin und „Tatort“-Kommissarin Anna Pieri Zuercher moderierten Er├Âffnungszeremonie die Erleichterung dar├╝ber, dass sich die Filmfans eine Woche lang vor Ort versammeln k├Ânnen. Umso mehr, weil die Solothurner Filmtage nicht nur eine Werkschau des Schweizer Filmschaffens, sondern auch ein Branchentreff und ein Vernetzungsforum seien.

Sie sei zumindest keiner Regisseurin und keinem Produzenten begegnet, der oder die die Filmpremiere lieber im Internet als vor Ort gefeiert h├Ątten, sagte Marianne Wirth, die nach dem Weggang der ehemaligen Direktorin Anita Hugi zusammen mit David Wegm├╝ller die k├╝nstlerische Leitung der Festivals inne hat. „Ausserdem sind wir der Meinung, dass ohne Publikum eine Dimension fehlt.“

(text:sda/bild:unsplash-symbolbild)