18 Mai 2022

Ukraine-Krieg: Die Nacht im Überblick

Nach der Evakuierung von gut 260 ukrainischen Soldaten aus dem Asow-Stahlwerk in Mariupol bleibt die Lage der verbliebenen Verteidiger der Stadt in der riesigen Industrieanlage unklar. PrÀsident Wolodymyr Selenskyj sagte in der Nacht zum Mittwoch, in die Anstrengungen zu ihrer Rettung seien einflussreiche internationale Vermittler eingeschaltet. Im Osten der Ukraine gehen die KÀmpfe weiter, in anderen Regionen gibt es russische Luftangriffe.

Die gut 260 Soldaten, die das Azovstal-Werk in der Nacht zum Dienstag verliessen, begaben sich dabei in russische Gefangenschaft. Kiew hofft auf einen spÀteren Austausch gegen russische Kriegsgefangene, Russlands MilitÀr liess einen solchen Schritt zunÀchst offen. Moskau veröffentlichte ein Video, das die Gefangennahme der Ukrainer, medizinische Behandlung sowie den Abtransport von Verletzten zeigen soll. Gut 50 der Soldaten sollen schwer verwundet sein.

Russischer Vize-Regierungschef im besetzen Gebiet Cherson

Russland zeigt sich entschlossen, das besetzte Gebiet Cherson in der SĂŒdukraine an sich zu binden. Die Region um die Hafenstadt werde einen „wĂŒrdigen Platz in unserer russischen Familie“ einnehmen, sagte Russlands Vize-Regierungschef Marat Chusnullin bei einem Besuch in Cherson am Dienstag. Man werde kĂŒnftig zusammenleben und -arbeiten, zitierte ihn die russische Staatsagentur Ria Nowosti.

Russland fĂŒhrte in der Region zum 1. Mai bereits den russischen Rubel als offizielles Zahlungsmittel ein. Der Vizechef der prorussischen Verwaltung von Cherson, Kirill Stremoussow, brachte vor einigen Tagen ein formelles Beitrittsgesuch an Kremlchef Wladimir Putin ins GesprĂ€ch. Den Verzicht auf ein zuvor erwogenes Referendum begrĂŒndete er damit, dass ein solcher Volksentscheid auf der von Russland 2014 annektierten Halbinsel Krim international nicht anerkannt wurde. Die ukrainische Regierung zeigt sich dagegen ĂŒberzeugt, dass eine Russifizierung des Gebiets Cherson scheitern werde.

In dem zwischen russischen und ukrainischen Truppen umkĂ€mpften Gebiet Donezk sind am Dienstag nach Behördenangaben sieben Zivilisten getötet worden. Sechs weitere seien verletzt worden, teilte der ukrainische MilitĂ€rgouverneur Pawlo Kyrylenko beim Nachrichtendienst Telegram mit. Er warf russischen Truppen vor, die Menschen getötet zu haben. Selenskyj zĂ€hlte Raketenangriffe und Bombardements in den Gebieten Lwiw, Sumy, Chernihiv und Luhansk auf. Das russische MilitĂ€r wolle damit die Misserfolge im Osten und SĂŒden kompensieren.

Werk von deutschem Gips-Hersteller Knauf in der Ukraine bombardiert

In der Ostukraine wurde nach ukrainischen Angaben eine stillgelegte Gipsfabrik des deutschen Unternehmens Knauf von der russischen Luftwaffe bombardiert. „Durch die LuftschlĂ€ge wurden GeschĂ€ftsrĂ€ume beschĂ€digt, und es brach Feuer aus“, schrieb der MilitĂ€rgouverneur des Gebiets Donezk, Pawlo Kyrylenko, im Nachrichtendienst Telegram. Es sei niemand verletzt worden. Knauf hatte das Werk kurz nach der russischen Invasion stillgelegt. Das Unternehmen bestĂ€tigte am Dienstagabend, das Werk in Soledor im Donbass sei von einer Rakete getroffen und in Brand gesetzt worden.

USA richten Beobachtungsstelle fĂŒr Ukraine-Krieg ein

Angesichts des russischen Angriffskriegs in der Ukraine haben die USA eine Konfliktbeobachtungsstelle gestartet. Das neue Conflict Observatory soll sicherstellen, „dass von Russlands Truppen begangene Verbrechen dokumentiert und die TĂ€ter zur Verantwortung gezogen werden“, sagte ein Sprecher des Aussenministeriums am Dienstag (Ortszeit) in Washington. Das Programm werde unter anderem Informationen und Beweise fĂŒr „GrĂ€ueltaten, Menschenrechtsverletzungen und die BeschĂ€digung der zivilen Infrastruktur“ erfassen, analysieren und veröffentlichen. Berichte wĂŒrden kĂŒnftig auf der Webseite ConflictObservatory.org gepostet.

Selenskyj: Telefonat mit Scholz „recht produktiv“

Nach Spannungen im VerhĂ€ltnis zwischen Kiew und Berlin hat Selenskyj sein Telefonat mit Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) am Dienstag als „recht produktiv“ bezeichnet. Man habe unter anderem ĂŒber militĂ€rische UnterstĂŒtzung fĂŒr die Ukraine gesprochen, teilte Selenskyj in seiner tĂ€glichen Videoansprache mit. Er habe Scholz ĂŒber die aktuelle militĂ€rische Lage und ihre mögliche kĂŒnftige Entwicklung informiert.

Etwas andere Worte wĂ€hlte Selenskyj, um sein GesprĂ€ch mit dem französischen PrĂ€sidenten Emmanuel Macron zu beschreiben. Diese Unterhaltung sei „substanziell und lang“ gewesen, sagte er. Es sei unter anderem um die nĂ€chste Runde der europĂ€ischen Sanktionen gegen Russland sowie die PlĂ€ne der Ukraine fĂŒr einen raschen Beitritt zur EuropĂ€ischen Union gegangen. Dem ÉlysĂ©epalast zufolge stellte Macron in Aussicht, dass die Waffenlieferungen aus Frankreich weitergehen und intensiver wĂŒrden. Er habe auch bestĂ€tigt, dass ĂŒber den ukrainischen EU-Beitritt im Juni beraten werden solle.

Zu Irritationen im deutsch-ukrainischen VerhÀltnis kam es Mitte April. Die ukrainische Seite lehnte einen Besuch von BundesprÀsident Frank-Walter Steinmeier in Kiew ab, dem sie vorwarf, einst als SPD-Aussenminister eine pro-russische Politik verfolgt zu haben. Scholz wollte daraufhin zunÀchst nicht nach Kiew fahren. Die Spannungen wurden den Regierungen zufolge mit klÀrenden GesprÀchen Anfang Mai gelöst.

Das wird am Mittwoch wichtig

Schweden und Finnland reichen ihre Nato-MitgliedsantrĂ€ge gemeinsam in BrĂŒssel ein. Die nordischen LĂ€nder geben damit ihre lange Tradition der militĂ€rischen BĂŒndnisfreiheit auf. Die EU-Kommission legt ihre Strategie vor, wie die EuropĂ€ische Union unabhĂ€ngig von fossilen Brennstoffen aus Russland werden kann. DafĂŒr will die Behörde ehrgeizigere Ziele fĂŒr den Ausbau erneuerbarer Energien sowie beim Energiesparen setzen. In der Ukraine soll der erste Prozess gegen einen russischen Soldaten wegen des Vorwurfs von Kriegsverbrechen beginnen.

(text:sda/bild:unsplash)