26 April 2023

Schweizer Autorin Hanna Johansen mit 83 Jahren gestorben

Die Schweizer Schriftstellerin Hanna Johansen ist tot. Die Autorin von Romanen, ErzĂ€hlungen und KinderbĂŒchern ist am Dienstag in Horgen bei ZĂŒrich mit 83 Jahren gestorben, wie ihre Familie am Mittwoch mitteilte.

Hanna Johansen gilt als Grande Dame der Schweizer Literatur. FĂŒr ihr literarisches Werk wurde sie mehrfach ausgezeichnet. So erhielt sie 2015 den Schweizer Literaturpreis oder 2003 den Solothurner Literaturpreis. Zu ihren Ehrungen gehören zudem der Marie Luise Kaschnitz-Preis (1986), der Preis des Landes KĂ€rnten (1993) und der Kunstpreis der Stadt ZĂŒrich (2008).

Sie habe ihr Auskommen mit Hausarbeit verdient, sagte sie selbst in einem GesprĂ€ch mit Keystone-SDA zu ihrem 80. Geburtstag. „HĂ€tte ich einen anderen Beruf ausgeĂŒbt, wĂ€re das Schreiben vielleicht gar nicht möglich gewesen“, so die Autorin. Vor dem Hintergrund ihrer vielen Auszeichnungen erstaunt diese Aussage. Im Übrigen war Hanna Johansen ein Pseudonym. Mit bĂŒrgerlichem Namen hiess sie Hanna Margarete Muschg. Sie war mit dem Schriftsteller Adolf Muschg verheiratet und hat zwei Söhne grossgezogen.

Mit Muschg war sie 1972 Jahren nach Kilchberg bei ZĂŒrich gezogen. Hier hatte sie zu schreiben begonnen und in den folgenden Jahrzehnten ĂŒber 30 BĂŒcher fĂŒr Kinder und Erwachsene geschrieben – mit einem Blick ĂŒber den ZĂŒrichsee, dahinter der Alpenkamm.

Ihr allererstes Buch „Die stehende Uhr“, 1978 beim MĂŒnchner Hanser-Verlag erschienen, habe sie ohne Vorbereitung geschrieben, „als ob innen alles bereit lĂ€ge“. Die Reaktionen waren kontrovers. Auch zum zweiten Roman „Trocadero“ (1980), der albtraumartig die Situation einer Hausfrau schildert, die aus dĂŒrftigen Resten ein Festmahl fĂŒr eine wichtige mĂ€nnliche Delegation zaubern soll, war das Urteil zwiespĂ€ltig. Erst fĂŒr ihre dritte Veröffentlichung erhielt Hanna Johansen den einstimmigen Beifall von Literaturkritik und Leserschaft.

Johansen wurde 1939 im norddeutschen Bremen geboren. Der Krieg prĂ€gte ihre frĂŒhe Jugend. In eben jener dritten Veröffentlichung, der ErzĂ€hlung „Die Analphabetin“ (1982), berichtete die damals 43-JĂ€hrige aus der Perspektive eines fĂŒnfjĂ€hrigen MĂ€dchens von BombennĂ€chten im Bunker.

Es sei das einzige Mal gewesen, dass sie autobiografisch geschrieben habe, sagte Johansen rĂŒckblickend – bis zu ihrem letzten Roman, der von ihrem langjĂ€hrigen Verlag abgelehnt worden war. Herausgebracht hat ihn schliesslich 2014 der ZĂŒrcher Dörlemann-Verlag. „Der Herbst, in dem ich Klavier spielen lernte“ berichtet vom Vorhaben, mit ĂŒber 70 Jahren noch etwas ganz Neues zu lernen – und davon, dass bei den pianistischen EtĂŒden Erinnerung um Erinnerung anklang. Der Roman bescherte Johansen den Schweizer Literaturpreis.

Auch bei dem GesprÀch griff Johansen auf der Tischplatte in die Tasten, liess die Finger tanzen wie auf einer Schreibmaschine oder einem Computer. Handschriftlich mache sie nur Notizen, sagte sie, die Ideen seien ihr immer schon beim Tippen gekommen.

Im Gehirn, so ein wissenschaftlicher Artikel, den sie gelesen habe, da liege der Bereich, der die Fingerkuppen reprĂ€sentiere, gleich neben demjenigen der Phantasie. Wissen schien wichtig fĂŒr diese Frau. Sie wollte „alles besser verstehen“. Doch so prĂ€zis die Fakten waren, die sie zusammentrug, um sich beim Schreiben darauf zu stĂŒtzen, so sehr verliess sie sich gleichzeitig auf ihre Intuition. Ihre Texte faszinieren wegen der Verbindung von Genauigkeit und GefĂŒhl, die gemeinhin als unvereinbar gelten.

Erfolgreich war Johansen auch mit ihren KinderbĂŒchern, beispielsweise „Felis, Felis“ (1987), „Omps – Ein Dinosaurier zuviel“ (2003) oder „Die HĂŒhneroper“ (2004). Und „Ich bin hier bloss die Katze“ wurde 2007 zum Bestseller.

Studiert hat Hanna Margarete Meyer, wie sie mit MĂ€dchennamen hiess, in Marburg und in Göttingen. Ihre FĂ€cher waren Altphilologie, Germanistik und PĂ€dagogik. Einen Abschluss machte sie nicht. Von 1967 bis 1969 lebte sie in Ithaca in den USA und 1970 fĂŒr einige Zeit in Genf.

Beim GesprĂ€ch 2019, kurz vor ihrem 80. Geburtstag, dachte sie noch ĂŒber weitere Projekte nach. Etwa der jĂŒngere Bruder der Titelheldin aus dem Roman „Lena“ (2002) beschĂ€ftige sie noch immer, verriet sie damals. Doch angesichts gesundheitlicher Probleme fragte sie sich: „Werde ich noch schreiben können?“ Sie konnte, wenn auch keinen Roman mehr.

Noch im vergangenen September erschienen „Bilder. Geschichten vom Sehen“, eine Sammlung persönlicher Geschichten von Erlebnissen mit Bildern fĂŒr Erwachsene und „Alphabeth der TrĂ€ume“, Gedichte fĂŒr Kinder. Jetzt ist Hanna Johansen gestorben; sie hinterlĂ€sst zwei Söhne und eine Enkeltochter.

(text:sda/bild:unsplash-symbolbild)