12 Mai 2024

Russische Offensive: Lage in Charkiw „deutlich verschĂ€rft“

Nach dem Vorstoss russischer Truppen ins ukrainische Grenzgebiet Charkiw hat der ukrainische Oberbefehlshaber Olexander Syrskyj die Situation dort als schwierig bezeichnet. „Diese Woche hat sich die Lage im Gebiet Charkiw deutlich verschĂ€rft“, schrieb Syrskyj am Sonntag auf Telegram. „Derzeit halten in den Grenzgebieten entlang der Staatsgrenze zur Russischen Föderation die KĂ€mpfe an.“ Dann fĂŒgte er hinzu: „Die Situation ist schwierig, aber die VerteidigungskrĂ€fte der Ukraine tun alles, um Verteidigungslinien und -positionen zu halten“. Zugleich rĂ€umte er ein, dass die russischen Angreifer an einigen Abschnitten „Teilerfolge“ erzielt hĂ€tten.

Angesichts der Gefahrenlage mussten in Charkiw in den vergangenen Tagen bereits rund 4000 Menschen ihre HĂ€user verlassen und an sicherere Orte gebracht werden, wie Gouverneur Oleh Synjehubow schrieb. Viele von ihnen könnten bei Freunden und Verwandten untergekommen, fĂŒr andere wĂŒrden UnterkĂŒnfte bereitgestellt.

Institut: Russische Offensive soll Ukrainer von Grenze abdrÀngen

Russische Truppen hatten in der Nacht zum Freitag ĂŒbereinstimmenden Berichten zufolge im Grenzgebiet zur ukrainischen Millionenstadt Charkiw eine Offensive gestartet. Laut russischem Verteidigungsministerium wurden dabei mehrere ukrainische Grenzdörfer bei der Stadt Wowtschansk besetzt. Am Sonntag meldete Moskau die Einnahme von vier weiteren Ortschaften.

Ukrainische und russische MilitĂ€rbeobachter wie auch auslĂ€ndische Experten gingen aber davon aus, dass der Vorstoss noch nicht auf die Stadt Charkiw ziele. Das Institut fĂŒr Kriegsstudien ISW in den USA sprach von „begrenzten operativen Zielen“. Die Angriffe sollten die ukrainischen KrĂ€fte von der Grenze abdrĂ€ngen; durch das VorrĂŒcken solle Charkiw wieder in die Reichweite russischer Haubitzen und Kanonen kommen.

Strategisches Ziel sei, die Ukrainer zu zwingen, Soldaten und Material von anderen bedrĂ€ngten Abschnitten der Front im Osten abzuziehen. Der begrenzte Einsatz lege nicht nahe, „dass russische KrĂ€fte in grossem Massstab eine Offensivoperation durchfĂŒhren, um Charkiw einzuschliessen, einzukreisen oder zu erobern“, schrieb das ISW. Gleich zu Beginn des Angriffskriegs im FrĂŒhjahr 2022 waren russische Truppen nach Charkiw eingedrungen, konnten aber abgewehrt werden.

Wohnhaus in russischer Grenzregion Belgorod schwer beschÀdigt

In der an Charkiw grenzenden russischen Grenzregion Belgorod wurde unterdessen ein mehrstöckiges Wohnhaus bei einem Angriff schwer beschĂ€digt. Aus den TrĂŒmmern wurden bis zum Nachmittag mindestens sechs Tote geborgen, wie der Zivilschutz nach Angaben der Staatsagentur Tass mitteilte. Russlands Verteidigungsministerium teilte mit, das Haus sei von herabstĂŒrzenden TrĂŒmmern einer ukrainischen Totschka-U-Rakete getroffen worden. UnabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒft werden konnte das zunĂ€chst nicht. Der Gouverneur der Region, Wjatscheslaw Gladkow, sprach von mindestens 19 Verletzten.

Von ukrainischer Seite gab es zunÀchst keine offizielle Reaktion. In ukrainischen Medien wurde die russische Darstellung allerdings teils in Zweifel gezogen. Die Agentur Ukrinform etwa schrieb unter Berufung auf einen Experten, die auf den Fotos sichtbaren Zerstörungen legten nahe, der GebÀudeteil könnte vorsÀtzlich gesprengt worden sein, um zu provozieren und die eigenen Angriffe zu rechtfertigen.

(text:sda/bild:keystone)