12 Oktober 2021

Ostsee: Fang von Hering und Dorsch wird stark eingeschrÀnkt

Die Krise der Ostseefischerei spitzt sich zu: Angesichts einer drohenden Katastrophe fĂŒr viele BestĂ€nde darf 2022 deutlich weniger gefangen werden. Die deutsche Bundesministerin fĂŒr ErnĂ€hrung und Landwirtschaft zeigt sich nach der Entscheidung enttĂ€uscht. Auch auf Hobby-Angler kommen EinschrĂ€nkungen zu.

Fischer dĂŒrfen in der westlichen Ostsee 2022 keinen Dorsch mehr und Hering nur noch in Ausnahmen gezielt fangen. Die EU-LĂ€nder einigten sich am Dienstag angesichts bedrohter BestĂ€nde nach mehr als 24 Stunden Verhandlung darauf, dass beim Dorsch lediglich Beifang in Höhe von knapp 490 Tonnen möglich sein soll und nur noch 788 Tonnen Hering gefischt werden dĂŒrfen, wie aus einer Mitteilung der EU-LĂ€nder hervorgeht. Gezielte Heringsfischerei mit Schleppnetzen wird untersagt.

In diesem Jahr dĂŒrfen EU-weit noch 1600 Tonnen westlicher Hering und 4000 Tonnen westlicher Dorsch gefangen werden. Hintergrund der neuen Regeln sind besorgniserregende Entwicklungen vieler FischbestĂ€nde in der Ostsee.

In einer Mitteilung wies das deutsche Bundeslandwirtschaftsministerium darauf hin, dass es dem Beschluss nicht zustimme. Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) hatte vergeblich gefordert, dass ĂŒber den westlichen Hering im Dezember entschieden werden sollte, weil dieser Bestand in nördlichere GewĂ€sser wandert und auch andere LĂ€nder ihn fischen.

Verhandlungen mit diesen LĂ€ndern sind fĂŒr Dezember angesetzt. Klöckner befĂŒrchtet, dass eine strikte EU-Entscheidung fĂŒr die Ostsee andere LĂ€nder zu einer hohen Fangmenge in anderen Meeren verleiten könnte. Das erwartet auch der Direktor des ThĂŒnen-Instituts, Christopher Zimmermann. Die Folge werde sein, dass der Heringsbestand keine Chance bekomme, sich zu erholen.

Weitgehend einig sind sich der Deutsche Fischereiverband, NaturschĂŒtzer und Ministerium in den Auswirkungen fĂŒr die deutsche Ostseefischerei: Sie stehe vor dem Aus, sagte der BundesgeschĂ€ftsfĂŒhrer der Deutschen Umwelthilfe (DUH), Sascha MĂŒller-Kraenner.

„Unter dem Strich ist das fĂŒr die deutsche Fischerei, das muss man ganz klar sagen, eine Katastrophe“, sagte Fischerei-Verbandssprecher Claus Ubl der Deutschen Presse-Agentur. Dorsch und Hering seien die „Brotfische“. „Und wenn die dermassen gekĂŒrzt werden, dass man sie nicht mehr gezielt befischen darf, dann kann sich jeder ausrechnen, dass da kaum noch ein Fischer von ĂŒberleben kann“, sagte Ubl.

Und „wenn ich keinen Fisch fange, kann ich auch Strukturen wie KĂŒhlhĂ€user, Eismaschinen und anders nicht mehr halten – und wenn die einmal weg sind, sind sie weg.“ Dass die Quoten fĂŒr Scholle und Sprotte angehoben wurden, werde einigen Fischern helfen, zu ĂŒberleben.

Klöckner sprach von „massivsten Einschnitten“ fĂŒr die Fischerei. Sie kĂŒndigte an, sich fĂŒr eine finanzielle UnterstĂŒtzung der Fischerei einzusetzen. Der Bund will mit den LĂ€ndern ausloten, ob weitere „Abwrack-Massnahmen“ notwendig seien.

Umweltschutzorganisationen reagierten mit gemischten GefĂŒhlen auf das Ergebnis: „Uns bleibt nicht mehr lange, um einen vollstĂ€ndigen Kollaps des Ökosystems in der Ostsee zu verhindern“, teilte der BUND-Vorsitzende Olaf Bandt mit. Es sei aber ein Schritt in die richtige Richtung gemacht worden. Neben zu hohen Fangmengen in den vergangenen Jahren habe auch der Klimawandel einen negativen Einfluss auf die Populationsentwicklung, betonte die Organisation MSC, die sich fĂŒr eine nachhaltige Fischerei einsetzt.

Die EU-LĂ€nder folgen beim Hering dem Vorschlag der EU-Kommission, beim westlichen Dorsch ĂŒbersteigt die Einigung den Vorschlag der BrĂŒsseler Behörde um rund 165 Tonnen. FĂŒr Deutschland bedeutet das, dass 435 Tonnen westlicher Hering und 104 Tonnen westlicher Dorsch gefangen werden dĂŒrfen.

Die DUH kritisiert, dass die Entscheidung hinter den VorschlĂ€gen der Kommission zurĂŒckbleibe. Zahlreiche Organisationen fĂŒr Umweltschutz kritisieren schon seit Jahren zu hohe Fangmengen. Greenpeace-Meeresbiologe Thilo Maack sprach davon, dass die nun beschlossene „Vollbremsung“ zu spĂ€t komme und die Ostseefischerei sehenden Auges in den Abgrund stĂŒrze, weil die EU-LĂ€nder jahrelang die Warnungen von Wissenschaft und UmweltschĂŒtzern ignoriert hĂ€tten.

In der Einigung zum Hering findet sich auch eine Ausnahmegenehmigung fĂŒr Fischerboote unter zwölf Meter, die mit „passivem FanggerĂ€t“, also etwa Stellnetzen, weiterhin gezielt Heringe fischen dĂŒrfen, wie eine Sprecherin des Bundesagrarministeriums bestĂ€tigte.

Doch nicht nur auf Berufsfischer kommen EinschrĂ€nkungen zu, auch Hobby-Angler sind betroffen: Sie dĂŒrfen ausserhalb der Schonzeit pro Tag und Person nur noch einen Dorsch und einen Lachs fangen. „Der Fischereistopp hĂ€tte auch fĂŒr die Angelfischerei gelten mĂŒssen“, sagte Maack. Es sei kaum zu kontrollieren, ob sich alle an das Limit hielten.

(text:sda/bild:unsplash)