13 MĂ€rz 2023

Oscars: Darum dreht sich der beste Film

Menschen, die „Everything Everywhere All at Once“ gesehen haben, wissen: Es ist schwer zu erklĂ€ren, worum es in diesem Werk geht, das bei den Oscars als bester Film ausgezeichnet wurde. Der Grund: Der Film bombardiert seine Zuschauer mit unzĂ€hligen Plot Twists, EinfĂ€llen und visuellen Referenzen. Alleine ein Genre zu definieren, in das „Everything Everywhere All at Once“ passt, ist fast unmöglich – denn der Film kombiniert in einem anarchischen Mix Elemente aus Science-Fiction, Fantasy, Martial Arts, Slapstick-Komödie und Familien-Drama.

„Everything Everywhere All at Once“ erzĂ€hlt von der chinesischen Immigrantin Evelyn (gespielt von Michelle Yeoh, einer malaysischen Schauspielerin chinesischer Abstammung), die in den USA einen Waschsalon betreibt und von ihrem Alltag gestresst ist. Nach einem Fehler in ihrer SteuererklĂ€rung wird ihr Waschsalon von der Steuerbehörde geprĂŒft. Dazu kommen familiĂ€re Probleme: Ihr Mann Waymond (Ke Huy Quan) konfrontiert sie mit Scheidungspapieren, ihre Tochter Joy (Stephanie Hsu) ist mit einer Frau zusammen, was Evelyn vor ihrem vermeintlich strengen Vater verbergen will, der gerade aus China angereist ist.

WĂ€hrend eines Besuchs in der Steuerbehörde, wo die garstige Steuerfahnderin Deirdre (Jamie Lee Curtis) ihre Unterlagen prĂŒfen will, verwandelt sich ihr Ehemann plötzlich in eine alternative Version seiner selbst aus einem anderen Universum. „Alpha Waymond“ erklĂ€rt Evelyn, dass mehrere Paralleluniversen mit unterschiedlichen Versionen ihrer selbst existieren. Die Gesamtheit aller Paralleluniversen – das sogenannte Multiversum – sei von einer bösen Macht bedroht und nur Evelyn könne diese aufhalten.

Die Finanzbehörde verwandelt sich nun in einen wilden Martial-Arts-Kampfplatz. Evelyn reist durch unterschiedliche Universen und versucht, auf die FĂ€higkeiten all der Versionen ihrer selbst zuzugreifen, um gegen das Böse zu kĂ€mpfen. Dabei merkt sie, dass ihre Alternativ-Versionen deutlich spannendere Leben fĂŒhren als sie – und kommt ins GrĂŒbeln, ob sie in ihrem Leben wohl oft falsch abgebogen ist.

Die Zuschauer finden sich in Welten wieder, in der Menschen Hotdogs als Finger haben oder keine Menschen mehr sind, sondern Steine. Zu solch absurden Gags kommt noch hinzu, dass die Regisseure Daniel Kwan und Daniel Scheinert Referenzen auf alle möglichen Filme der Vergangenheit einbauen. Man verliert schonmal den Faden in diesem Chaos. Sicher ist jedenfalls: So etwas hat man im Kino noch nie gesehen.

Es ist eine willkommene Abwechslung, dass die Idee der parallelen Universen einmal nicht in einem Marvel-Film zu sehen ist, sondern hier auf eine ganz andere, die migrantische Erfahrung ĂŒbertragen wird. Was Evelyn und Waymond erlebt haben, war eine Welt mit wenigen Optionen – fĂŒr ihr Kind gilt das nicht mehr.

Bei allen Schrulligkeiten hat der Film auch einen soziologischen und emotionalen Kern. Da ist zum einen eine anrĂŒhrende Familiengeschichte. Und eine Idee, die auch viel ĂŒber unsere Gegenwart erzĂ€hlt. So leben wir in einer Welt, in der uns andere Möglichkeiten und Entscheidungen immer wieder vor Augen gefĂŒhrt werden. Wo wir uns stĂ€ndig entscheiden mĂŒssen, was auch mal ĂŒberfordernd sein kann. Die Frage, ob wir das fĂŒr uns selbst beste Leben fĂŒhren, wurde wohl selten witziger durchgespielt als in diesem Film.

(text:sda/bild:sda)