21 Februar 2022

Olympia propagiert R├╝ckkehr zu den Wurzeln

„Beijing 2022“ ist Geschichte. In vier Jahren kehren die Winterspiele in Norditalien (Mailand/Cortina) in die Alpen zur├╝ck – mit Ans├Ątzen, die auch in der Schweiz Hoffnung aufkeimen lassen.

Die Winterspiele von 2026 sollen keinen Rappen Steuergeld kosten. Nur ein einziger Neubau, eine Eishockey-Halle in Mailand f├╝r 16’000 Zuschauer, ist vorgesehen. Die Organisatoren versprechen eine „R├╝ckkehr zu den Wurzeln“.

Zur├╝ck in den Alpen, in der Heimat des Wintersports, wird indes nicht automatisch alles besser als an den letzten drei gew├Âhnungsbed├╝rftigen Austragungsorten Sotschi (2014), Pyeongchang (2018) oder Peking (2022). Ob in Mailand und Cortina die Abr├╝stung des Gigantismus tats├Ąchlich beginnt, den das IOC mit seiner Agenda 2020 schon feiert, muss erst bewiesen werden.

In vier Jahren werden die Distanzen zur Herausforderung. Die Spiele finden in der Lombardei (Mailand, Bormio, Livigno), in Venetien (Cortina), im S├╝dtirol (Antholz) und im Trentino (Val di Fiemme) statt. Die Reisedauer zwischen Mailand und Cortina betr├Ągt f├╝nf Stunden. Der olympische Geist wird es in Norditalien nicht einfach haben.

Die Olympischen Winterspiele bewegen sich in eine Richtung, die Pierre de Coubertins Grundidee einer Begegnungsst├Ątte junger Sportler ad absurdum f├╝hrt. In Italien wird es sechs olympische D├Ârfer geben, nicht einmal die Er├Âffnungsfeier (in Mailand) und die Schlussfeier (in Verona) finden am gleichen Ort statt. Immerhin punkten die Italiener mit Nachhaltigkeit. Das antike Amphitheater in Verona haben die R├Âmer vor zwei Jahrtausenden gebaut.

Das IOC muss diesen neuen Weg der Dezentralisierung einschlagen, weil ansonsten endg├╝ltig die Kandidaten ausgegangen w├Ąren. Vor drei Jahren verblieben f├╝r 2026 nur zwei Kandidaturen zur Auswahl – neben Mailand/Cortina noch Stockholm/Are. F├╝r die Spiele von 2022 hatte das IOC die Wahl zwischen Peking und Almaty (Kasachstan).

Aber trotz „Agenda 2020“ wachsen die Spiele weiter. Es ist nicht damit zu rechnen, dass zu den 109 Wettbewerben von Peking nur die f├╝nf schon aufgenommenen Bewerbe im Skibergsteigen dazukommen. 1988 in Calgary gab es noch weniger als 50 Medaillens├Ątze (46) zu gewinnen, 2018 in Pyeongchang erstmals mehr als 100 (102).

Die Spiele von Peking und ganz sicher auch die n├Ąchsten Spiele in Norditalien lassen Hoffnung aufkeimen, dass vielleicht doch irgendwann auch in der Schweiz wieder Winterspiele stattfinden k├Ânnten. „Wenn jemand pr├Ądestiniert ist f├╝r Olympische Winterspiele, dann ist es die Schweiz“, sagte Skiverbands-Pr├Ąsident Urs Lehmann in einem Interview mit der SonntagsZeitung. „Wir haben fast alle Infrastrukturen, mit die modernsten weltweit. Wir haben das Geld, wir haben das Standing, wir sind angesehen als Wintersportnation.“

Auch Ralph St├Âckli, der „Chef de Mission“ von Swiss Olympic, ist ├╝berzeugt davon, dass die Schweiz sich wieder bewerben sollte: „Aber wichtig ist auch, die Bev├Âlkerung ernst zu nehmen. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass die Leute im Moment nicht hinter Spielen steht, wie sie derzeit organisiert werden. Bevor man einen neuen Anlauf nimmt, muss man kl├Ąren, unter welchen Bedingungen die Bev├Âlkerung ├╝berzeugt werden kann. Es ist hilfreich, dass wir in vier Jahren Spiele in Italien haben mit einem sehr dezentralen Konzept. Wir sind froh, finden wieder einmal Spiele im Alpenraum statt. Das wird f├╝r uns ein wichtiger Gradmesser sein, um uns weiterf├╝hrende Gedanken ├╝ber eine Schweizer Kandidatur zu machen.“

Auch die zu Ende gegangenen Olympischen Spiele bieten f├╝r eine Schweizer Kandidatur neue Ans├Ątze. Die Sommerspiele in Tokio im Sommer 2021 und die Winterspiele von Peking funktionierten ohne Zuschauer. Die Einnahmen aus den Fernsehrechten finanzieren das Spektakel. Wenn k├╝nftig f├╝r Olympia nicht Neubauten n├Âtig sind, die nur f├╝r diesen einen Anlass ausgelastet werden, erh├Âht das die Chance, Winterspiele auch bei uns mehrheitsf├Ąhig zu machen. Die Spiele m├╝ssen kleiner und billiger werden. Wenn Olympia sogar ohne Zuschauer geht, dann reichen auch Stadien wie in Biel oder Langnau mit Fassungsverm├Âgen bis 4000 Zuschauern (bei nur Sitzpl├Ątzen) aus, um Olympia-Events durchzuf├╝hren.

Das Budget von Mailand/Cortina betr├Ągt derzeit 1,9 Milliarden Franken. 600 Millionen steuert das IOC bei. Die ├╝brigen 1,3 Milliarden sollen durch Sponsoren, Merchandising und Ticketverk├Ąufe in die Kasse kommen. ├ľffentliche Gelder sind nicht eingeplant. Deshalb sprachen sich bei der Bewerbung vor drei Jahren ├╝ber 80 Prozent aller Italiener f├╝r Olympia aus.

Das ist der Weg, der auch in der Schweiz zu begehen w├Ąre. In der Schweiz scheiterten Kandidaturen zuletzt an den zu hohen Kosten, welche die ├ľffentliche Hand zu tragen h├Ątte. In Graub├╝nden sagten vor f├╝nf Jahren gut 60 Prozent Nein zum Projektkredit f├╝r die Kandidatur f├╝r 2026.

(text:sda/bild: