9 Mai 2021

Nach der Schule der Tod – Mehr als 50 Opfer bei Anschlag in Kabul

Hasiba schĂŒttelt den Kopf. Immer wieder hat sie versucht, die „Löcher“ zu schliessen. Mit Spachtelmasse, mit Baumwolle, mit Klebeband.

Es war das erste Mal, dass die junge Studentin aus Afghanistans Hauptstadt Kabul Leichen waschen musste. Alle anderen Frauen in der Moschee im Westen der Stadt seien nach dem Anschlag in Ohnmacht gefallen, berichtet Hasiba. Und die toten MÀdchen hÀtten so viele Verwundungen gehabt. Und einfach nicht aufgehört, zu bluten.

Die muslimischen MĂ€dchen, deren Leichname die Studentin rituell reinigte, waren Opfer des ersten grossen Anschlags in Afghanistan seit Beginn des Abzugs der internationalen Truppen Anfang Mai. Am Samstagnachmittag detonierten binnen weniger Minuten eine Autobombe und zwei Minen in der NĂ€he einer grossen Schule im Westen der Stadt – gerade, als der Unterricht zu Ende war und Hunderte Kinder aus der Schule strömten.

Das afghanische Innenministerium bezifferte die Zahl der Toten am Sonntag, fast 24 Stunden nach dem Anschlag, auf mehr als 50. Augenzeugen zufolge waren ein grosser Teil junge MĂ€dchen unter 16 Jahren. Mindestens 100 Menschen wurden an diesem blutigen Nachmittag verletzt. Viele liegen noch in KrankenhĂ€usern. BefĂŒrchtet wird, dass die Zahl der Todesopfer im Lauf der nĂ€chsten Tage noch steigen wird. In Kabul, einem der gefĂ€hrlichsten Orte der Welt, haben sie mit solchen Dingen Erfahrung.

Am Sonntag kamen hunderte Menschen am Ort des Anschlags im Stadtteil Dascht-e Bartschi zusammen. Immer noch lagen dort Dutzende MĂ€dchenschuhe, blutbefleckte Schulhefte und zerfetzte RucksĂ€cke. MĂ€nner wischten sich mit StofftĂŒchern TrĂ€nen aus den Augen. Kleine MĂ€dchen, erst sechs oder sieben Jahre alt, hielten sich an der Hand. Mehrere MĂ€nner Ă€usserten ihren Zorn. Ein Passant klagte: „Sie sollten uns MĂ€nner töten. Welche SĂŒnde haben diese jungen MĂ€dchen begangen?“

Dascht-e Bartschi wird mehrheitlich von schiitischen Hasara bewohnt. Dort fanden in der Vergangenheit immer wieder folgenschwere Angriffe auf zivile Einrichtungen wie Bildungszentren und Sportclubs statt. Viele davon reklamierte die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) fĂŒr sich. Sunnitische Extremisten wie die Mitglieder der IS-Miliz bekĂ€mpfen Schiiten als AbtrĂŒnnige, obwohl es sich auch bei ihnen um Muslime handelt.

Anwohner haben in der Vergangenheit immer wieder Unzufriedenheit ĂŒber die Sicherheitssituation ausgedrĂŒckt. Die SicherheitskrĂ€fte wĂŒrden sich nicht richtig um sie kĂŒmmern, hiess es. Das Misstrauen gegenĂŒber der eigenen Regierung ist gross. Das zeigte sich auch am Sonntag. Augenzeugen sagten, es habe eine halbe Stunde oder sogar eine ganze Stunde gedauert, bis die Rettungsdienste da gewesen seien. Auch SicherheitskrĂ€fte seien lange nicht gekommen.

Mohammed Risa Amiri erzĂ€hlte, ein grosser Teil der Verletzten sei von Anwohnern in Rikschas und privaten Autos in die KrankenhĂ€user gebracht worden. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums berichtete, dass Fahrer von RettungswĂ€gen vor Ort verprĂŒgelt worden seien.

Wer hinter dem Angriff steht, ist weiter unklar. ZunĂ€chst bezichtigte sich niemand. Die militant-islamistischen Taliban bestritten eine Beteiligung. Das Innenministerium erklĂ€rte hingegen, der Anschlag sei zweifellos eine Aktion der militant-islamistischen Taliban. Vonseiten der afghanischen Regierung heisst es stets, nur die Taliban hĂ€tten die FĂ€higkeiten, massive AnschlĂ€ge durchzufĂŒhren.

Der IS hat in Afghanistan zwar Territorien, KĂ€mpfer und FĂŒhrungsfiguren verloren; neben der afghanischen Regierung und dem US-MilitĂ€r bekĂ€mpfen auch die Taliban die Extremisten. Einem UN-Bericht von 2020 zufolge ist der IS aber weiter in der Lage, Angriffe in verschiedenen Teilen des Landes zu verĂŒben. Zuletzt hatte der IS in der Tat wieder vermehrt Angriffe fĂŒr sich reklamiert, auch auf die UniversitĂ€t Kabul.

Aus Sicht des Afghanistan-Experten Thomas Ruttig trĂ€gt der Anschlag die Handschrift des IS. Man könne aber auch Sabotage-Aktionen von KrĂ€ften nicht ausschliessen, die an den inner-afghanischen Friedensverhandlungen nicht interessiert seien. Seit September des Vorjahres laufen im Golfemirat Katar Verhandlungen zwischen Regierung und Taliban. „Gegenseitige Beschuldigungen sind Teil der psychologischen KriegsfĂŒhrung“, sagt Ruttig. Deshalb sei eine unabhĂ€ngige Untersuchung des Anschlags notwendig.

Mit dem Anschlag steigen nun auch wieder die Sorgen, dass der IS oder andere Terrorgruppen nach dem Abzug der internationalen Truppen wieder an StĂ€rke gewinnen und neue RĂŒckzugsrĂ€ume finden. Auch US-Offizielle haben eingerĂ€umt, dass der Abzug die Sammlung von Geheimdienstinformationen als Basis zur erfolgreichen BekĂ€mpfung von Terrorgruppen einschrĂ€nken werde. Bis spĂ€testens 11. September sollen die noch rund 10 000 Soldaten aus den USA und anderen Nato-Staaten das Land verlassen haben.

Der Anschlag wurde international verurteilt. Der US-Botschafter in Kabul, Ross Wilson, bezeichnete ihn als „abscheulichen Angriff“ auf die Zukunft Afghanistans. Auch Papst Franziskus gedachte der Opfer. Er sprach von einer „unmenschlichen Tat“. Hasiba, die die MĂ€dchenleichen waschen musste, sagt, sie kenne sich mit Politik nicht gut aus. Aber auch sie habe Zweifel, dass Afghanistan mit all diesen Bedrohungen alleine fertig werden kann.

 

(text:sda/bild:sda)