21 November 2021

Nach Corona-Protesten: „Orgie der Gewalt“ ersch├╝ttert Europa

Feuerwerksk├Ârper explodieren, Autos stehen in Brand, Jugendliche schmeissen Steine auf Polizisten. Beamte verschanzen sich vor der Meute hinter Autos. Dann fallen Sch├╝sse. Corona-Proteste f├╝hrten in Rotterdam zu heftigen Strassenschlachten. Diese wirkten wie ein Funke im Pulverfass. In der folgenden Nacht zum Sonntag kam es zu Unruhen an mehreren Orten im Land. B├╝rger und Politik sind entsetzt. Justizminister Ferd Grapperhaus sprach von einer organisierten Attacke auf Einsatzkr├Ąfte. „Diese Gewalt vor allem gegen die Polizei hat in der Corona-Pandemie zugenommen“, sagte der Minister am Sonntag dem TV-Sender WNL.

Einen konkreten Anlass f├╝r Proteste gibt es in den Niederlanden dabei gar nicht. Bisher ist keine weitere Versch├Ąrfung der Corona-Massnahmen geplant. Anders ist das in ├ľsterreich, wo bereits ab diesen Montag ein allgemeiner Lockdown gilt. Rund 40 000 Menschen demonstrierten am Samstag in Wien dagegen – und es blieb weitgehend friedlich. Aber auch in ├ľsterreich bef├╝rchtet man eine weitere Radikalisierung der Gegner der Corona-Massnahmen und mehr Gewalt.

In den Niederlanden ist die Stimmung bereits stark aufgeheizt. Die Gewaltwelle setzte Freitag ein, nachdem eine nicht angemeldete Protestdemo gegen Corona-Massnahmen in Rotterdam total aus dem Ruder lief. Hunderte Randalierer zogen durch die Hafenstadt, legten Br├Ąnde, griffen die Polizei mit Feuerwerk an. „Es war eine Orgie der Gewalt“, sagte Rotterdams B├╝rgermeister Ahmed Aboutaleb.

Am Tag danach sah man in der Innenstadt Spuren der Verw├╝stung: Ausgebrannte Autos, verkohlte Fahrr├Ąder und Mopeds, die Strassen ├╝bers├Ąht mit Steinen und Glas. Die Polizei wurde nach Darstellung des B├╝rgermeisters so bedroht, dass Beamte sogar zur Schusswaffe griffen. Vorl├Ąufige Bilanz: mindestens sieben Verletzte, 51 Festnahmen.

Auf TV-Bildern ist zu sehen, wie Polizisten attackiert werden. Polizeiautos gehen in Flammen auf. Die Polizei gab nach eigener Darstellung erst Warnsch├╝sse ab und schoss dann auch gezielt auf Menschen. Mit einer derart grossen Meute habe man nicht gerechnet, sagt der Rotterdamer Polizeichef Fred Westerbeke im TV-Sender NOS. „Dies sind f├╝r mich Kriminelle, die versucht haben, meine Polizeileute zu verletzen oder sogar zu t├Âten.“ Die Justiz untersucht nun den Waffeneinsatz der Polizei.

Politiker ├Ąusserten sich entsetzt, B├╝rger reagierten emp├Ârt. „Das hat nichts mit Demonstrieren zu tun“, schimpfte eine Frau im niederl├Ąndischen Fernsehen. Ein Mann nannte die Randalierer „Abschaum“.

Am Samstag kursierten in den sozialen Netzwerken Aufrufe zu Krawallen im ganzen Land. Und tats├Ąchlich: Randalierer zogen in der Nacht zum Sonntag durch mehrere St├Ądte. Rund 30 Personen wurden nach Angaben der Polizei festgenommen, die meisten in Den Haag. Dort wurden die Mobile Einheit der Polizei sowie Hunde und Pferde eingesetzt. F├╝nf Beamte seien verletzt worden, teilte die Polizei mit.

Die Polarisierung habe zugenommen, sagte Justizminister Grapperhaus. Corona-Proteste w├╝rden von gewaltbereiten Gruppen missbraucht. „Die Polizei wird dargestellt als Verl├Ąngerung des Staates, und der muss angegriffen werden.“ Bereits im Januar hatte es heftige Krawalle gegeben, nach dem eine Ausgangssperre verh├Ąngt worden war.

Auch in ├ľsterreich warnt Innenminister Karl Nehammer (Bild) vor mehr Gewalt. Er nannte einen Brandanschlag auf ein Polizeiauto in Linz als Beispiel. Zwei Tatverd├Ąchtige h├Ątten zugegeben, dass sie dabei die beiden Polizisten, die sie zuvor kontrolliert h├Ątten, t├Âten wollten. „Das ist ein Ausmass an Radikalisierung, das in keiner Weise hinnehmbar ist.“

In Wien hatten die meisten zwar friedlich demonstriert. Doch h├Ątten auch „altbekannte Neonazis und Vertreter der neuen rechtsextremen Szene“ versucht, die Stimmung aufzuheizen, sagte Nehammer. Bei der Kundgebung hatten Menschen immer wieder „Freiheit“ gerufen. „Die Stimmung ist aufgeheizt“, sagte ein Polizeisprecher. Ab Montag gelten in ├ľsterreich Ausgangsbeschr├Ąnkungen und 2022 soll eine Corona-Impflicht eingef├╝hrt werden. Zu den Protesten hatte unter anderem die rechte FP├ľ aufgerufen. Kundgebungen mit Tausenden Teilnehmern gegen Corona-Massnahmen gab es am Samstag auch in der kroatischen Hauptstadt Zagreb.

(text:sda/bild:keystone)