29 MĂ€rz 2021

Merkel gegen alle Lockerungen bei Corona-Massnahmen

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat angesichts der dritten Corona-Welle allen geplanten Lockerungen und Modellprojekten in Deutschland eine klare Absage erteilt.

Die Regierungschefin ĂŒbte am Sonntagabend in der ARD-Sendung „Anne Will“ massiven Druck auf die LĂ€nder aus, um diese zum Umsetzen der Notbremse und noch schĂ€rferer Massnahmen zu bewegen. Merkel deutete auch an, dass der Bund tĂ€tig werden könnte, wenn die LĂ€nder nicht die nötigen Massnahmen ergreifen sollten.

„Wir mĂŒssen mit einer grossen Ernsthaftigkeit jetzt die geeigneten Massnahmen einsetzen. Und einige BundeslĂ€nder tun das, andere tun es noch nicht.“ Wenn das nicht „in sehr absehbarer Zeit“ geschehe, mĂŒsse sie sich ĂŒberlegen wie sich das vielleicht auch bundeseinheitlich regeln lasse. „Das ist mein Amtseid, das ist meine Verpflichtung“, sagte Merkel. Ein Möglichkeit sei, „das Infektionsschutzgesetz noch mal anzupacken und ganz spezifisch zu sagen, was muss in welchem Fall geschehen“. Sie werde nicht zuschauen, bis es 100 000 Neuinfektionen am Tag gebe.

Merkel betonte, sie denke darĂŒber noch nach und habe sich noch nicht abschliessend entschieden. Ausserdem seien fĂŒr alle Entscheidungen am Ende Mehrheiten im Bundestag und Bundesrat erforderlich. Bund und LĂ€nder mĂŒssten zusammen handeln. „Wir können nichts ohne einander beschliessen“. Aber: „Wir sind verpflichtet, qua Gesetz, das Infektionsgeschehen einzudĂ€mmen. Und im Augenblick ist die EindĂ€mmung nicht da.“

Bayerns MinisterprĂ€sident Markus Söder stellte anschliessend in den ARD-„Tagesthemen“ klar, dass er sich mehr Kompetenzen in Bundeshand vorstellen kann. Er habe schon immer gesagt: „Ich hĂ€tte mir mehr Kompetenzen des Bundes ĂŒber das Infektionsschutzgesetz vorstellen können, das die LĂ€nder auch zu klaren Regeln zwingt. Ich bin da sehr dafĂŒr und offen“, sagte der CSU-Chef in den ARD-Tagesthemen.

Konkret wurde Söder bei den nĂ€chtlichen Ausgangssperren, die es unter anderem in Bayern schon seit lĂ€ngerem gibt. Diese seien rechtlich bundesweit nicht durchsetzbar, sagte Söder. Aber: „Wenn die Kanzlerin die Initiative ergreifen wĂŒrde, eine Initiative auf nationaler Ebene, Recht zu Ă€ndern und klare Vorgaben zu machen, hĂ€tte sie meine UnterstĂŒtzung.“ Merkel nannte AusgangsbeschrĂ€nkungen in Regionen mit besonders hohen Infektionszahlen am Sonntagabend als ausdrĂŒcklich vorstellbar, diese „können ein ganz wirksames Mittel sein.“

Merkel wie auch Söder kritisierten am Abend andere MinisterprĂ€sidenten. Bei der Kanzlerin bekam Berlins Regierender BĂŒrgermeister Michael MĂŒller (SPD) sein Fett weg: „Ich weiss jetzt wirklich nicht, ob Testen und Bummeln, wie es jetzt in Berlin heisst, die richtige Antwort auf das ist, was sich zur Zeit abspielt.“

NRW-MinisterprĂ€sident und CDU-Chef Armin Laschet bescheinigte Merkel, wenn auch erst auf erneutes Nachhaken der Interviewerin, einen Verstoss gegen die Notbremse. Auch der Blick ins Saarland fiel pikiert aus. MinisterprĂ€sident Tobias Hans (CDU) will nach Ostern in einem Modellprojekt umfangreich das ganze Land unter Einbeziehung von Tests öffnen. Obwohl, wie Merkel unterstrich, die Infektionszahlen dort nicht stabil seien. „Deshalb ist das nicht der Zeitpunkt, jetzt so was ins Auge zu fassen“, so die Kanzlerin.

Söder kritisierte, dass derzeit in einigen BundeslĂ€ndern viele der Massnahmen, die man schon beschlossen habe, nicht umgesetzt wĂŒrden. Viele wendeten die beschlossene Notbremse nicht an oder tĂ€ten sich schwer in der Umsetzung. Er habe „kein gutes GefĂŒhl dabei“. Einer neuen MinisterprĂ€sidentenkonferenz erteilten Merkel wie auch Söder am Sonntagabend eine Absage. „Es bringt nichts, sich beispielsweise auf einer neuen Konferenz zusammenzusetzen und zu lamentieren, sich auszutauschen und am Ende dann doch wieder das zu tun, was jeder fĂŒr richtig hĂ€lt“, sagte Söder.

Merkel sagte, die Anfang MĂ€rz vereinbarten stufenweisen Öffnungsschritte seien ein Kompromiss gewesen. „Ein Kompromiss mit Treu und Glauben darauf, dass die Notbremse auch wirklich umgesetzt wird. Wenn sie das jetzt nicht wird, ist das sozusagen ein Verstoss gegen die BeschlĂŒsse, die wir getroffen haben.“

Strengere Corona-Massnahmen sind auch aus Sicht von GrĂŒnen- Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt unausweichlich und waren absehbar. „Dass trotz aller Warnungen wochenlang nicht gehandelt wurde, hat uns im Kampf gegen das Virus meilenweit zurĂŒckgeworfen und fĂŒr einen massiven Vertrauensverlust gesorgt“, sagte Göring-Eckardt den Zeitungen der Funke Mediengruppe. „Dass jetzt strengere Massnahmen unausweichlich sind, war absehbar und ist die unweigerliche Folge des inkonsequenten Hin-und-Her. So kann und darf es nicht weitergehen.“

Die GrĂŒnen-Politikerin forderte die Bundesregierung auf, einen „Wellenbrecher-Plan“ vorzulegen, „mit dem Kontakte und Infektionen reduziert werden und der dann am besten von Bundestag und Bundesrat beschlossen wird“.

Katrin Göring-Eckardt sieht zudem einen Missbrauch von Corona-Modellprojekten. „Genau jetzt die Idee von Modellprojekten zu missbrauchen und grossflĂ€chig zu öffnen, ohne echte Sicherheit bieten zu können, ist absolut unverantwortlich und ein gefĂ€hrliches Spiel mit der Gesundheit vieler Menschen“, sagte Göring-Eckardt den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Modellprojekte mĂŒssen dazu dienen, in kontrollierbarem Rahmen Erfahrungen zu sammeln, nicht um breite Lockerungen schönzureden.

SPD-Chef Norbert Walter-Borjans verteidigte Lockerungsprojekte mit freiwilligen Tests hingegen gegen Kritik. Die LĂŒcke zwischen Infektionsanstieg und ausreichender Immunisierung der Bevölkerung mĂŒsse vor allem durch die Ausweitung der Corona-Tests verkleinert werden, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND/Montag). „Dazu können die in Aussicht gestellten Modellprojekte einen Beitrag leisten.“ Ansteckungsgefahr lasse sich nur mit flĂ€chendeckendem Testen senken.

Die Deutsche Gesellschaft fĂŒr Immunologie sprach sich mit Blick auf die Infektionszahlen dafĂŒr aus, Dosen fĂŒr Zweitimpfungen nicht mehr zurĂŒckzulegen. „Impfstoff zurĂŒckzulegen, ist angesichts der aktuellen Situation nicht mehr tragbar und kostet Menschenleben“, sagte GeneralsekretĂ€r Carsten Watzl der „Augsburger Allgemeinen“ (Montag). „Es wĂŒrde jetzt viel helfen, alles zu verimpfen, was da ist und die Zweitimpfung dann zu machen, wenn die spĂ€tere Lieferung erfolgt.“

(sda)