30 Oktober 2022

Massenpanik bei Halloween-Partys: Mehr als 150 Tote in Seoul

Auf den Strassen liegen neben viel MĂŒll vereinzelt Schuhe, abgenutzte Masken und selbst eine KrĂŒcke: Es sind Spuren einer Massenpanik, die Samstagnacht wĂ€hrend Halloween-Feiern in Seoul mindestens 153 Menschen in den Tod gerissen hat. Bei der Katastrophe im beliebten Ausgehviertel Itaewon der sĂŒdkoreanischen Hauptstadt wurden zudem mehr als 103 Menschen verletzt, wie die Feuerwehr am Sonntagabend (Ortszeit) mitteilte. Von ihnen hĂ€tten 19 schwere Verletzungen erlitten.

PrĂ€sident Yoon Suk Yeol ordnete eine grĂŒndliche Untersuchung an und rief eine Staatstrauer aus. Sie soll bis zum nĂ€chsten Samstag dauern. Es war die schlimmste Katastrophe in SĂŒdkorea seit dem Untergang der FĂ€hre „Sewol“ 2014 vor der KĂŒste des Landes, als 304 Menschen starben.

Unter den Todesopfern der Massenpanik befanden sich laut Feuerwehr auch 22 AuslĂ€nder, das Innenministerium gab die Zahl mit 20 an. Die Opfer stammten den Angaben zufolge aus China, dem Iran, Russland, den USA, Frankreich, Australien, Vietnam, Usbekistan, Norwegen, Kasachstan, Sri Lanka, Thailand und Österreich. Mindestens 97 der Todesopfer seien Frauen gewesen, berichtete die nationale Nachrichtenagentur Yonhap. Ob es möglicherweise auch deutsche Opfer gab, davon war vorerst keine Rede.

Das MassenunglĂŒck in der Millionenmetropole ereignete sich in einer engen, abschĂŒssigen Gasse, als auf den Strassen des Viertels extremes GedrĂ€nge herrschte. FĂŒr die vorwiegend jungen PartygĂ€nger wurde das etwa vier Meter breite GĂ€sschen zur Falle, der sie offenbar nicht entweichen konnten: Zahlreiche Menschen seien auf den Boden gestĂŒrzt, wĂ€hrend andere von oben nachgedrĂ€ngt hĂ€tten, berichteten Augenzeugen. Viele der Opfer seien erdrĂŒckt, erstickt oder sie seien niedergetrampelt worden. Alles sei sehr schnell passiert, so dass die Menschen in der Menge kaum Zeit zur Flucht gehabt hĂ€tten.

„Es war wie ein Dominoeffekt“, sagte ein junger Zeuge dem sĂŒdkoreanischen Fernsehsender MBC. „Ich habe das Gleichgewicht verloren und bin ebenfalls hingefallen.“ Er habe nicht auf Liegende treten wollen. „Menschen waren bewusstlos und riefen nach Hilfe.“ In den ersten Berichten von der UnglĂŒcksstelle hiess es, viele Menschen hĂ€tten bei einem MassengedrĂ€nge einen Herzstillstand erlitten. RettungskrĂ€fte und Privatpersonen hĂ€tten versucht, sie wiederzubeleben.

„Da lagen Menschen auf der Strasse an der Kreuzung, die reanimiert wurden“, sagte Karl Sunglao aus Kalifornien, der in Seoul als Englischlehrer tĂ€tig ist, der dpa auf dem RĂŒckweg aus Itaewon. Als er und seine Freundin um etwa 23 Uhr am Samstag (Ortszeit) aus der U-Bahn-Station gekommen seien um zu feiern, hĂ€tten sie zunĂ€chst gedacht, ein GebĂ€ude sei eingestĂŒrzt. „Es herrschte absolutes GedrĂ€nge, wir wussten nicht, was los war.“

Die genauen UmstĂ€nde der Tragödie blieben vorerst unklar. Augenzeugenberichten zufolge waren die Gassen rund um das UnglĂŒcksareal derart voll, dass sich die RettungskrĂ€fte nur schwer ihren Weg durch die Menschenmassen bahnen und zu den Opfern vordringen konnten. Online-Videos, die in sozialen Medien kursierten, zeigten Dutzende Personen, die am Strassenrand liegend mit blauen Plastikplanen bedeckt waren. Etwa 140 Rettungsfahrzeuge waren laut Yonhap im Einsatz. Das Gebiet wurde weitlĂ€ufig abgesperrt.

Die Leichen wurden in den Morgenstunden in eine Sporthalle transportiert, wo sie von Angehörigen identifiziert werden sollten. Bis zum Sonntagabend war die IdentitĂ€t der meisten Opfer bekannt. Die Behörden richteten zudem eine Leitung fĂŒr Vermisstenmeldungen ein.

Das alljĂ€hrliche Halloween-Fest ist eine der grössten öffentlichen Feiern in SĂŒdkoreas Hauptstadt. Dieses Jahr fanden wieder zum ersten Mal grössere Veranstaltungen zu dem Fest statt, nachdem die Corona-Massnahmen weitgehend gelockert wurden. Zehntausende Menschen zog es laut den Berichten ins Itaewon-Viertel, viele von ihnen in Halloween-KostĂŒmen verkleidet. „In Itaewon ist es jedes Jahr extrem voll, aber dieses Jahr war es einfach nur verrĂŒckt“, schrieb eine Frau in einer Instagram-Story. Den Berichten zufolge machten GerĂŒchte die Runde, dass ein prominenter Youtuber auf dem Weg zu einem Club in der betroffenen Strasse oder dort schon angekommen sei. Das habe noch einmal sehr viele Menschen angezogen.

„Das ist wirklich schrecklich“, sagte PrĂ€sident Yoon in einer Rede an die BĂŒrger am Sonntag. Solch eine Tragödie im Zentrum von Seoul hĂ€tte niemals passieren dĂŒrfen. Als PrĂ€sident, der fĂŒr das Leben und die Sicherheit der BĂŒrger verantwortlich sei, fĂŒhle er tiefe Trauer. Yoon, der auch den UnglĂŒcksort besuchte, erklĂ€rte laut Yonhap spĂ€ter den betroffenen Stadtteil zur speziellen Katastrophenzone. Dadurch soll unter anderem den Hinterbliebenen der Opfer und den Verletzten schneller Hilfe zugute kommen.

Auch im Ausland löste die Tragödie BestĂŒrzung aus. Der deutsche BundesprĂ€sident Frank-Walter Steinmeier kondolierte Yoon. „Mit tiefer BestĂŒrzung und Fassungslosigkeit habe ich von dem verheerenden UnglĂŒck in Itaewon erfahren, bei dem so viele Menschen ihr Leben verloren haben“, schrieb Steinmeier. Deutschland sei der Republik Korea eng und freundschaftlich verbunden und stehe „in dieser dunklen Stunde“ an deren Seite.

Auch Bundeskanzler Olaf Scholz und EU-Ratschef Charles Michel hatten ihr MitgefĂŒhl ausgedrĂŒckt – ebenso US-PrĂ€sident Joe Biden. In einer ErklĂ€rung von Biden hiess es, er und seine Frau Jill trauerten mit den Menschen in SĂŒdkorea.

(text&bild:sda)