20 Juni 2026

Marlen Reusser für Risiko doppelt belohnt

Marlen Reusser geht im Zeitfahren der Tour de Suisse volles Risiko ein und wird dafür doppelt belohnt. Sie sorgt für den ersten Schweizer Etappensieg an dieser Rundfahrt und fährt am Sonntag im Leadertrikot um den Gesamtsieg.

Auftritte in der Heimat sind für Marlen Reusser immer etwas Besonderes. Ein Zeitfahren vor Heimpublikum erst recht. In Aarburg kam am Samstag noch eine weitere Komponente hinzu: Die Bernerin trug das Trikot der Weltmeisterin, auf ihrer Zeitfahrmaschine prangerten die Regenbogenfarben sowie die Sterne für den EM-Titel. Entsprechend gross war die Anspannung. Sie sei vor dem Start „super nervös“ und „super aufgeregt“ gewesen, erzählt Reusser.

Doch der Kampf gegen die Uhr ist für die Ausnahmekönnerin stets auch ein Kampf gegen den Schmerz – und die Frage, wie viel ihr Körper davon verträgt, um das Optimum herauszuholen. Im Ziel gesteht sie: „Heute habe ich die Schmerzgrenze sehr schnell gefunden und mich dann mit ihr angelegt.“

Für Reusser gab es auf dem gut 23 Kilometer langen Parcours nur eine Devise: volles Risiko. „Ich sagte mir vor dem Start: Lieber gehe ich völlig in die Luft, als dass wir es nicht probiert haben.“ Und dieser Ansatz zahlte sich aus. Zwar sei sie im ersten flachen Streckenteil über dem Limit gefahren und habe im technisch anspruchsvollen Mittelteil etwas Vorsicht walten lassen. Dennoch distanzierte sie die zweitplatzierte Britin Zoe Bäckstedt im Ziel um elf Sekunden.

Die 21-jährige Tochter des früheren Paris-Roubaix-Siegers Magnus Bäckstedt gilt als Toptalent. Als Einzige konnte sie Reusser einigermassen Paroli bieten – und das nur einen Tag nach ihrem ersten Sieg auf der World Tour, den sie in Bad Ragaz im Sprint gefeiert hatte. Für Reusser kommt das nicht überraschend: „Ich dachte mir, sie ist in so guter Form und könnte das heute gewinnen. Ich wäre nicht überrascht gewesen, wenn sie schneller gewesen wäre.“

Doch die Sekunden waren an diesem Tag auf Reussers Seite, besonders im Duell mit Elisa Longo Borghini. Dass sie der zweimaligen Giro-Siegerin, die Fünfte wurde, über eine Minute abnahm und die Italienerin damit auch an der Spitze der Gesamtwertung ablöste, kam für Reusser jedoch überraschend. „Ich rechnete damit, dass ich auf diesem Parcours vielleicht eine halbe Minute herausholen kann, wenn alles gut läuft.“

So konnte Reusser an der Siegerehrung das Weltmeistertrikot gegen das Leadertrikot der Tour de Suisse tauschen. Das Maillot jaune trägt sie nun zum achten Mal auf ihrer Schultern, so oft wie keine andere Fahrerin in der Geschichte der Rundfahrt.

Und für Reusser viel wichtiger: Statt als Jägerin nimmt sie die Schlussetappe am Sonntag rund um Villars-sur-Ollon mit zehn Sekunden Vorsprung auf Longo Borghini in Angriff. Das hat den Vorteil, dass sie nicht selbst die Initiative ergreifen muss.

Auf die Vorjahressiegerin wartet allerdings noch ein hartes Stück Arbeit. Die anspruchsvolle Bergetappe in den Waadtländer Alpen verspricht Spannung bis zum Schluss. Der Husarenritt mit rund 3000 Höhenmetern wird schonungslos aufzeigen, wie gut Reusser die Folgen ihrer Stürze und die damit verbundenen körperlichen Beschwerden wegstecken kann. „Es kann alles passieren, in alle Richtungen. Es wird erneut heiss. Ein Einbruch, und man verliert schnell zwei oder drei Minuten“, so Reusser, die ihren dritten Gesamtsieg nach 2023 und 2025 anstrebt.

(text:sda/bild:keystone)