2 September 2022

Land unter in Pakistan: Verzweifelte Flucht vor der nÀchsten Flut

In einem verzweifelten Wettlauf mit der Zeit haben RettungskrĂ€fte im SĂŒden Pakistans versucht, Millionen von Menschen vor drohenden Fluten in Sicherheit zu bringen. Die Provinz Sindh muss sich laut Behörden auf weitere Wassermassen gefasst machen, die den Fluss Indus aus dem Norden des Landes herabströmten.

Wassermengen von fast 20 000 Kubikmetern pro Sekunde wĂŒrden in KĂŒrze grosse StĂ€dte in Sindh erreichen, warnte die Katastrophenschutzbehörde am Freitag. Zudem halten die RegenfĂ€lle mancherorts an.

In Pakistan haben die zerstörerischen Überschwemmungen seit Mitte Juni bereits mehr als 1200 Menschen das Leben gekostet. Im dem Land mit rund 220 Millionen Einwohnern sind nach Regierungsangaben mehr als 33 Millionen Menschen in drei der vier Provinzen betroffen.

In dem sĂŒdasiatischen Land ist Monsunsaison, NiederschlĂ€ge dieses Ausmasses gab es allerdings seit Jahrzehnten nicht. UN-Angaben zufolge war der Monsunregen dreimal so stark wie im Durchschnitt vergangener Jahre. Behausungen und Habseligkeiten wurden innerhalb von Minuten von den Fluten mitgerissen. Weil viele BrĂŒcken und auch Tausende Kilometer Strassen zerstört oder beschĂ€digt wurden, war die Verteilung von HilfsgĂŒtern schwierig.

In der SĂŒd-Provinz Sindh war der Indus, der im Himalaya entspringt und im Arabischen Meer mĂŒndet und dabei die Region durchfliesst, in der vergangenen Woche ĂŒber die Ufer getreten. Tausende Soldaten, RettungskrĂ€fte und Freiwillige waren am Freitag teils mit Booten und Hubschraubern zur Rettung von Einwohnern im Einsatz.

“Es ist ein Wettlauf mit der Zeit”, beschrieb der Provinzregierungssprecher Murtaza Wahab die EvakuierungsbemĂŒhungen. Fernsehaufnahmen zeigten Menschen auf DĂ€chern, die RettungskrĂ€fte versuchten heranzuwinken. Andere wateten auf der Suche nach festem Boden durch hĂŒfthohes Wasser. “Wir versuchen, die Menschen zu erreichen, die ohne Nahrung und Unterkunft noch mitten im Wasser sind”, sagte Rustam Jamali, ein Helfer aus der Stadt Dadu.

Derweil harrten im Norden Pakistans, wo selbst eine Woche nach Ende der letzten RegenfĂ€lle noch Orte ĂŒberschwemmt sind, ebenfalls Tausende ohne Nahrung und Unterkunft aus. “Es ist so, als ob wir FlĂŒchtlinge in unseren eigenen Dörfern sind. Wir können nicht ein paar Hundert Meter weiter nach Hause gehen”, sagte ein Anwohner aus der Gemeinde Swat.

Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks Unicef sind 16 Millionen Kinder in Not. 18 000 Schulen sind UN-Angaben zufolge landesweit zerstört oder beschĂ€digt worden. Viele der 72 am schwersten betroffenen Distrikte hĂ€tten schon vor der Katastrophe zu den Ă€rmsten im Land gehört, sagte der Unicef-Vertreter fĂŒr Pakistan, Abdullah Fadil, 40 Prozent der Kinder dort seien in ihrer Entwicklung zurĂŒckgeblieben. “Viele sind in besonderer Gefahr, ohne Dach ĂŒber dem Kopf, ohne Schule und ohne sauberes Trinkwasser.” Unicef habe begonnen, sichere RĂ€ume fĂŒr MinderjĂ€hrige einzurichten, damit sie nicht missbraucht und ausgenutzt werden und in den Schutzzentren ihre Erfahrungen mit ausgebildetem Personal verarbeiten könnten.

Mindestens ein Drittel Pakistans stehe seit Wochen unter Wasser, sagte Klimaschutzministerin Sherry Rehman. Sie bezeichnete die Fluten als klimabedingte Katastrophe epischen Ausmasses und existenzielle Bedrohung fĂŒr Pakistan. Laut Planungsminister Ahsan Iqbal ruinierten die Überschwemmungen bereits 45 Prozent der AckerflĂ€che des Landes.

Durch das stehende Wasser ergeben sich zudem gesundheitliche Probleme fĂŒr die Menschen – Erkrankungen wie Durchfall, AugenentzĂŒndungen oder HautausschlĂ€ge. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fĂŒrchtete auch die Ausbreitung von Krankheiten wie Cholera, Dengue-Fieber und Malaria. Hilfsorganisationen warnen, dass durch das Fehlen sicherer UnterkĂŒnfte, Hygieneprodukte oder Toiletten vor allem fĂŒr Frauen die Gefahr von Krankheiten und auch sexueller Gewalt steige.

(text&bild:sda)