9 Februar 2023

Kaum noch Hoffnung – Zehntausende Tote nach Erdbeben zu bef├╝rchten

Unter den Tausenden eingest├╝rzten Geb├Ąuden im t├╝rkisch-syrischen Grenzgebiet gibt es vermutlich noch Zehntausende Erdbebenopfer. Bis Donnerstagabend wurden schon fast 20 000 Tote gemeldet. Hinzu kommen um die 70 000 Verletzte in der T├╝rkei und in Syrien. Nach mehr als drei Tagen und dem Richtwert von 72 Stunden, die ein Mensch eigentlich h├Âchstens ohne Wasser auskommen kann, geht die Hoffnung auf weitere ├ťberlebende verloren, auch wenn es vereinzelt Meldungen von Geretteten nach ├╝ber 80 Stunden gab.

Nach Einsch├Ątzung von Fachleuten k├Ânnte die Zahl der Toten nach der Erdbebenkatastrophe erheblich steigen. Schnelle Hochrechnungen auf Basis empirischer Schadensmodelle liessen bis rund 67 000 Todesopfer erwarten, teilte am Donnerstag Andreas Sch├Ąfer vom Karlsruher Institut f├╝r Technologie (KIT) mit.

Am fr├╝hen Montagmorgen hatte ein Beben der St├Ąrke 7,7 das t├╝rkisch-syrische Grenzgebiet ersch├╝ttert. Montagmittag folgte dann ein weiteres Beben der St├Ąrke 7,6 in derselben Region.

Die Beben geh├Ârten wahrscheinlich zu den 20 t├Âdlichsten Erdbeben weltweit seit dem Jahr 1900, teilte das KIT mit. Schon 11 der 100 t├Âdlichsten Erdbeben seitdem ereigneten sich demnach in der T├╝rkei.

Mehr als 100 000 Helfer sind in der T├╝rkei nach Regierungsangaben im Einsatz. Sie werden von Suchhunden unterst├╝tzt. Es gebe inzwischen 16 546 Tote allein in der T├╝rkei, sagte am Donnerstag Pr├Ąsident Recep Tayyip Erdogan. Aus Syrien waren zuletzt mindestens 3317 Tote gemeldet worden.

Die deutsche Bundesregierung arbeitet mit daran, die Versorgung der Menschen im schwer erreichbaren Nordsyrien zu verbessern. Das Problem sei, dass das „Regime“ zuletzt keine humanit├Ąre Hilfe ins Land gelassen habe, sagte Aussenministerin Annalena Baerbock (Gr├╝ne) im WDR-Radio.

Nach dem Willen mehrerer Abgeordneter von Bund und L├Ąndern sollen ├ťberlebende kurzfristig unb├╝rokratisch bei Verwandten in Deutschland unterkommen k├Ânnen, wenn diese f├╝r den Lebensunterhalt der Angeh├Ârigen aufkommen. „Ich selbst habe mehrere Anfragen von Menschen in Deutschland erhalten, die gern ihren Angeh├Ârigen ohne Obdach helfen m├Âchten“, sagte der Vizechef der deutsch-t├╝rkischen Parlamentariergruppe, Macit Karaahmetoglu (SPD), der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Das Ausw├Ąrtige Amt teilte mit, dass t├╝rkische und syrische Staatsangeh├Ârige auch nach dem Erdbeben f├╝r eine Einreise nach Deutschland ein Visum ben├Âtigten.

Zur Unterst├╝tzung der nur schwer erreichbaren Erdbeben-Opfer im Nordwesten Syriens trafen am Donnerstag sechs Lastwagen mit Hilfsg├╝tern der Vereinten Nationen ein. Aktivisten in Syrien berichteten, es handle sich um Hilfslieferungen, die schon vor dem Erdbeben geplant und nur davon aufgehalten worden seien. Dringend ben├Âtigte Ausr├╝stung f├╝r die Rettungsteams in Syrien sei deshalb nicht angekommen – stattdessen G├╝ter wie etwa Waschmittel. „Das ist sehr entt├Ąuschend und besch├Ąmend“, sagte der Leiter der Syrischen Beobachtungsstelle f├╝r Menschenrechte, Rami Abdel Rahman, der dpa.

Der einzige Grenz├╝bergang Bab al-Hawa war schon vor dem Erdbeben eine Lebensader f├╝r rund 4,5 Millionen Menschen im Nordwesten des Landes, die nicht von der syrischen Regierung kontrolliert werden. 90 Prozent der Bev├Âlkerung waren dort bereits vor der Katastrophe nach UN-Angaben auf humanit├Ąre Hilfe angewiesen. In der Region leben Millionen Menschen, die durch K├Ąmpfe in Syrien vertrieben wurden.

Angesichts der nur schwer erreichbaren Erdbeben-Opfer im Nordwesten Syriens verlangte UN-Generalsekret├Ąr Ant├│nio Guterres die ├ľffnung weiterer Grenz├╝berg├Ąnge aus der T├╝rkei. „Wir brauchen massive Unterst├╝tzung und deshalb w├╝rde ich mich nat├╝rlich sehr freuen, wenn der Sicherheitsrat einen Konsens erzielen k├Ânnte, um die Nutzung von mehr ├ťberg├Ąngen zuzulassen, da wir auch unsere Kapazit├Ąt erh├Âhen m├╝ssen“, sagte Guterres am Donnerstag in New York.

Die ersten Hilfsfl├╝ge der Bundeswehr starteten am Donnerstag vom nieders├Ąchsischen Wunstorf aus in die T├╝rkei. Die t├╝rkische Regierung habe Materialien zur Unterbringung der vom Erdbeben betroffenen Bev├Âlkerung bei der Bundesregierung angefordert, sagte der Pr├Ąsident des THW, Gerd Friedsam. Zuvor waren schon Teams verschiedener Hilfsorganisationen in die T├╝rkei geflogen. Frankreich wollte noch am Donnerstag ein Feldlazarett schicken, in dem mehrere Hunderte Verletzte pro Tag behandelt werden k├Ânnen. Israelische Rettungskr├Ąfte bauten bereits ein Feldlazarett in der T├╝rkei auf.

Pr├Ąsident Erdogan liess am Donnerstag vom Parlament in Ankara den erdbebenbedingten Ausnahmezustand f├╝r drei Monate best├Ątigen. Das Dekret wurde im Amtsblatt ver├Âffentlicht – damit ist der Ausnahmezustand in Kraft. Die Massnahme umfasst die zehn Provinzen, die auch vom Erdbeben getroffen wurden.

Erdogan hatte gesagt, der Ausnahmezustand werde auch helfen, gegen die vorzugehen, die „Unfrieden und Zwietracht stiften“. Es habe zum Beispiel Pl├╝nderungen gegeben, die nun verhindert werden k├Ânnten. Erdogan hatte den Ausnahmezustand schon am Dienstag angek├╝ndigt.

Mit dem Ausnahmezustand k├Ânnen laut staatlicher Nachrichtenagentur Anadolu in den betreffenden Regionen etwa ├Âffentliche Einrichtungen, Organisationen oder „juristische und nat├╝rliche Personen“ in der Region dazu verpflichtet werden, beispielsweise Ausr├╝stung, Grundst├╝cke, Geb├Ąude, Fahrzeuge oder Medikamente abzugeben.

(text:sda/bild:keystone)