19 Februar 2024

Israel sieht Kampfwillen der Hamas gebrochen

Israels Milit├Ąr hat ├╝ber das Wochenende seine Eins├Ątze gegen die islamistische Hamas-Miliz in der Stadt Chan Junis im S├╝den des Gazastreifens fortgesetzt. Dabei brachte die Armee das Nasser-Krankenhaus, eine der gr├Âsseren Kliniken des K├╝stengebiets, unter seine Kontrolle. Nach Darstellung von Mitarbeitern ist das Krankenhaus nicht mehr funktionsf├Ąhig. Die Armee teilte am Sonntagabend mit, hunderte Terroristen und Terrorverd├Ąchtige, die sich in der Klinik versteckt h├Ątten, seien gefangen genommen worden. Einige von ihnen sollen sie sich als medizinisches Personal ausgegeben haben.

Verteidigungsminister Joav Galant sieht derweil den Kampfgeist der Islamisten nach mehr als vier Monaten Krieg gebrochen. „200 Terroristen ergaben sich im Nasser-Spital, Dutzende weitere im Amal-Spital“, sagte Galant am Sonntag bei einer Besprechung mit Armeekommandeuren. „Das zeigt, dass die Hamas ihren Kampfgeist verloren hat.“ Die Angaben liessen sich zun├Ąchst nicht unabh├Ąngig ├╝berpr├╝fen.

Zudem habe die aus Furcht vor den israelischen Sicherheitskr├Ąften abgetauchte Hamas-F├╝hrung unter Gaza-Chef Jihia al-Sinwar in ihren Verstecken den Kontakt zur Aussenwelt verloren. „Die Gaza-Filiale der Hamas antwortet nicht“, sagte Galant. „Es ist niemand mehr vor Ort ├╝brig, mit dem man sprechen kann.“ Die Hamas-F├╝hrung im Ausland suche bereits nach Ersatz f├╝r Al-Sinwar. ├ťber organisierte Streitkr├Ąfte verf├╝ge die Miliz nur noch im mittleren Gazastreifen sowie in Rafah, dem s├╝dlichen Grenzort zu ├ägypten.

Umstrittenes Vorr├╝cken nach Rafah

In Rafah bereitet sich die israelische Armee auf ein Einr├╝cken vor, um die verbliebenen Hamas-Bataillone zu zerschlagen und dort vermutete Geiseln zu befreien. Die israelische Regierung hat aber diesbez├╝glich noch keinen Einsatzbefehl erteilt. Ein milit├Ąrisches Vorgehen in der s├╝dlichsten Stadt des Gazastreifens ist h├Âchst umstritten, weil sich dort auf engstem Raum 1,3 Millionen Pal├Ąstinenser dr├Ąngen, von denen die meisten vor den K├Ąmpfen in anderen Teilen des K├╝stengebiets geflohen sind.

Ausl├Âser des Gaza-Kriegs war das beispiellose Massaker, das Terroristen der Hamas und anderer extremistischer Gruppen am 7. Oktober in Israel nahe der Grenze zu Gaza ver├╝bt hatten. Auf israelischer Seite wurden dabei mehr als 1200 Menschen get├Âtet und weitere 250 Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Israel reagierte mit massiven Luftangriffen und einer Bodenoffensive.

Krankenh├Ąuser k├Ânnen Verletzten nicht mehr helfen

Bislang kamen nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbeh├Ârde im Gazastreifen fast 29 000 Pal├Ąstinenser bei israelischen Angriffen und K├Ąmpfen ums Leben. 68 880 weitere seien verletzt worden. Die Angaben liessen sich zun├Ąchst nicht unabh├Ąngig ├╝berpr├╝fen. Die Gesundheitsbeh├Ârde sprach am Sonntag von einer dramatischen Situation. Eine grosse Zahl von Verletzten k├Ânne wegen nicht funktionsf├Ąhiger Krankenh├Ąusern und fehlender Medikamente nicht behandelt werdet. Tausende Verwundete m├╝ssten in andere L├Ąnder gebracht werden, damit ihnen geholfen werden kann.

Marshallplan f├╝r Wiederaufbau Gazas gefordert

Der pal├Ąstinensische Ministerpr├Ąsident Mohammed Schtaje forderte die internationale Gemeinschaft zu einem Aufbauprogramm f├╝r das schwer zerst├Ârte K├╝stengebiet auf. „Wir brauchen einen Marshallplan f├╝r den Gazastreifen“, sagte Schtaje der Deutschen Presse-Agentur am Rande der M├╝nchner Sicherheitskonferenz. Dieser Plan m├╝sse aus drei Komponenten bestehen: Nothilfe, Rekonstruktion und einer Wiederbelebung der Wirtschaft. „Wir wissen aus Satellitenaufnahmen, dass 45 Prozent des Gazastreifens zerst├Ârt sind. Das bedeutet 281 000 Wohneinheiten, die vollst├Ąndig oder teilweise zerst├Ârt sind.“

Eine Reparatur k├Ânne teils schon in Wochen oder Monaten m├Âglich sein. „Das bedeutet, wir brauchen daf├╝r viel Geld“, f├╝hrte Schtaje weiter aus. Mit den Vereinten Nationen laufe eine Untersuchung, wie man der gr├Âssten Not begegnen k├Ânne. Der Regierungschef amtiert mit seiner Autonomiebeh├Ârde im Westjordanland und hat keine faktische Kontrolle ├╝ber den bis zum Kriegsausbruch von der Hamas allein beherrschten Gazastreifen.

Bericht: Iran r├Ąt Verb├╝ndeten nunmehr zur M├Ąssigung

Die Hamas verdankt Geld, Waffen und Ausbildung ihrer K├Ąmpfer zum grossen Teil dem Iran. Seit dem 7. Oktober heizen auch andere, vom Iran unterst├╝tzte bewaffnete Gruppen die Spannungen in der weiteren Nahost-Region an. Die Schiiten-Miliz Hisbollah beschiesst vom S├╝dlibanon aus den Norden Israels, von wo 80 000 Bewohner ins Landesinnere in Sicherheit gebracht werden mussten. Schiitische Kampfverb├Ąnde in Syrien und im Irak greifen vermehrt US-St├╝tzpunkte an. Die Huthi im Jemen feuern Raketen auf Schiffe im Roten Meer ab. Die Formationen verstehen sich zusammen mit ihrem F├Ârderer Iran als „Achse des Widerstands“, die sich die Vernichtung Israels zum Ziel gesetzt hat.

Die USA und Grossbritannien reagierten bislang mit Bombardierungen von St├╝tzpunkten und Raketenstellungen der mit Teheran verb├╝ndeten Milizen, vermieden es aber, den Iran selbst anzugreifen. Eine weitere Eskalation an irgendeiner dieser Fronten, vor allem aber im Libanon, k├Ânnte – so die allgemein geteilte Bef├╝rchtung – einen Fl├Ąchenbrand in Nahost ausl├Âsen.

(text:sda/bild:keystone)