12 November 2023

Israel: Hamas verliert Kontrolle РDramatische Lage in Krankenhäusern

Gut einen Monat nach dem Massaker der islamistischen Hamas an israelischen Zivilisten hat die im Gazastreifen herrschende Terrororganisation nach israelischer Darstellung die Kontrolle √ľber den Norden des K√ľstenstreifens verloren. Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu sagte, Hamas-K√§mpfer h√§tten „keinen sicheren Ort mehr, um sich zu verstecken“. Auch das Milit√§r hatte zuvor mitgeteilt, die Hamas kontrolliere den Norden nicht mehr. Ob das auch f√ľr das weit verzweigte Tunnelsystem galt, war unklar.

Die Lage in den Krankenh√§usern vor allem im heftig umk√§mpften n√∂rdlichen Teil wurde unterdessen immer dramatischer. Israel vermutet unter dem Schifa-Krankenhaus, dem gr√∂ssten Klinikkomplex des Gazastreifens, eine Kommandozentrale der Hamas. Zur Zukunft des K√ľstenstreifens nach einem Ende der K√§mpfe √§usserte sich Netanjahu ausweichend. Eine Verwaltung durch die Pal√§stinensische Autonomiebeh√∂rde aus dem Westjordanland schloss er jedoch aus.

Heftige Kämpfe unmittelbar am Krankenhaus

Nach Angaben eines im Schifa-Krankenhaus arbeitenden Arztes wurde weiter heftig in unmittelbarer N√§he des Spitals gek√§mpft. „Wir k√∂nnen kaum die Patienten im Krankenhaus behandeln und sind mitten im Kriegsgebiet“, sagte der Mediziner Ahmed Muchallalati am Sonntag dem Nachrichtensender Al-Dschasira. „Es gibt laufend Luftangriffe, und Drohnen kreisen in der Gegend des Krankenhauses.“ Die medizinische Versorgung von Patienten sei mangels Strom, Wasser und Medikamenten fast zum Erliegen gekommen. Mehrere Patienten seien deshalb bereits gestorben. Die Angaben liessen sich nicht √ľberpr√ľfen. Israels Armee dementierte Vorw√ľrfe √ľber Angriffe.

Neues Zeitfenster zur Flucht in den S√ľden Gazas

Israels Milit√§r hatte den Zivilisten im Norden des Gazastreifens f√ľr Sonntag ein neues Zeitfenster f√ľr die Flucht in den S√ľden genannt. Zudem solle ein Durchgang zwischen dem Schifa-Krankenhaus und einer Verbindungsstrasse in Richtung S√ľden geschaffen werden, teilte die Armee auf der Plattform X mit. Der Fluchtkorridor sei zwischen 09.00 Uhr und 16.00 Uhr Ortszeit (08.00 Uhr bis 15.00 Uhr MEZ) ge√∂ffnet. Augenzeugenberichten zufolge flohen Tausende meist zu Fuss nach S√ľden.

Netanjahu: Hamas-Terroristen todgeweiht

Von Hamas-Chef Jihia al-Sinwar „bis zum letzten Terroristen“ seien alle todgeweiht, sagte Netanjahu. Die Armee habe bereits Tausende Terroristen get√∂tet, darunter auch „Kommandeure, die das schreckliche Massaker am 7. Oktober angef√ľhrt haben“. Israel hat seither mehr als 1200 get√∂tete Zivilisten und Soldaten zu beklagen. Die von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbeh√∂rden im Gazastreifen berichten von mehr als 11 000 Toten durch die israelischen Angriffe.

Netanjahu betonte, es werde keine Waffenruhe ohne Freilassung der 239 Geiseln geben. Zu den diplomatischen Bem√ľhungen sagte Netanjahu, man werde die Familien informieren, sobald es etwas Konkretes gebe. Bis dahin sei es besser, zu schweigen.

Zukunft des Gazastreifens weiter ungewiss: „Etwas anderes“

Netanjahu erkl√§rte erneut, Israel wolle nach einem Sieg √ľber die Hamas die Sicherheitskontrolle im Gazastreifen behalten. Der K√ľstenstreifen m√ľsse entmilitarisiert werden. Zugleich schloss er aus, dass die gem√§ssigtere Pal√§stinensische Autonomiebeh√∂rde (PA) aus dem Westjordanland wieder die Kontrolle auch √ľber den Gazastreifen √ľbernehmen k√∂nnte. Von dort war die von Pal√§stinenserpr√§sident Mahmud Abbas geleitete Organisation 2007 von der Hamas vertrieben worden.

Netanjahu betonte, Israel werde im Gazastreifen keine Verwaltung akzeptieren, „die ihre Kinder dazu erzieht, Israel zu hassen, Israelis zu t√∂ten oder Israel zu eliminieren“. Es m√ľsse „etwas anderes“ sein.

Israel warnt Hisbollah: Beirut könne das Schicksal Gazas ereilen

Auf anhaltende Angriffe aus dem benachbarten Libanon reagierte Israel mit einer deutlichen Warnung an die dort ans√§ssige Schiitenmiliz Hisbollah. „Macht nicht den Fehler, in den Krieg einzusteigen. Das w√§re der Fehler eures Lebens“, sagte Ministerpr√§sident Netanjahu am Samstagabend an die Hisbollah gerichtet, die wie die Hamas haupts√§chlich vom Iran finanziert wird.

Israels Verteidigungsminister Joav Galant sagte, der gr√∂sste Teil der israelischen Luftwaffe sei nicht mehr mit dem Gazastreifen besch√§ftigt. Die Flugzeugnasen seien nun nach Norden gerichtet. Die B√ľrger des Libanons m√ľssten wissen: Wenn Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah einen Fehler begehe, „das Schicksal Beiruts wie das Schicksal Gazas sein k√∂nnte“, sagte Galant.

800 Ausländer und Palästinenser mit Zweitpass aus Gaza ausgereist

Aus dem Gazastreifen reisten erneut Hunderte Ausl√§nder und Pal√§stinenser mit zweitem Pass aus. Mehr als 800 von ihnen h√§tten den Grenz√ľbergang Rafah nach √Ągypten √ľberquert, sagte am Sonntag ein Sprecher des Kontrollpunkts auf pal√§stinensischer Seite. Damit h√§tten seit Wieder√∂ffnung der Grenze vor etwa anderthalb Wochen rund 2700 Ausl√§nder und Pal√§stinenser mit zweitem Pass das abgeriegelte K√ľstengebiet verlassen. In den vergangenen Tagen konnten nach Angaben des Ausw√§rtigen Amts auch mehr als 280 Deutsche und ihre Angeh√∂rigen ausreisen.

(text:sda/bild:keystone/sda)