29 Juli 2022

Infektiologe: Bei Affenpocken droht keine Pandemie wie bei Aids

Bei Affenpocken droht keine Pandemie wie bei Aids. Dieser Auffassung ist der Infektiologe Pietro Vernazza. Zwischen den beiden Erkrankungen gebe es drei wesentliche Unterschiede, sagte er in einem Zeitungsinterview.

Zun├Ąchst w├╝rden Affenpocken nicht ├╝bertragen, wenn die infizierte Person noch keine Symptome wie Pockenbl├Ąschen und Pusteln habe, sagte Vernazza im am Freitag ver├Âffentlichten Interview mit der „Neuen Z├╝rcher Zeitung“. Infizierte w├╝ssten also, dass sie ansteckend seien.

Zum zweiten seien an Affenpocken Erkrankte nicht lange ansteckend. Wenn die Pusteln ausgeheilt seien, sei die Person immun. Bei den Aids verursachenden HI-Viren sei das anders: Sichtbare Symptome zeigten sich meist erst Jahre nach der Ansteckung, doch ansteckend seien Infizierte bereits davor.

Zum dritten sind laut Vernazza Affenpcken-Viren gem├Ąss derzeitigem Stand des Wissens kaum via Blut ├╝bertragbar. „F├╝r eine ├ťbertragung von Affenpockenviren braucht es enge k├Ârperliche Kontakte, es geschieht derzeit fast immer durch sexuelle Kontakte“, sagte der Infektiologe.

Mit Isolation l├Ąsst sich laut Vernazza die Krankheit in den Griff bekommen. Wer infiziert sei, solle verhindern, dass die mit Pusteln und Bl├Ąschen befallenen Stellen am K├Ârper mit anderen Menschen in Kontakt k├Ąmen. Wer um eine Infektion wisse, werde die Zahl der engen sexuellen Kontakte vor├╝bergehend stark reduzieren.

Die in der Schweiz bisher gemeldeten Affenpocken-F├Ąlle betrafen fast ausschliesslich M├Ąnner, die sexuelle Kontakte mit anderen M├Ąnnern haben. Wichtig ist laut Vernazza eine unvoreingenommene, sachliche und vor allem motivierende Information dieser Personen. Stigmatisierung und Zwangsmassnahmen seien kontraproduktiv.

Vernazza ├Ąusserte sich ├╝berzeugt, dass in der Schweiz der Ausbruch der Affenpocken noch dieses Jahr wieder abflauen wird. Ausbr├╝che k├Ânne es zwar immer wieder geben, aber die Hauptbetroffenen w├╝rden jetzt lernen, mit der Krankheit umzugehen und ihr Verhalten anzupassen.

Eine Impfung gegen Affenpocken ist in der Schweiz bisher nicht zugelassen. Vernazza will mit der Impfung „nichts ├╝berst├╝rzen“, wie er sagte. Vor dem grossfl├Ąchigen Einsatz einer Impfung wolle er mehr Daten zur Sicherheit des zurzeit angebotenen Impfstoffes sehen.

Anderer Meinung ist der Z├╝rcher Infektiologe Jan Fehr. „, sagte er am Freitag im Schweizer Radio SRF. Es sei an der Zeit, einen Gang h├Âher zu schalten, damit die Impfung rasch erh├Ąltlich sei. Sonst riskiere man eine Ausbreitung der Krankheit. Auch f├╝r die Aids-Hilfe Schweiz bef├╝rwortet eine Impfung.

Bisher wurden in der Schweiz rund 260 laborbest├Ątigte Ansteckungen gez├Ąhlt, wie das Bundesamt f├╝r Gesundheit (BAG) auf seiner Webseite schreibt. Am vergangenen Samstag rief die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wegen Affenpocken einen internationalen Gesundheitsnotstand aus.

Pietro Vernazza ist ehemaliger Chefarzt der Klinik f├╝r Infektiologie und Spitalhygiene am St. Galler Kantonsspital. Ende August 2021 ging er in Pension.

(text:sda/bild:pixabay-symbolbild)