1 Februar 2023

Indonesische Inselbewohner verklagen Holcim wegen KlimaschÀden

Vier Bewohnerinnen und Bewohner der vom Klimawandel bedrohten indonesischen Insel Pari haben Zivilklage gegen den Schweizer Baustoffkonzern Holcim eingereicht. Sie machen den Zementhersteller in einem Schweizer PrĂ€zedenzfall vor Gericht fĂŒr KlimaschĂ€den in ihrer Umwelt verantwortlich und fordern EntschĂ€digungen.

„Wegen des Klimawandels steigt der Meeresspiegel, und bei StĂŒrmen wird unsere flache Insel zunehmend ĂŒberschwemmt“, hiess es an einer Online-Medienkonferenz des Hilfswerks Heks vom Mittwoch, bei der sich auch die Betroffenen in Indonesien zu Wort meldeten. Der Klimawandel bedrohe die Existenz aller 1500 Menschen, die auf Pari nordwestlich der indonesischen Hauptstadt Jakarta lebten. So habe die Insel in elf Jahren elf Prozent ihrer FlĂ€che verloren. Auch hĂ€tten die Fluten Konsequenzen auf das Einkommen.

Holcim sei einer der 50 grössten CO2-Emittenten aller Unternehmen weltweit und trage daher einen massgeblichen Teil der Verantwortung an den Folgen des Klimawandels, sagte Nina Burri, Fachverantwortliche Unternehmen und Menschenrechte bei Heks. Erstmals soll sich nun ein Schweizer Unternehmen fĂŒr seine angebliche Rolle beim Klimawandel vor Gericht verantworten. Man wolle, dass die Verantwortlichen endlich handeln.

Hauptforderung der Klage sei, dass Holcim die absoluten CO2-Emissionen im Vergleich zu 2019 bis 2030 um 43 und bis 2040 um 69 Prozent reduziere, sagte Burri weiter. Zudem verlangen die KlĂ€gerinnen und KlĂ€ger von Holcim eine anteilsmĂ€ssige EntschĂ€digung und Geld fĂŒr Flutschutzmassnahmen, da sie ihre Existenz auf der Insel bedroht sehen. Pro Kopf fordern die vier Personen 3600 Franken, wie es vor den Medien hiess.

Konkret machen die KlĂ€ger eine Persönlichkeitsverletzung aufgrund des „ĂŒbermĂ€ssigen CO2-Ausstosses“ durch Holcim geltend. Die Klage wurde am Montag beim Zuger Kantonsgericht eingereicht. In dem Kanton hat die Holcim-Gruppe ihren Hauptsitz. Zuvor war es im Oktober 2022 zu einer Schlichtungsverhandlung ohne Einigung gekommen. Man stelle sich bei diesem PrĂ€zendenzfall auf ein langes Verfahren ein, sagte Burri.

Holcim wies die Forderungen zurĂŒck. Gerichtsverfahren, die sich auf einzelne Firmen konzentrierten, seien kein wirksamer Mechanismus, um die globale KomplexitĂ€t des Klimaschutzes zu bewĂ€ltigen, teilte der Konzern der Nachrichtenagentur Keystone-SDA auf Anfrage mit.

Der Klimaschutz habe fĂŒr Holcim höchste PrioritĂ€t und stehe im Mittelpunkt der Strategie des Unternehmens, schrieb der Konzern in seiner Stellungnahme. Holcim verfolge einen „wissenschaftlich fundierten Ansatz“ mit Netto-Null-Zielen der Branche, die in Einklang mit dem 1,5-Grad-Pfad stĂŒnden. Fast alle Staaten der Erde bekrĂ€ftigten 2015 in Paris das Ziel, den menschengemachten globalen Temperaturanstieg durch den Treibhauseffekt mit Massnahmen auf 1,5 Grad zu begrenzen.

Holcim konzentriere seine BemĂŒhungen auf Partnerschaften ĂŒber die gesamte Wertschöpfungskette des Bausektors hinweg, um den Übergang zu einem Netto-Null-Energieverbrauch zu beschleunigen, hiess es. Holcim zĂ€hlt zu den grössten Baustoffproduzenten der Welt. Das Unternehmen beschĂ€ftigt gegen 70’000 Mitarbeitende. Der Umsatz kletterte 2021 krĂ€ftig um 11,3 Prozent auf 26,8 Milliarden Franken. Der wiederkehrende Betriebsgewinn sprang auf 4,6 Milliarden Franken.

Die Insel Pari wurde den Angaben zufolge im letzten Jahr von fĂŒnf Fluten heimgesucht. Die KlĂ€ger verweisen gleichzeitig auf eine Studie des Interessenverbands Global Climate Forum, wonach SchĂ€den auf Pari nachweislich durch die KlimaerwĂ€rmung verursacht worden seien. Der höchste Punkt der Insel liegt 1,5 Meter ĂŒber dem Meeresspiegel.

UnterstĂŒtzt werden die Insulaner in dem Rechtsstreit vom Schweizer protestantischen Hilfswerk Heks, dem EuropĂ€ischen Zentrum fĂŒr Verfassungs- und Menschenrechte (ECCHR) und der indonesischen Umweltorganisation Walhi. Die Klimaklage ist Teil der Kampagne „Call for Climate Justice“ (deutsch: Ruf nach Klimagerechtigkeit).

Das Hilfswerk Heks kritisiert die KlimaplĂ€ne von Holcim mit den Worten „zu wenig und zu spĂ€t“. Es zweifelt nach einer Analyse an der Wirksamkeit und teils an der technischen Realisierbarkeit. Zudem gebe sich Holcim mehrheitlich relative Emissionsziele, also eine Verringerung des CO2-Ausstosses pro Tonne Zement, ohne absolute Ziele zu setzen. Insgesamt habe das Unternehmen von 1950 bis 2021 7,15 Milliarden Tonnen CO2 freigesetzt.

(text:sda/bild:unsplash)