21 Juni 2023

Hoffnung auf Überleben von „Titanic“-Abenteurern schwindet

Mehr als drei Tage nach dem Verschwinden des Tauchboots in der NĂ€he des „Titanic“-Wracks im Nordatlantik schwindet die Hoffnung auf ein Überleben der fĂŒnf vermissten Abenteurer. Falls die „Titan“ ĂŒberhaupt noch intakt ist, dĂŒrfte nur noch Sauerstoff fĂŒr unter 20 Stunden an Bord sein. Die Rettungstrupps unter FĂŒhrung der US-KĂŒstenwache verstĂ€rkten ihre Anstrengungen am Mittwoch erneut. Zuvor hatten mehrere UnterwassergerĂ€usche Hoffnungen geschĂŒrt, das Tauchboot mit den Insassen zu finden. Doch diese liessen sich Such-Koordinator Jamie Frederick zufolge nicht zuordnen: „Wir wissen nicht, was das ist“, sagte er in Boston.

Das Tauchboot wird seit Sonntagvormittag (Ortszeit) vermisst. Die „Titan“ war mit fĂŒnf Menschen an Bord auf dem Weg zum Wrack des berĂŒhmten Luxusdampfers. Das „Titanic“-Wrack liegt in rund 3800 Metern Tiefe. Etwa eine Stunde und 45 Minuten nach Beginn des Tauchgangs riss der Kontakt zum Mutterschiff „Polar Prince“ ab.

Die Suche aus der Luft und mit Schiffen wurde indes weiter verstÀrkt. Ein französisches Spezialschiff wird in der Nacht zum Donnerstag (MESZ) vor Ort erwartet. Es hat einen Tauchroboter an Bord.

Die in der Nacht zum Mittwoch aufgenommenen GerĂ€usche, die zunĂ€chst als Klopfen interpretiert wurde, könnten einem beteiligten US-Experten zufolge viele Ursachen haben. „Aus meiner Erfahrung mit der Akustik kann ich Ihnen sagen, dass es GerĂ€usche von biologischen Stoffen gibt, die fĂŒr das ungeĂŒbte Ohr von Menschen gemacht klingen“, sagte Carl Hartsfield vom Oceanographic Systems Laboratory. Die Experten, unter anderem vom US-MilitĂ€r, die die Aufnahmen abhören, seien aber dementsprechend geschult. Zudem gebe es auch einige GerĂ€usche, die von Schiffen in dem Suchgebiet stammten.

Such-Koordinator Frederick sprach auf Nachfrage angesichts des sich schliessenden Zeitfensters auch ĂŒber ein mögliches Scheitern der Mission. „Manchmal finden wir nicht, wonach wir suchen“, sagte er. Dann komme es vor, „dass man eine schwierige Entscheidung treffen muss. Wir sind aber noch nicht an diesem Punkt“, betonte Frederick. Falls dieser Fall eintrete, wĂŒrden die Familien der Vermissten lange vor der Öffentlichkeit unterrichtet. Frederick sagte auch, dass es gelte, „optimistisch und hoffnungsvoll“ zu bleiben. Es handle sich weiter um einen Rettungseinsatz – nicht um eine Bergungsmission.

Der amerikanische Ozeanograf David Gallo sagte, ihn erinnerten die GerĂ€usche an die vergebliche Suche nach der verschwundenen Passagiermaschine vom Flug MH370. „Hier ist ein wenig Vorsicht geboten, denn wenn Sie sich an das Malaysia-Airlines-Flugzeug erinnern, gab es alle möglichen Knall-, Piep- und KlopfgerĂ€usche zu hören“, sagte Gallo dem US-Sender CNN am Mittwochmorgen (Ortszeit). „Es stellte sich immer als etwas anderes heraus.“

An Bord der „Titan“ befindet sich auch der Forscher Paul-Henri Nargeolet (77). Der als „Monsieur Titanic“ bekannte Franzose gilt als einer der besten Experten fĂŒr das Wrack des 1912 gesunkenen Luxusliners. Weitere Insassen sind der britische Abenteurer Hamish Harding (58), der mehrere Guinness-Weltrekorde hĂ€lt, sowie der britisch-pakistanische Unternehmensberater Shahzada Dawood (48) und dessen 19-jĂ€hriger Sohn Suleman. Wie das „Oberbayerische Volksblatt“ berichtete, stammt Dawoods Ehefrau aus Deutschland. Der fĂŒnfte Vermisste ist laut Betreiberfirma Oceangate Expeditions der Unternehmenschef Stockton Rush (61) als KapitĂ€n des Bootes.

Die Zeit drĂ€ngt dabei immer stĂ€rker: SchĂ€tzungen der Behörden zufolge dĂŒrfte der Sauerstoff nur noch bis Donnerstagmittag (MESZ) reichen. Und selbst, wenn die Kapsel bis dann geortet ist, könnte eine erfolgreiche Bergung einige Zeit in Anspruch nehmen. Nach Angaben des Betreibers hat die 6,70 Meter lange „Titan“ ausreichend Sauerstoff, um fĂŒnf Menschen fĂŒr 96 Stunden zu versorgen. In der NĂ€he der „Titanic“ knapp 700 Kilometer sĂŒdlich der kanadischen Insel Neufundland sind die Bedingungen Ă€usserst schwierig. Es herrscht pechschwarze Dunkelheit, und der Wasserdruck ist gross.

Sogenannte Sonobojen sind ein wichtiges Hilfsmittel bei der Suche unter Wasser. Die GerĂ€te werden von einem Flugzeug abgeworfen und sinken auf die erforderliche Tiefe. Ein OberflĂ€chenschwimmer mit einem Funksender sichert die Kommunikation zwischen Sonar und Flugzeug. Die SonargerĂ€te senden Schallenergie aus – als „Ping“ bezeichnet – und warten dann auf das zurĂŒckkehrende Echo eines Unterwasserobjekts. Sobald das GerĂ€t das Echo auffĂ€ngt, ĂŒbertrĂ€gt es die Informationen zurĂŒck an die OberflĂ€che.

An der Sicherheit der „Titan“ kamen zunehmend Zweifel auf. DafĂŒr sorgten auch Aussagen von Oceangate-Chef Rush in einem Podcast des CBS-Reporters David Pogue, der 2022 mit der „Titan“ mitgefahren war. „Wissen Sie, irgendwann ist Sicherheit reine Verschwendung“, sagte Rush da. „Ich meine, wenn Sie auf Nummer sicher gehen wollen, stehen Sie am besten nicht auf. Steigen Sie nicht in Ihr Auto. Tun Sie gar nichts.“ Die BBC berichtete unter Berufung auf US-Gerichtsdokumente, ein Oceangate-Mitarbeiter habe 2018 vor potenziellen Sicherheitsproblemen gewarnt. MĂ€ngel im Karbonrumpf des Boots könnten ohne strengere Tests unentdeckt bleiben, hiess es.

Oceangate bietet zahlungskrĂ€ftigen Kunden eine abenteuerliche Reise – die Kosten fĂŒr die insgesamt achttĂ€gige Expedition liegen bei 250 000 US-Dollar (229 000 Euro) pro Person.

Am Mittwoch waren weitere Schiffe auf dem Weg in das Suchgebiet, das mit rund 26 000 Quadratkilometern grösser ist als Mecklenburg-Vorpommern. Darunter war die kanadische „HMCS Glace Bay“, die eine Dekompressionskammer und medizinisches Personal an Bord hat. VerunglĂŒckte Taucher mĂŒssen nach der Rettung möglichst schnell in eine solche Kammer, um bleibende SchĂ€den zu verhindern. Die US-Navy schickte das Schiffshebesystem „Fadoss“ nach Neufundland.

Die „Titanic“ war 1912 auf ihrer Jungfernfahrt von Southampton nach New York im Nordatlantik gesunken. Mehr als 1500 der 2200 Menschen an Bord starben. Die in zwei grosse Teile zerbrochenen Überreste des berĂŒhmten Luxusdampfers wurden 1985 entdeckt.

(text:sda/bild:sda)