16 April 2023

Historischer Atomausstieg: Letzte drei AKW sind vom Netz

Es ist ein historischer Schritt: Nach gut sechs Jahrzehnten Atomenergie in Deutschland sind am sp├Ąten Samstagabend die drei letzten Kernkraftwerke vom Netz gegangen. Das teilten die Betreiber der Meiler Isar 2 in Bayern, Neckarwestheim 2 in Baden-W├╝rttemberg und Emsland in Niedersachsen mit. Als erstes wurde nach Angaben der Betreiber im Meiler Emsland um 22.37 Uhr die Verbindung zum Netz getrennt. Es folgten Isar 2 um 23.52 Uhr und als letztes Neckarwestheim 2 um 23.59 Uhr.

„Das Kapitel ist nun abgeschlossen“, sagte der Chef des Emsland-Betreibers RWE, Markus Krebber, in einer Mitteilung. „Jetzt kommt es darauf an, die ganze Kraft daf├╝r einzusetzen, neben Erneuerbaren Energien auch den Bau von wasserstofff├Ąhigen Gaskraftwerken m├Âglichst schnell voranzutreiben, damit die Versorgungssicherheit gew├Ąhrleistet bleibt, wenn Deutschland 2030 idealerweise auch aus der Kohle aussteigen will.“

Bis zum Schluss hatten die Betreiber noch Strom durch Kernspaltung produziert – ab Mitternacht war das dann gem├Ąss dem Atomgesetz nicht mehr erlaubt. „Wir arbeiten nach Recht und Gesetz und da ist es eindeutig, dass der Leistungsbetrieb ab dem 16. April eine Straftat w├Ąre“, sagte der Chef-Atomaufseher des Bundes, der Abteilungsleiter f├╝r Nukleare Sicherheit und Strahlenschutz im Umweltministerium, Gerrit Niehaus, der Deutschen Presse-Agentur.

Vor gut 62 Jahren war Deutschlands erstes Atomkraftwerk im unterfr├Ąnkischen Kahl in den kommerziellen Betrieb gegangen. Nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 setzte die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) den endg├╝ltigen Ausstieg aus der Technologie in Deutschland durch. Eigentlich h├Ątten die Meiler demnach schon Ende vergangenen Jahres vom Netz gehen sollen. Wegen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine entschied die Ampel-Koalition ihres Nachfolgers Olaf Scholz (SPD) nach wochenlanger Diskussion im Herbst jedoch, die drei Meiler ├╝ber den Winter bis Mitte April weiterlaufen zu lassen.

Mit dem Ausstieg beginnt nun eine neue Energie-Zeitrechnung: Kernkraftgegner feierten den historischen Schritt am Samstag mit Festen in Berlin und anderswo. Mehrere Hundert Menschen kamen zu einem „Abschaltfest“ nach Neckarwestheim und auch in M├╝nchen veranstalteten der Bund Naturschutz und Greenpeace ein „Atomausstiegsfest“. Im nieders├Ąchsischen AKW-Standort Lingen demonstrierten Hunderte Atomkraftgegner gegen die dort ebenfalls ans├Ąssige Brennelementefabrik ANF, die zum franz├Âsischen Framatome-Konzern geh├Ârt, und forderten auch deren Schliessung.

Betroffenheit ├╝ber den Ausstieg herrschte hingegen am Atomkraftwerk Isar 2 im bayerischen Essenbach. F├╝r die Mitarbeiter des Meilers ist das Abschalten nach Angaben des Vorsitzenden des Konzerns Preussen-Elektra, Guido Knott, ein emotionaler Moment: „Heute endet nach 50 Jahren die Stromproduktion aus Kernenergie bei Preussen-Elektra. Das geht uns allen sehr nahe, und das macht auch mich pers├Ânlich sehr betroffen.“

Der Konzern hatte zuvor den Ablauf genau erkl├Ąrt, der f├╝r alle drei Meiler quasi gleich ist: Nach der Trennung vom Stromnetz sollte der Reaktor etwa innerhalb einer Viertelstunde abgeschaltet werden. Danach wird er „kaltgefahren“. Das bedeutet, dass die Temperatur in der Anlage innerhalb von etwa zw├Âlf Stunden auf Umgebungstemperatur gesenkt wird. Etwa neun Stunden nach der Abschaltung sollte ├╝ber dem K├╝hlturm kein Dampf mehr zu sehen sein.

Es ist international aber nicht der erste Abschied von der Atomenergie: Italien ist schon im Zuge der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl (1986) aus der Kernenergie ausgestiegen. Andere L├Ąnder gehen andere Wege. In Belgien sollen AKWs doch bis mindestens Ende 2035 weiterlaufen k├Ânnen. Die Schweizer Kernkraftwerke d├╝rfen so lange betrieben werden, wie sie sicher sind; der Bau neuer Anlagen ist aber verboten. Spaniens linke Regierung will alle Kernkraftwerke des Landes zwischen 2027 und 2035 schliessen.

Die Herausforderungen im Umgang mit der Hochrisikotechnologie bleiben in Deutschland aber auch nach dem Abschied vom Atomstrom. Zun├Ąchst einmal m├╝ssen die Meiler m├Âglichst schnell zur├╝ckgebaut werden. Das Atomgesetz habe die Regelung, dass die Kernkraftwerke unverz├╝glich abzubauen sind, sagte Atomaufseher Niehaus. „Das heisst einerseits, das Abbau-Genehmigungsverfahren voranzutreiben, aber auch schon erste zul├Ąssige Schritte in Richtung Abbau vorzunehmen.“

Nach Angaben des baden-w├╝rttembergischen Betreibers EnBW sei bereits 2012 eine Strategie f├╝r den R├╝ckbau ihrer Kernkraftwerke entwickelt worden. So w├╝rden auch bereits alle R├╝ckbaugenehmigungen vorliegen. Der Isar-2-Betreiber, die Eon-Gesellschaft Preussen-Elektra, rechnet hingegen mit der Erteilung in den kommenden Monaten und damit, dass der R├╝ckbau dann Anfang 2024 beginnen k├Ânnte.

Und dann stellt sich noch die Frage, wohin mit den radioaktiven Abf├Ąllen? „Wir haben etwa drei Generationen lang Atomkraft genutzt in unserem Land und dabei Abf├Ąlle produziert, die noch f├╝r 30 000 Generationen gef├Ąhrlich bleiben“, hatte Umweltministerin Steffi Lemke (Gr├╝ne) gesagt. „Diese Verantwortung ├╝bergeben wir an unsere Enkel, Urenkel und noch viele weitere Generationen.“ Deutschland stecke mitten in der Endlagersuche, was eine komplexe Aufgabe f├╝r die gesamte Gesellschaft sei.

(text:sda/bild:keystone)