16 Januar 2022

Geiselnahme in Synagoge in US-Staat Texas endet mit Befreiungsaktion

Eine Geiselnahme in einer Synagoge hat am Samstag eine Stadt im US-Bundesstaat Texas in Atem gehalten. Nach stundenlangen Verhandlungen mit dem Geiselnehmer drangen Spezialkr√§fte am Samstagabend (Ortszeit) in die Synagoge ein und befreiten die Geiseln, wie die Polizei in der Stadt Colleyville nahe Dallas mitteilte. Der Geiselnehmer sei ums Leben gekommen. Wie genau, das liess die Polizei offen. Auch zu den Hintergr√ľnden der Tat hielten sich die Beh√∂rden bedeckt. US-Medien berichteten unter Berufung auf Ermittler, der Geiselnehmer habe eine Gefangene mit mutmasslichen Verbindungen zur Terrorgruppe Al-Kaida freipressen wollen.

Der Mann hatte am Samstagvormittag (Ortszeit) w√§hrend eines Gottesdienstes in der Synagoge der 26 000-Einwohner-Stadt vier Geiseln genommen und sich √ľber Stunden mit ihnen in dem Geb√§ude verschanzt. Unter ihnen war der Rabbi. Der Gottesdienst wurde auf der Facebook-Seite der Gemeinde live √ľbertragen. Die lokale Zeitung „Fort Worth Star Telegram“ berichtete, in dem Livestream sei die Stimme eines w√ľtenden Mannes zu h√∂ren gewesen, der geschimpft und geflucht und unter anderem √ľber Religion gesprochen habe. Er habe mehrmals gesagt, er wolle niemandem weh tun, und er glaube, dass er sterben werde. Irgendwann brach die √úbertragung ab.

Die Polizei r√ľckte mit einem Grossaufgebot von etwa 200 Beamten an – darunter Spezialeinheiten, die auf Geiselnahmen spezialisiert sind. Experten der Bundespolizei FBI hielten den Tag √ľber mit dem Geiselnehmer Kontakt und verhandelten mit ihm.

Die Lage war lange un√ľbersichtlich. Am fr√ľhen Abend kam die erste Entwarnung: eine m√§nnliche Geisel wurde freigelassen – unversehrt. Ein paar Stunden sp√§ter verk√ľndete dann der Gouverneur von Texas, Greg Abbott, auf Twitter, alle Geiseln seien frei und in Sicherheit.

Der zust√§ndige FBI-Beamte Matt DeSarno sagte, alle vier Geiseln seien wohlauf und unverletzt. Der Geiselnehmer sei identifiziert. Angesichts der laufenden Ermittlungen k√∂nne die Polizei aber keine n√§heren Angaben zu ihm machen. Umfangreiche Nachforschungen mit Blick auf sein Motiv und m√∂gliche Kontakte seien im Gang. „Unsere Ermittlungen werden globale Reichweite haben“, betonte DeSarno. Nach bisherigen Erkenntnissen sei der Geiselnehmer auf ein Thema fokussiert gewesen, das nicht speziell die j√ľdische Gemeinschaft betreffe. Der Polizeichef von Colleyville, Michael Miller, sagte, es sei bislang unklar, warum sich der Mann die √∂rtliche Synagoge als Ziel ausgew√§hlt habe.

Mehrere US-Medien, darunter die „Washington Post“ und der Sender CNN, berichteten √ľbereinstimmend unter Berufung auf Ermittlerkreise, der Mann habe die Freilassung einer pakistanischen Wissenschaftlerin aus einem nahe gelegenen Gef√§ngnis in Texas erreichen wollen: Aafia Siddiqui. Sie war 2010 wegen eines Angriffs auf US-Soldaten in Afghanistan von einem US-Bundesrichter zu 86 Jahren Haft verurteilt worden. Im Juli 2008 war Siddiqui im afghanischen Ghasni festgenommen worden. Beim Verh√∂r auf einer Polizeiwache hatte sie eine am Boden liegende Waffe an sich genommen und auf einen US-Soldaten und einen √úbersetzer gezielt, ohne diese zu treffen. Siddiqui war in einer der Top-Universit√§ten der USA, dem MIT in Cambridge, ausgebildet worden. Sp√§ter wurde ihr Name von US-Beh√∂rden auf eine Liste von Verd√§chtigen gesetzt, die mit Al-Kaida-Terroristen in Verbindung stehen k√∂nnten.

Die Polizei äusserte sich nicht zu dem Motiv des Täters. Offen liessen die Behörden auch, wie sich die Szene der Geiselbefreiung abspielte, wie der Geiselnehmer bewaffnet war und ob er von Einsatzkräften getötet wurde oder sich womöglich selbst das Leben nahm.

US-Pr√§sident Joe Biden erkl√§rte in einer schriftlichen Stellungnahme: „In den kommenden Tagen werden wir mehr √ľber die Beweggr√ľnde des Geiselnehmers erfahren.“ Er betonte, jeder, der Hass verbreiten wolle, m√ľsse aber wissen: „Wir werden uns gegen Antisemitismus und gegen die Zunahme des Extremismus in diesem Land stellen.“

W√§hrend der Geiselnahme hatte sich auch der israelische Ministerpr√§sident Naftali Bennett zu Wort gemeldet und in einem Tweet geschrieben, er beobachte die Situation in Colleyville genau und bete f√ľr die Sicherheit der Geiseln und der Einsatzkr√§fte.

Beh√∂rden in anderen US-St√§dten, unter anderem in New York und Los Angeles, teilten mit, angesichts der Lage in Colleyville h√§tten sie ihre Pr√§senz an Synagogen und anderen j√ľdischen Einrichtungen aus Vorsicht vorerst verst√§rkt.

(text und bild:pd)