3 Juni 2022

Deutschland: Tote bei Zugungl├╝ck in Garmisch

Es ist der letzte Schultag vor den Pfingstferien, als gegen 12.30 Uhr in der Urlaubsregion Garmisch-Partenkirchen ein Zug entgleist. Mehrere Doppelstock-Waggons des Regionalzugs kippen um, rutschen eine B├Âschung hinab und bleiben neben einer vielbefahrenen Bundesstrasse liegen. Es ist eine Katastrophe, der sich die etwa 500 Retter stellen m├╝ssen: Bis zum Freitagabend z├Ąhlen sie bei einem der schwersten Bahnungl├╝cke der vergangenen Jahre in Deutschland mindestens vier Tote und etwa 30 Verletzte, darunter auch Kinder.

Der Zug war gegen Mittag auf dem Weg von Garmisch-Partenkirchen nach M├╝nchen, als mehrere Waggons im Ortsteil Burgrain aus zun├Ąchst unbekannter Ursache entgleisten. Ein amerikanischer Soldat war in einem der Autos auf der Strasse neben der Bahnstrecke. „Es war schrecklich“, erz├Ąhlte er dem „Garmisch-Partenkirchner Tagblatt“. „Einfach schrecklich. Pl├Âtzlich ist der Zug umgekippt.“

Rund 140 Menschen waren in dem Regionalexpress, als das Ungl├╝ck geschah. Ein Sprecher des Landratsamtes Garmisch-Partenkirchen sagte, es sei nicht ausgeschlossen, dass um die Mittagszeit und somit zum Schulende viele Sch├╝ler in der Bahn waren. 15 Verletzte kamen in Krankenh├Ąuser, 12 Hubschrauber waren daf├╝r im Einsatz. Alle Altersgruppen seien unter den Verletzten, sagte ein Sprecher der Bundespolizei. „Die Menschen werden durch die Fenster gezogen.“

Es sind schreckliche Stunden f├╝r Angeh├Ârige, die zum Ungl├╝cksort in den Loisachauen eilen und dort auch seelsorgerisch betreut werden.

Drei der voraussichtlich vier Todesopfer mussten am Abend noch geborgen werden. Sie l├Ągen noch unter einem umgest├╝rzten Waggon, berichtete Bayerns Innenminister Joachim Herrmann vor Ort, als bei den Rettungsarbeiten auch noch ein Wolkenbruch niederging. „Solange der Eisenbahnwaggon aber nicht angehoben ist, k├Ânnen wir nicht ausschliessen, dass darunter weitere Tote liegen.“ Ein vierter Mensch sei auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben. Als die Politiker sich ein Bild von der Lage machten, liefen die Notoperationen im Krankenhaus.

Die B├╝rgermeisterin von Garmisch-Partenkirchen, Elisabeth Koch, zeigte sich geschockt. „Es ist grauenvoll.“ Auch der Landrat des gleichnamigen Landkreises, Anton Speer, rang mit den Worten. „Der Schock sitzt noch tief.“ Er lobte die Retter, die innerhalb von 45 Minuten die Menschen aus dem Zug geholt h├Ątten. Auch 15 Bundeswehrsoldaten halfen mit, die zuf├Ąllig im Zug sassen.

In ganz Deutschland l├Âste der Unfall Entsetzen aus. Bundeskanzler Olaf Scholz und Bayerns Ministerpr├Ąsident Markus S├Âder sprachen den Angeh├Ârigen ihr Beileid aus. Bundesinnenministerin Nancy Faeser machte sich nach dem Abschluss der Innenministerkonferenz von W├╝rzburg auf den Weg nach Garmisch-Partenkirchen.

Zun├Ąchst blieb unklar, wie es zu dem Ungl├╝ck kam. Am Nachmittag liefen vor Ort die ersten Ermittlungen. Polizei und Staatsanwaltschaft wollten mit Hilfe von Sachverst├Ąndigen des Eisenbahnbundesamts herausfinden, warum der Regionalzug auf der eingleisigen Strecke entgleist ist. Man stelle sich auf „langwierige Ermittlungen“ ein, sagte ein Polizeisprecher.

Klar schien, dass es keinen Zusammenstoss mit einem anderen Fahrzeug gab. Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter sagte, am Ungl├╝ck sei „kein zweiter Zug und kein anderes Fahrzeug beteiligt“ gewesen. Die Strecke war erst 2013 und 2014 f├╝r den Stundentakt ausgelegt worden. Sie ist nach Angaben eines Bahnsprechers mit elektronischen Stellwerken und moderner Sicherungstechnik ausger├╝stet.

F├╝r die Region um die Zugspitze bedeutet das Ungl├╝ck in den kommenden Tagen auch verkehrstechnisch eine grosse Herausforderung – auf einer Strecke, die ohnehin als Nadel├Âhr f├╝r Urlauber und Ausfl├╝gler bekannt ist. Nun waren die Bundesstrassen 2 und 23 gesperrt, zudem der letzte Abschnitt der Autobahn 95 von M├╝nchen nach Garmisch-Partenkirchen. Am Freitag bildeten sich lange Staus in der Region an der Grenze zu ├ľsterreich. Am Samstag beginnen in Bayern die Pfingstferien.

Dass die Bahnstrecke ├╝ber Pfingsten nicht befahrbar sein wird, „das kann man schon sicher sagen“, sagte Verkehrsminister Bernreiter. Er gehe davon aus, dass die Strecke mindestens eine Woche gesperrt ist.

Bundesverkehrsminister Volker Wissing und Bahnchef Richard Lutz wollten sich am Samstag vor Ort ein Bild machen. Die Bilder seien schrecklich und machten tief betroffen und sprachlos, sagte Lutz. Die Bahn unterst├╝tze die Ermittlungen der Beh├Ârden nach besten Kr├Ąften. Der Freitag sei nicht der Tag, um ├╝ber die Unfallursache zu spekulieren. Ob der Regionalzug wegen des neuen 9-Euro-Tickets besonders voll war, konnte niemand sagen.

F├╝r die Retter hatte am Freitag die Bergung Priorit├Ąt. „Dass die Toten geborgen werden k├Ânnen, ist das Allerwichtigste“, sagte Landrat Speer. Am Abend zogen Helfer einen weissen Sichtschutz auf, um die Opfer vor neugierigen Blicken zu sch├╝tzen. Luftkissen w├╝rden gebraucht, um die weit ├╝ber 100 Tonnen schweren Waggons zu heben, sagte der Vizepr├Ąsident des Polizeipr├Ąsidiums Oberbayern S├╝d, Frank Hellwig. Er hoffe, dass keine weiteren Toten gefunden werden.

(text:sda/bild:sda)