25 Januar 2023

Tote und Verletzte bei Messerattacke in deutschem Regiozug

Es mĂŒssen fĂŒrchterliche Szenen in dem Regionalexpress gewesen sein: Ein Angreifer hat in dem Zug auf der Fahrt von Kiel nach Hamburg zwei Menschen getötet und sieben verletzt. Dutzende Menschen wurden Zeugen des Verbrechens, mutige Passagiere verhinderten wohl Schlimmeres.

Bei dem mutmasslichen Angreifer handelt es sich um einen staatenlosen PalĂ€stinenser, wie Schleswig-Holsteins Innenministerin Sabine SĂŒtterlin-Waack (CDU) am Abend am Bahnhof in Brokstedt sagte. Der 33-JĂ€hrige kam nach Polizeiangaben mit leichten Verletzungen in ein Krankenhaus. „Die HintergrĂŒnde sind noch unklar, ebenso wie die IdentitĂ€ten der GeschĂ€digten“, sagte eine Polizeisprecherin. Es gab erste Hinweise, dass der mutmassliche Angreifer geistig verwirrt sein könnte. Das erfuhr die Deutsche Presse-Agentur aus Sicherheitskreisen. Nach vorlĂ€ufigen Erkenntnissen war er in Norddeutschland bislang nicht als Extremist aufgefallen.

Nach Angaben der Polizei hielten Zeugen den Angreifer fest. Demnach sei es den Helfern unmittelbar nach der Tat gelungen, den VerdĂ€chtigen zu stoppen, bis die EinsatzkrĂ€fte eintrafen. Sie hĂ€tten „wohl den TĂ€ter davon abgehalten, Schlimmeres zu begehen“, sagte SĂŒtterlin-Waack und dankte denjenigen, die „so mutig“ seien, sich „dem TĂ€ter entgegenzustellen“. FĂŒr Donnerstagmorgen wurde eine Pressekonferenz mit SĂŒtterlin-Waack und einem leitenden Polizeibeamten erwartet. Die Bahn richtete eine Hotline fĂŒr Betroffene und Angehörige ein.

Zum Zeitpunkt der Attacke waren rund 120 Menschen in dem Zug, wie eine Sprecherin der Polizei in Itzehoe sagte. „Das muss ein sehr grosses Chaos gewesen sein.“ Etwa 70 Zeugen wurden von der Polizei in einem nahe gelegenen Gasthof befragt und betreut. Wie ein dpa-Reporter am Abend berichtete, wurde der Zug Stunden nach der Tat vom Bahnhof in Brokstedt weggefahren. Die Spurensicherung war mit mehreren KrĂ€ften im Einsatz. An einem BahnĂŒbergang mit geöffneten Schranken arbeiteten Spurensicherer in weissen Schutzoveralls.

Eine Frau aus Bad Bramstedt wartete wenige Meter entfernt vom Bahnhof auf ihre Tochter. Die 18 Jahre alte Studentin war mit dem Zug auf dem RĂŒckweg von der Uni in Kiel. „Sie hat gesehen, wie ein Mensch vier Reihen vor ihr auf jemanden eingestochen hat“, sagte die Mutter. Sie könne derzeit noch nicht mit ihrer Tochter sprechen, nur schreiben, sagte die sichtlich bewegte Frau. Die Tochter warte noch darauf, bei der Polizei eine Aussage zu machen. Die junge Frau sei zwar unverletzt. „Ich glaube aber, es geht ihr schlecht. Was sind das fĂŒr Menschen, die so etwas machen?“, sagte die Mutter.

„All unsere Gedanken sind bei den Opfern dieser furchtbaren Tat und ihren Familien“, twitterte Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) und sprach von einer „erschĂŒtternden Nachricht“. Schleswig-Holsteins MinisterprĂ€sident Daniel GĂŒnther (CDU) sprach von einer schrecklichen und sinnlosen Tat, die zwei Menschen das Leben gekostet habe. „Schleswig-Holstein trauert – das ist ein furchtbarer Tag“, sagte GĂŒnther in Kiel.

Auf dem Bahnsteig verteilte kleine Schilder mit Nummern zeugten von den schrecklichen Geschehnissen, die sich in dem Zug kurz zuvor abgespielt hatten. Ermittler liefen mit Kameras den Bahnsteig ab, neben dem der Regionalzug „RE70 Hamburg Hbf“ stand. Eine nur wenige Meter vom Bahnhof entfernt gelegene BĂ€ckerei schenkte RettungskrĂ€ften und FahrgĂ€sten heisse GetrĂ€nke und Backwaren aus. „FĂŒr uns eine SelbstverstĂ€ndlichkeit“, sagte eine VerkĂ€uferin.

Gegen 15 Uhr hatte die Polizei mehrere Anrufe von FahrgĂ€sten erhalten. Auf Benachrichtigung wurde der Zug gestoppt, worauf sich das Geschehen auf den Bahnsteig verlagert habe, so die Sprecherin. Das Verbrechen ereignete sich kurz vor 15 Uhr vor der Ankunft des Zuges im Bahnhof Brokstedt im Kreis Steinburg. Brokstedt ist eine kleine Gemeinde an der Bahnlinie zwischen Elmshorn und NeumĂŒnster.

Landes-Innenministerin SĂŒtterlin-Waack teilte mit, sie sei „in Gedanken bei den Familien und Angehörigen der Opfer“ und danke „den Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten, die den TĂ€ter festgenommen haben sowie allen RettungskrĂ€ften, die die Verletzten versorgt haben“. Bundes- und Landespolizei arbeiteten eng zusammen. „FĂŒr mich steht fest, dass sich die entsetzliche Tat gegen jede Menschlichkeit richtet.“

Nach Angaben der Bahn war der Zugverkehr zwischen Flensburg und Hamburg sowie zwischen Kiel und Hamburg ĂŒber mehrere Stunden beeintrĂ€chtigt. Die Deutsche Bahn teilte am Abend mit: „Den Angehörigen der Opfer gehört unser tiefes MitgefĂŒhl. Den Verletzten wĂŒnschen wir eine baldige und vollstĂ€ndige Genesung.“

(text:sda/bild:keystone)