30 November 2022

Ein einmaliges ├ľkosystem wird zur Abfallsammelstelle der Welt

Acht Millionen Jahre hat die Atacama-W├╝ste ein auf der Welt einzigartiges ├ľkosystem gedeihen lassen, jetzt ist die trockenste W├╝ste der Erde nicht nur vom Lithium-Abbau, sondern auch vom M├╝llhandel bedroht. Berge von Altkleidern und Schuhen und nicht enden wollende Reihen von ausrangierten Reifen und Schrottautos verschandeln schon mehrere Gegenden der W├╝ste im Norden Chiles.

„Wir sind nicht mehr nur der ├Ârtliche Hinterhof, sondern der Hinterhof der Welt“, sagt Patricio Ferreira, B├╝rgermeister von Alto Hospicio, einer der ├Ąrmsten St├Ądte des Landes.

Chile ist seit langem ein Umschlagplatz f├╝r gebrauchte und unverkaufte Kleidung aus Europa, Asien und den Vereinigten Staaten, die entweder in Lateinamerika weiterverkauft wird oder auf den M├╝llhalden der W├╝ste vergammelt. Wegen des unstillbaren weltweiten Drangs nach schneller Mode sind im vergangenen Jahr mehr als 46’000 Tonnen Altkleider in der Freihandelszone Iquique im Norden Chiles gelandet.

Alte Kleidung sei voller Chemikalien und brauche bis zu 200 Jahre, um abgebaut zu werden, sagen Aktivisten. Auf diese Weise verpeste sie den Boden, die Luft und das Grundwasser. Manchmal werden die Kleiderberge angez├╝ndet, um sie schneller loszuwerden.

„Das Material ist leicht entz├╝ndlich, die Br├Ąnde giftig“, sagt die Anw├Ąltin Paul├şn Silva, die beim Umweltgericht des Landes Klage eingereicht hat wegen der Sch├Ąden, die durch den Schrott- und Altkleiderimport verursacht werden.

„Wir m├╝ssen die Verantwortlichen finden“, fordert die 34-j├Ąhrige Aktivistin, als sie inmitten der Altkleiderhalden steht. Aus ihrer Sicht handelt es sich dabei um „ein Umweltrisiko, eine Gefahr f├╝r die Gesundheit der Menschen“.

In der Atacama-W├╝ste mit ihrer beeindruckenden Sch├Ânheit und den weitl├Ąufigen Salzebenen wird auch intensiv Kupfer und Lithium abgebaut. Carmen Serrano, Leiterin der Umwelt-Organisation Raices End├ęmicas (Einheimische Wurzeln), sagt, dass die meisten Menschen die Atacama nur als „kahle H├╝gel“ sehen, die sie „ausbeuten oder an denen sie sich bereichern“ k├Ânnten.

Seit mehr als acht Millionen Jahren ist die 100’000 Quadratkilometer grosse Atacama die trockenste W├╝ste der Welt. Es regnet selten, in manchen Teilen sogar nie. Am trockensten ist der Bezirk Yungay nahe Antofagasta. Forscher haben hier extreme Lebensformen gefunden, Mikroorganismen, die sich an eine praktisch wasserlose Umgebung mit hoher Sonneneinstrahlung und kaum N├Ąhrstoffen angepasst haben.

Wissenschaftler glauben, dass die Erforschung dieser Mikroorganismen zu Erkenntnissen ├╝ber Evolution und das ├ťberleben auf der Erde und anderen Planeten f├╝hren k├Ânnte. Die Nasa betrachtet Yungay als die Landschaft der Erde, die dem Mars am ├Ąhnlichsten ist, und nutzt sie, um ihre Roboterfahrzeuge zu testen.

W├Ąhrend es nicht viel regnet, ziehen in K├╝stenn├Ąhe Nebelb├Ąnke ├╝ber die W├╝ste und erm├Âglichen einigen Pflanzen und Wirbeltieren das ├ťberleben. Hier gedeihen manche der widerstandsf├Ąhigsten Flechten, Pilze und Algen der Welt.

Zahlreiche farbenfrohe, vor allem lilafarbene Wildblumenarten bl├╝hen bei ├╝berdurchschnittlichem Regen alle f├╝nf bis sieben Jahre in einem spektakul├Ąren Blumenteppich. Ihre Samen k├Ânnen jahrzehntelang im Sand ├╝berleben, w├Ąhrend sie auf ein Minimum an Wasser warten.

Es ist ein ├ľkosystem, das „sehr angreifbar ist, weil jede ├änderung oder Abnahme des Niederschlags oder Nebels unmittelbare Folgen f├╝r die dort lebenden Arten hat“, erkl├Ąrt Pablo Guerrero, Forscher am Institut f├╝r ├ľkologie und Biodiversit├Ąt (IEB). „Es gibt Kakteenarten, die aufgrund von Umweltverschmutzung, Klimawandel und menschlicher Besiedlung als ausgestorben gelten. Leider sehen wir das in grossem Umfang, und in den vergangenen Jahren ist es systematisch schlimmer geworden.“

B├╝rgermeister Ferreira sagt: „Wir haben das Gef├╝hl, dass unser Land geopfert wird.“ Er beklagt einen „Mangel an globalem Bewusstsein, mangelnde ethische Verantwortung“, und f├╝gt hinzu: „Das sind skrupellose Menschen aus aller Welt, die hierher kommen, um ihren M├╝ll zu entsorgen.“ Er stehe dem Problem hilflos gegen├╝ber. „Wir haben einmal aufger├Ąumt, aber dann hinterlassen sie ihren Dreck eben ein St├╝ck weiter.“

(txt:sda/bild:unsplash)