22 August 2023

“Ein echter Italiener” – SĂ€nger und Hit-Maschine Toto Cutugno ist tot

Im eigenen Land von Musikkritikern oft unterschĂ€tzt, gilt Toto Cutugnos Musik im Ausland als italienischer Exportschlager schlechthin. “Ich bin ein Italiener. Ein echter Italiener.” Wenn er den Refrain seines wohl berĂŒhmtesten Liedes anstimmte, vermittelte Cutugno seinen auslĂ€ndischen Fans ItaliengefĂŒhl pur. Mit “L’Italiano” (Der Italiener), den meisten wohl eher unter dem Refrain “Lasciatemi cantare” (Lasst mich singen) bekannt, und weiteren Hits zeigte er, dass er ein ernstzunehmender Komponist war. Am Dienstag starb Cutugno im Alter von 80 Jahren nach langer Krankheit in Mailand, wie sein Management der Deutschen Presse-Agentur bestĂ€tigte.

In “L’Italiano” (Der Italiener) besang Cutugno alle nur denkbaren italienischen Stereotype. Vom Fiat 600 ĂŒber die Mentholrasiercreme bis hin zum blauen Nadelstreifenanzug. Und natĂŒrlich dĂŒrfen auch die Spaghetti – “al dente” wohlgemerkt – und der starke Espresso nicht fehlen. Mehr Klischees gehen kaum. Wahrscheinlich deswegen wurde ihm insbesondere in Italien nachgesagt, zwar ein Schlagerkönig zu sein, ein ehrwĂŒrdiger Cantautore, also Singer-Songwriter, jedoch nicht.

HĂ€ufig hatte Cutugno sich auch öffentlich darĂŒber geĂ€rgert, dass ihn italienische Musikkritiker wegen seiner seichten Popnummern als Schlager- und Hit-Maschine bezeichneten. Mit seinen Liedern machte er sich auch ĂŒber die Grenzen des Mittelmeerlandes hinaus in den 1980er und 1990er Jahren einen Namen. Da scheint die Passage nach dem “L’Italiano”-Refrain fast schon an seine Kritiker gerichtet gewesen zu sein: “Weil ich stolz darauf bin.”

Mit 100 Millionen verkauften Alben gehört Cutugno in Italien zu den Superstars – als Botschafter der italienischen Musik in der Welt sieht man ihn. Insgesamt 15 Mal nahm er an dem legendĂ€ren Sanremo-Festival als Interpret teil – aber nur einmal gewann er den Wettbewerb: 1980 Mit dem Lied “Solo noi” (Nur wir). Weitere 15 Mal komponierte er fĂŒr Sanremo-Teilnehmer die Lieder.

1943 kam er als Salvatore Cutugno im toskanischen Fosdinovo als Sohn von Sizilianern zur Welt. Seine Familie und ihn verschlug es frĂŒh in die ligurische Stadt La Spezia. FrĂŒh interessierte sich Cutugno fĂŒr die Musik. Anfang der 1950er Jahre nahm ihn sein Vater zu einer Probe der Musikkapelle von La Spezia mit. Sofort war es um den damals NeunjĂ€hrigen geschehen. Er lernte Schlagzeug und Akkordeon. SpĂ€ter erinnerte er sich, wie sein Vater ihn auf seiner Vespa zum Musikunterricht brachte – Cutugno senior am Steuer und Cutugno junior hinten mit dem Akkordeon auf dem RĂŒcken.

Der Italiener hatte sich schon in den 1970er Jahren als erfolgreicher Songschreiber und Komponist etabliert: Lieder fĂŒr Stars wie Mireille Mathieu (“Ciao bambino, sorry”), Dalida (“Laissez moi danser”), GĂ©rard Lenorman (“Voici les clĂ©s”) und Adriano Celentano (“Il tempo se ne va”) kamen von ihm. Er schrieb auch fĂŒr den US-amerikanischen SĂ€nger Ray Charles ein Lied – das von dem “Hohepriester des Soul” gesungene “Good love gone bad” stammt aus Cutugnos Feder. Er gilt wegen der Songs, die er fĂŒr KĂŒnstler schrieb, als Hit-Maschine.

1983 gelang ihm dann auch als SĂ€nger international der Durchbruch: In Sanremo trat er mit “L’Italiano” auf einer passend mit der italienischen Flagge geschmĂŒckten BĂŒhne auf. Er belegte den vierten Platz, das Lied wurde jedoch weltweit ein Riesenerfolg. Auch nach Jahrzehnten war Cutugno seinen mit liebevollen Italien-Klischees gespickten Hit nicht leid. Im Gegenteil: In einem Interview erzĂ€hlte er, er habe bei dem Song bis zuletzt “grosse Momente der Freude und RĂŒhrung” verspĂŒrt.

Sein Sieg beim Eurovision Song Contest 1990 in Zagreb mit der Europa-Hymne “Insieme 1992” (“Zusammen”) zĂ€hlt danach zu seinen grössten Erfolgen. Aus Italien gelang der Sieg vor Cutugno nur Gigliola Cinquetti 1964 und nach ihm 2021 der Rockgruppe MĂ„neskin. “Insieme 1992” war seine LiebeserklĂ€rung an das sich nach dem Mauerfall vereinigende Europa. Er sang davon, die Nationen Europas zusammenzubringen, und traf genau die richtige Stimmung fĂŒr die Show. “Unite, unite, Europe” hiess es auf Englisch im Refrain. 1998 brachte Roland Kaiser davon die deutsche Cover-Version “Extreme” heraus.

SpĂ€ter wurde es um Cutugno immer ruhiger. Grosse Erfolge blieben aus und er machte sich rar. Doch sein mĂ€ssiger Erfolg nach seinen zwei Top-Hits tat seiner PopularitĂ€t keinen Abbruch. Cutugno gilt als die Ikone des Italo-Schlagers. “L’Italiano” gehört laut Umfragen zu den drei bekanntesten Liedern aller Zeiten in Italien. Bis heute singen und schunkeln sowohl Nicht-Italiener als auch junge Menschen nach Cutugnos Zeit zu dem Erfolgssong.

Im Alter plagten den Vollblutitaliener gesundheitliche Probleme. 2007 erkrankte er an Prostata-Krebs. Eine Operation und Therapie heilten ihn. Ein befreundeter Musiker berichtete spÀter zudem, er sei nach einer Operation, bei dem ihm eine Niere entfernt wurde, bis zuletzt gesundheitlich angeschlagen gewesen.

Zwar wagte der Italiener Anfang der 2000er Jahre noch einmal den Schritt in die Öffentlichkeit und auf die grosse BĂŒhne – 2005 und 2010 sang er wieder in Sanremo. Doch von Jahr zu Jahr ist es um ihn immer ruhiger geworden. Wenn er auch von Musikkritikern nie als ehrwĂŒrdiger Cantautore angesehen wurde, so sehen viele ihn und seine Musik als echtes italienisches Kulturgut. Der “echte Italiener” wird auch kommende Generationen begeistern.

(text:sda/bild:unsplash)