6 Juni 2023

Schweizer Autorin Ruth Schweikert ist ihrem Krebsleiden erlegen

Die Schriftstellerin und Theaterautorin Ruth Schweikert ist gestorben. Dies hat ihr Ehemann Eric Bergkraut am Dienstag der Nachrichtenagentur Keystone-SDA mitgeteilt. Schweikert hat das zeitgenössische literarische Schaffen in der Schweiz geprĂ€gt – nicht allein mit ihren BĂŒchern, sondern auch als Förderin von literarischen Talenten.

Besonders in ihrem letzten Buch “Tage wie Hunde” (2019) hat sie ihrer Haltung, ihrem Engagement und ihrer Empathie Ausdruck verliehen. In diesem Protokoll einer Krankheit beschrieb Schweikert, wie sie von einer bösen Krebsdiagnose ĂŒberrumpelt wurde. Um Worte ringend beobachtete sie sich dabei, wie sie selbst wieder Haltung findet.

In dem Text steckt eine wilde Unruhe und zugleich ein leidenschaftlicher Widerstandsgeist. “Tag fĂŒr Tag ertappte ich mich in flagranti bei meinem Überlebenswunsch.” Dabei liess sie sich nicht erdrĂŒcken, sondern weitete den Blick, um verstorbener Freunde zu gedenken.

Vor kurzem ist die Krankheit bei ihr wieder ausgebrochen. Nun ist sie es, derer man gedenkt. In ihren Werken hat sie sich als eine Meisterin der AnfÀnge erwiesen.

Schon ihr DebĂŒt, der ErzĂ€hlband “ErdnĂŒsse. Totschlagen”, geriet 1994 zum fulminanten Auftakt. Hinter dem boshaft klingenden Titel verbergen sich sieben Geschichten, die von Frauen und MĂŒttern erzĂ€hlen, die gefangen sind zwischen dem Wunsch nach GlĂŒck und den tĂ€glichen Beziehungskatastrophen. Sprachlich ĂŒberzeugt der Band mit einem harschen, ungehobelten Ton, der schon damals Schweikert als ReprĂ€sentantin eines neuen weiblichen Schreibens auswies.

Vier Jahre spĂ€ter trieb sie das Thema im Roman “Augen zu” weiter. Gleich der erste Satz sticht in die Wunde: “Als Kind wĂŒnschte ich mir an manchen Tagen schon frĂŒhmorgens dringend irgend etwas, das nicht Milch hiesse und Butter und das tĂ€glich Brot gib uns heute.” In diesem brillanten Anfang steckt bereits das ganze Gespinst von Hoffnung und Scheitern, in dem sich das Paar Aleks und Raoul verheddert.

Ruth Schweikert wurde 1965 im badischen Lörrach geboren. Sie wuchs in Aarau auf und zog spĂ€ter nach ZĂŒrich, wo sie mit dem Filmemacher Eric Bergkraut und ihren fĂŒnf Kindern lebte. Dieses Familienleben forderte seinen Tribut. Zwischen ihren BĂŒchern lagen lange Pausen. Zugleich aber erdeten die familiĂ€ren Erfahrungen ihr Schreiben.

2005 folgte der Roman “Ohio”, abermals mit einem bemerkenswerten Anfang. Mit ein paar SĂ€tzen fĂŒhrt die Autorin ins Zentrum der verstörten Beziehung von Merete und Andreas, die sich ĂŒber RĂŒckblenden in ein weites Familienmuster verzweigt. Die ErzĂ€hlung konzentriert sich dabei auf wenige Stunden, die Andreas noch zu leben bleiben.

In ihrem Werk hat Schweikert von Menschen erzĂ€hlt, die sich im RĂ€derwerk des Alltags zu behaupten suchen. Im Zentrum steht dabei immer wieder die Familie als Keimzelle der Gesellschaft wie als Quelle von GlĂŒck und VerhĂ€ngnis. Ihr schonungslos genauer Blick auf das Private lĂ€sst indes nie den weiten zeitgeschichtlichen Horizont ausser Acht, in dem die individuellen Erfahrungen aufgehoben sind. Genau dies charakterisiert ihre Prosa und ihre insgesamt drei TheaterstĂŒcke.

Die Autorin hat die weite Welt aus ihrem Familienkosmos heraus in den Blick genommen. Peter Bichsel erkannte in seiner Laudatio an Ruth Schweikert zum ZĂŒrcher Kunstpreis 2016 darin ein ausgesprochen couragiertes Programm: “erzĂ€hlen und aufschreiben sind zwei sehr verschiedene Sachen, das Aufschreiben bedrohlich, das ErzĂ€hlen besĂ€nftigend”.

Im selben Jahr hat Schweikert auch den Solothurner Literaturpreis erhalten, fĂŒr ihr Werk und insbesondere fĂŒr den Generationenroman “Wie wir Ă€lter werden” (2015). Sie unterzieht darin zwei Familien einer strengen Selbstbefragung. Mit dem Alter der Eltern konfrontiert, entwirren die Töchter Iris und Kathrin ein altes familiĂ€res LĂŒgengewebe. Zupackend und schlicht erzĂ€hlt der Roman von Liebe und Verrat. Niemand kommt dabei ungeschoren davon. Doch die Autorin hĂ€lt unverbrĂŒchlich zu jeder ihrer Figuren.

Alles in allem blieb Schweikerts Werk schmal. Doch mit Blick auf ihr Schaffen gilt es einen erweiterten Werkbegriff anzuwenden. Nicht nur, dass sie neben Prosa auch Kolumnen und Texte zum Zeitgeschehen verfasst hat. Sie hat sich in einem umfassenden Sinn engagiert: politisch und literarisch. Zusammen mit anderen Kunstschaffenden kandidierte sie beispielsweise 2015 auf einer “Kunst und Politik”-Liste fĂŒr den Nationalrat.

Dabei ist sie jederzeit nahbar geblieben, vor allem in ihrer Rolle als Förderin. Vor allem am Bieler Literaturinstitut hat sie sich um den literarischen Nachwuchs gekĂŒmmert – so sehr, dass hin und wieder in den Texten der jungen Autorinnen und Autoren ein Satz oder eine Formulierung auftaucht, worin die Lehrerin Schweikert erkennbar ist.

In den letzten Jahren hat sie sich jener Schreibenden mit Migrationshintergrund angenommen, die in einer “fĂŒnften” Landessprache schreiben und deshalb hierzulande kaum Zugang zum Literaturbetrieb erhalten. Wenn eben erst noch in ZĂŒrich ein “Lesefest” zur vielsprachigen Schweiz stattgefunden hat, so ist auch darin das Wirken von Ruth Schweikert sichtbar. Sie setzte sich ein, oft auch um den Preis, weniger Zeit fĂŒr die eigenen Texte zu haben.

In ihrem Engagement fĂŒhlte sie sich Max Frisch verbunden, der, wie sie in einem verspĂ€teten Brief an diesen schrieb, in seinen Texten ĂŒber den Tod hinaus anwesend geblieben sei und der seine Sorgen um die Schweiz “zu Lebzeiten mit der Öffentlichkeit als Partner geteilt” habe. Darin folgte sie ihm. Am vergangenen Sonntag ist sie in ihrem ZĂŒrcher Zuhause an ihrer Krebserkrankung gestorben.

(text&bild:sda)