16 Juni 2023

Das Mittelmeer wird erneut zum Massengrab

Nach dem schweren BootsunglĂŒck mit vermutlich bis zu 500 Toten haben sich am Freitag in der griechischen Hafenstadt Kalamata dramatische Szenen abgespielt.

Seit dem Untergang des völlig ĂŒberfĂŒllten Fischkutters am Mittwoch waren aus ganz Europa Angehörige angereist, um herauszufinden, ob der Bruder, die Schwester oder der Neffe ĂŒberlebt hat. Meist ohne Erfolg: Nur 104 Menschen konnten gerettet werden, 78 Menschen wurden tot geborgen, die anderen riss das UnglĂŒcksboot mit sich in die Tiefe. Die griechischen Behörden suchten zwar am Freitag noch weiter, doch es wurde davon ausgegangen, dass die AktivitĂ€ten spĂ€testens am Samstag eingestellt werden.

WĂ€hrend nach derartigen Katastrophen noch bis vor kurzem Politiker aller LĂ€nder die ZustĂ€nde anprangerten, blieb es diesmal erstaunlich still. Wer sich Ă€usserte, verwies zumeist darauf, dass man nun endlich dafĂŒr sorgen mĂŒsse, dass die Menschen sich gar nicht erst auf den Weg machten. Von EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen hiess es, sie sei “zutiefst betrĂŒbt”.

“Der Abgrund Europas liegt in den Worten ohne Mitleid und Bedeutung, die nach einer Tragödie wie der von Pylos (Peloponnes) ausgesprochen werden”, kommentierte die italienische Zeitung “La Stampa” am Freitag. Es sei von Migrationsströmen die Rede, aber die aktuelle Tragödie verdiene nicht einmal eine Randbemerkung, obwohl es sich um eine der schlimmsten Tragödien aller Zeiten handele. “FĂŒr Europa ist es so, als wĂ€re es business as usual”, bilanzierte die Zeitung.

Auch UN-Organisationen kritisierten die EU. “Es ist klar, dass das derzeitige Konzept fĂŒr das Mittelmeer nicht funktioniert”, teilte der Direktor der Abteilung fĂŒr NotfĂ€lle der UN-Organisation fĂŒr Migration (IOM) am Freitag mit. Die EU mĂŒsse Sicherheit und SolidaritĂ€t in den Mittelpunkt ihres Handelns stellen, hiess es von der stellvertretenden Hochkommissarin fĂŒr FlĂŒchtlinge, Gillian Triggs.

In Griechenland gingen am Donnerstag 8000 Menschen auf die Strasse, um gegen die EU-Migrationspolitik zu protestieren, wie das Staatsfernsehen zeigte. “Die EU bringt Menschen um”, hiess es auf den Transparenten. Die EU-Staaten hatten sich erst vergangene Woche auf umfassende Reformen in der Asylpolitik verstĂ€ndigt. Unter anderem sollen AsylantrĂ€ge von Migranten an den EU-Aussengrenzen binnen zwölf Wochen geprĂŒft werden. WĂ€hrenddessen sollen die Menschen in streng kontrollierten Aufnahmeeinrichtungen bleiben.

In Griechenland werfen linke Parteien der konservativen griechischen Regierung der vergangenen vier Jahre vor, fĂŒr das UnglĂŒck mitverantwortlich zu sein. Weil die Regierung die Kontrollen in der ÄgĂ€is massiv verschĂ€rft habe, nutzten die Migranten nun die viel weitere und gefĂ€hrlichere Route um Griechenland herum direkt nach Italien. 2022 kamen laut UN in dieser Region 326 Menschen ums Leben.

Der griechische Sozialdemokrat Nikos Androulakis bezeichnete in einem Interview vor allem das GeschĂ€ft der Schleuser als Problem. “Ihr Business ist so gross wie das Bruttoinlandsprodukt mancher EU-Staaten”, sagte er. Nach Angaben Überlebender hatten die FlĂŒchtlinge fĂŒr die Überfahrt rund 5000 Euro pro Kopf gezahlt.

Neun der Überlebenden hatte die griechische Polizei bereits am Donnerstag als mutmassliche Schleuser festgenommen – die MĂ€nner mit Ă€gyptischer StaatsbĂŒrgerschaft sollen wegen Menschenhandels und fahrlĂ€ssiger Tötung angeklagt werden.

Die Behörden untersuchen auch die ZustĂ€ndigkeit der KĂŒstenwache – sie hatte der Besatzung des Bootes nach eigenen Angaben mehrfach per Funk Hilfe angeboten, doch diese sei ausgeschlagen worden. Viele fragen sich, wieso die Beamten nicht trotzdem tĂ€tig wurden. Der Sprecher der Behörde erklĂ€rte, ein Eingreifen in internationalen GewĂ€ssern sei nicht möglich, wenn der KapitĂ€n des Bootes dies ablehne.

Neben dem fast unmenschlichem Leid kam es am Freitag in Kalamata auch zu rĂŒhrenden Szenen: So fand ein Syrer, der aus den Niederlanden angereist war, unter den Überlebenden seinen Bruder, wie der Sender Skai zeigte. Die Überlebenden wurden im Laufe des Freitags in ein Auffanglager gebracht. Dort können Asyl beantragen. FĂŒr die vielen Menschen, die das Boot mit sich in die Tiefe zog, ist es hingegen zu spĂ€t. Überlebende berichteten, dass rund 100 Kinder an Bord waren.

(text&bild:sda)