16 März 2026

Damit der Kiebitz wieder fliegen kann: Erste «Kiebitzinsel» der Schweiz entsteht bei Ins (BE)

Wenn im Frühling ein Kiebitz über einer Feuchtwiese seine Balzflüge zeigt, ist das ein Hoffnungszeichen. Noch vor wenigen Jahrzehnten gehörte dieser Anblick in vielen Regionen der Schweiz zum Landschaftsbild. Heute brüten landesweit nur noch rund 200 Paare – der Kiebitz ist in der Schweiz stark gefährdet. Seit vielen Jahren setzt sich
BirdLife deshalb für den Watvogel ein. Nun hat BirdLife bei Ins (BE) die erste «Kiebitzinsel» der Schweiz geschaffen.

Der Absturz war dramatisch. Von deutlich über 1’000 Brutpaaren Ende der 1970er-Jahre sank der Bestand um die Jahrtausendwende auf ein Minimum von rund 80 Paaren. Dank grossem Engagement von BirdLife und verschiedenen Partnern inkl. Freiwilligen, Landwirt/innen und Behörden konnte das Verschwinden verhindert werden. Der Bestand erholte sich 2015 auf rund 200 Brutpaare – doch seither stagniert er. Der Grund liegt vor allem im ungenügenden Bruterfolg aufgrund der zu kleinen und qualitativ zu schlechten Lebensräume. Zu viele Gelege gehen verloren, zu wenige Jungvögel werden flügge. Der Kiebitz bleibt gemäss Roter Liste weiterhin stark gefährdet. Für BirdLife ist klar: Es braucht mehr als punktuelle Massnahmen. Es braucht Lebensräume, die wirklich funktionieren.

Früher brüteten die Kiebitze in den weitläufigen Feuchtwiesen entlang der Flüsse oder auf Moorböden. Dort fanden sie viel Nahrung und waren von Prädatoren wie dem Fuchs gut geschützt. Diese Habitate wurden jedoch in der Schweiz fast vollständig zerstört. Heute sind die noch vorhandenen Brutflächen zu klein und oft zu trocken oder zu intensiv genutzt. Hinzu kommt ein hoher Prädationsdruck, insbesondere durch Füchse. Mobile Elektrozäune schützen zwar punktuell, bieten aber keinen dauerhaften Schutz. Der Erfolg hängt oft von günstigen Zufällen ab – von der Witterung oder einem Jahr mit geringem Fuchsdruck. «Wir haben viel erreicht. Aber wir stehen an einem Scheideweg. Ohne strukturelle Verbesserungen wird der Bestand nicht weiterwachsen», sagt Martin Schuck, Leiter Artenförderung bei BirdLife Schweiz.

Im Grossen Moos bei Ins setzt BirdLife nun konsequent auf ein neues Modell. Auf rund 6 Hektaren hat BirdLife eine «Kiebitzinsel» erstellt: Drainagen wurden geschlossen, Wasser wird gezielt zurückgehalten und Solarpumpen sorgen für einen angepassten Wasserstand, damit die Fläche wieder vernässt wird. Schottische Hochlandrinder schaffen offene, feuchte Bodenstellen und kurzrasige Vegetation – ideale Bedingungen für brütende Kiebitze und ihre Küken. Auf die Brutsaison 2026 hin wurde in den letzten Tagen zudem ein permanenter Festzaun installiert. Er hält Füchse zuverlässig fern und ist für andere Wildtiere ungefährlich. Damit wird erstmals in der Schweiz ein Brutgebiet langfristig und strukturell gegen Bodenprädatoren gesichert. Wenn alle Elemente wie Wasserhaushalt, Habitatstruktur, Beweidung und Schutz konsequent aufeinander abgestimmt werden, entstehen die Voraussetzungen für einen nachhaltigen Erfolg.

Die «Kiebitzinsel» bei Ins ist ein erster wichtiger Schritt. BirdLife ist zuversichtlich, dass sich die Fläche als Vorbild für weitere Projekte etablieren kann. Gleichzeitig zeigen die Erfahrungen in Ins, dass es Geduld und Konsequenz braucht. Rund zehn Jahre Entwicklungsarbeit waren nötig, um den heutigen Stand zu erreichen. Dieser Einsatz lohnt sich – fachlich wie praktisch.
BirdLife unterstützt deshalb interessierte Akteure, Behörden und Bewirtschaftende dabei, ähnliche Projekte von Beginn an koordiniert und aufeinander abgestimmt umzusetzen.

Ziel ist es, bewährte Erkenntnisse rasch weiterzugeben und unnötige Umwege zu vermeiden. Europaweite Erfahrungen zeigen klar: Einzelmassnahmen reichen nicht aus. Entscheidend ist, dass Wiedervernässung, Flächengrösse, Habitatstruktur, Beweidung und Schutz ineinandergreifen. Wo dies gelingt, steigen die Erfolgschancen erheblich. Die neuen Ansätze bauen dabei direkt auf dem grossen Engagement und den Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte auf.

(text:pd/bild:zvg birdlife – Lombardo)