Bundesrätin erinnert an Schicksale der Verdingkinder
Rund 800 ehemalige Verding- und Heimkinder haben sich am Samstag in Langenthal getroffen. Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider erinnerte in ihrer Rede an die tiefen Wunden, die fürsorgerische Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen in der Gesellschaft hinterliessen.
Zum nationalen Sommerfest hatte die Guido Fluri Stiftung eingeladen. Baume-Schneider als diesjähriger Ehrengast sagte laut Redetext, die Betroffenen „verdienen historische Klarheit und eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem, was geschehen ist“. Was Ihnen widerfahren sei, sei Unrecht.
Die Schweiz habe mit der Aufarbeitung des Geschehenen begonnen. Dies brauche Geduld und Mut. „Man muss alle Fragen stellen, auch und ganz besonders die unbequemen“, so Baume-Schneider. Besonders bei der Verfolgung der Jenischen und Sinti gebe es noch zu viele Dunkelstellen. Die Aufarbeitung müsse in Museen, Universitäten, Geschichtsbüchern und -Schulen vermittelt werden.
Laut Guido Fluri, Urheber der Wiedergutmachungsinitiative, gehören die Gäste zu den letzten noch lebenden Zeitzeuginnen und -zeugen eines dunklen Kapitels der Schweizer Sozialgeschichte. „Sie haben in Heimen und auf Höfen, in Pflegeverhältnissen oder im kirchlichen Kontext schwere Misshandlungen und Missbrauch erlebt. Ihre Biografien und Erinnerungen sind heute Teil der Schweizer Geschichte“, hiess es in der Mitteilung der Stiftung.
Die Guido Fluri Stiftung erlangte 2014 durch die Lancierung der Wiedergutmachungsinitiative Bekanntheit. Sie hatte zum Ziel, eine finanzielle Wiedergutmachung für Verdingkinder und Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen sowie eine wissenschaftliche Aufarbeitung zu bewirken. Im Jahr 2015 nahm das Bundesparlament einen Gegenvorschlag an, der die Kernpunkte der Initiative umfasste.
Bis 1981 waren in der Schweiz zehntausende Kinder und Erwachsene von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen oder Fremdplatzierungen betroffen. Verdingkinder wurden auf Bauernhöfen als billige Arbeitskräfte ausgebeutet, haben massive körperliche und psychische Gewalt erlebt und wurden oft auch sexuell missbraucht.
Opfer waren Verding- und Heimkinder, Fahrende, Jenische und zwangsadoptierte Kinder, aber auch Personen, die in geschlossene Anstalten eingewiesen wurden – sogenannte „administrativ Versorgte“.
(text:sda/bild:keystone)