7 September 2026

Berner Autor Giuliano Musio für den Deutschen Buchpreis eingespurt

Giuliano Musio hat mit „Aus anderem Holz“ eine eindringliche Pinocchio-Variante geschrieben, die weit über den Stoff des Kinderromans von 1883 hinausgeht. Damit hat es der Berner als einziger Schweizer auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft.

Für Giuliano Musio war dieses Mal vieles anders. Noch nie zuvor habe er es derart genossen, ein Buch zu schreiben. „Vorher war jeder Schreibprozess für mich ein ‚Chnorz'“, erzählt der Autor mit italienischen Wurzeln bei einem Kaffee in Bern. Doch bei „Aus anderem Holz“ habe sich in seinem Kopf schon alles harmonisch zusammengefügt. Das Schreiben sei ihm leichtgefallen. Nach 15 Monaten war der Roman beendet. „Ich habe gleich gewusst: Egal, wie die Reaktionen ausfallen, ich werde nicht an diesem Buch zweifeln.“

Aber dass es sein neuer Roman gleich in die Vorauswahl für den Deutschen Buchpreis schaffen würde, hat ihn dann doch überrascht. „Ich bin weder ein arrivierter Schriftsteller noch eine junge Neuentdeckung“, sagt der 49-Jährige. „Mein Verlag ist ein kleiner Ein-Mann-Betrieb in Österreich, und als die Nomination publik wurde, war mein Roman noch nicht einmal erschienen.“

Es sei ein Wunder, dass sein Buch in der Flut von Neuerscheinungen überhaupt entdeckt worden sei. Von über zweihundert eingereichten Werken aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben es zwanzig auf die Longlist geschafft. Bis 8. September wählen die Jurymitglieder davon sechs Romane für die Shortlist aus.

Er habe lange nach dem richtigen „Gefäss“ für seine Geschichte gesucht, sagt Musio, der in Bern lebt und neben dem Schreiben als Korrektor bei der NZZ arbeitet. Auch seine vorhergehenden Bücher seien in gewisser Weise ein Ausdruck dieser Suche. Fündig geworden ist er mit Pinocchio, doch das eher zufällig. „Das Motiv der Lüge war bereits in meinem Vorgängerroman ‚Wirbellos‘ zentral.

Während des Entstehungsprozesses machte ich mir verschiedene Notizen rund um das Thema und dachte da bereits an den Kinderroman.“ Später sei ihm diese Notiz wieder in die Hände gefallen und er habe realisiert, dass Pinocchio eine gute Projektionsfläche sein könnte für all das, was er erzählen wollte, was ihn beschäftigte. So ist mit „Aus anderem Holz“ eine Art Weiterentwicklung des bekannten Kinderbuchs von Carlo Collodi aus dem Jahr 1883 geworden.

In seiner Geschichte seien nun einige seiner eigenen Lebensthemen miteinander verwoben, sagt Musio. Auch wenn sein Werk an das Kinderbuch angelehnt ist und ebenso einige fantastische Elemente enthält, sei es sein bisher persönlichstes Buch. Sich fremd fühlen in der eigenen Haut, der Wunsch, sich anzupassen. Eine Herkunft, die Schwierigkeiten bereitet. Scham darüber, wer man ist. Das Hadern mit dem eigenen Körper. Diese Themen beschäftigten ihn schon lange.

Mehr mag der Sohn eines Italieners und einer Schweizerin, der im bernischen Burgdorf aufgewachsen ist, nicht erzählen. Privates behält er lieber für sich. Auch deshalb, weil er mit dem fantastischen Kontext einen Weg gefunden hat, Autobiografisches verschlüsselt zu vermitteln. Ein Faktencheck käme einer Entzauberung gleich. „Gleichzeitig ist diese Abstraktion auch ein Dienst an der Leserschaft. So kann das Erzählte für viele verschiedene Geschichten stehen.“

(text:sda/bild:keystone)