13 MĂ€rz 2023

RĂŒstungsimporte nach Europa stark gestiegen

Die vom russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ausgelöste Zeitenwende schlĂ€gt in Europa mit voller Kraft auf den RĂŒstungsmarkt durch. Die Einfuhren schwerer Waffen wie Panzer, Kampfjets und U-Boote nach Europa stiegen im Vergleich der vergangenen beiden FĂŒnfjahreszeitrĂ€ume um 47 Prozent an – die europĂ€ischer Nato-Staaten sogar um 65 Prozent. Dies geht aus einem Bericht hervor, den das Friedensforschungsinstitut Sipri aus Stockholm am Montag veröffentlichte. Die Ukraine stieg in Folge des russischen Überfalls im Februar 2022 zum drittgrössten Importeur von RĂŒstungsgĂŒtern weltweit auf.

Weltweit nahm das Volumen der RĂŒstungslieferungen zwischen Staaten dagegen um 5,1 Prozent ab. Die USA bleiben Branchenprimus, Deutschland bleibt einer der fĂŒnf grössten Lieferanten. Sipri-Forscher Pieter Wezeman sagte: “Auch wenn die Waffentransfers weltweit zurĂŒckgegangen sind, sind diejenigen nach Europa aufgrund der Spannungen zwischen Russland und den meisten anderen europĂ€ischen Staaten stark gestiegen. Nach Russlands Einmarsch in die Ukraine wollen europĂ€ische Staaten mehr Waffen importieren – und das schneller.”

Mehr als die HĂ€lfte (56 Prozent) der von diesen Staaten gekauften Waffen stammen dem Bericht zufolge aus den USA und 5,1 Prozent aus Deutschland. Die Ukraine wurde schlagartig einer der grössten Abnehmer: Seit ihrer UnabhĂ€ngigkeit von der Sowjetunion 1991 hatte sie kaum schwere Waffen eingefĂŒhrt. 2022 wurde sie durch die MilitĂ€rhilfen aus den USA und Europa jedoch weltweit zur Nummer drei. Nur Katar und Indien importierten noch mehr. Im Zeitraum 2018 bis 2022 steht die Ukraine mit 2,0 Prozent der globalen Einfuhren auf Platz 14. Ihr drittgrösster Lieferant hinter den USA und Polen ist Deutschland.

“Vor 2022 gab es kaum Waffenlieferungen an die Ukraine. Sie lagen auf einem sehr niedrigen Niveau – vor allem, wenn man ihre Grösse und die Tatsache bedenkt, dass sie sich seit 2014 im Krieg befindet”, sagte Wezeman der Deutschen Presse-Agentur. Dies sei der eine Teil, der sich deutlich verĂ€ndert habe. “Der andere Teil ist, dass europĂ€ische Staaten in den vergangenen zehn Jahren, insbesondere seit 2014, erheblich auf die aus ihrer Sicht sehr stark gestiegene Bedrohung durch Russland reagiert haben.” Die zunehmende Nachfrage durch die meisten europĂ€ischen LĂ€nder dĂŒrfte die Importzahlen in den kommenden Jahren wahrscheinlich noch viel stĂ€rker prĂ€gen.

Die USA und Russland sind seit Jahrzehnten die weltweit dominierenden Waffenlieferanten. Doch ihr Abstand zueinander wĂ€chst: WĂ€hrend die USA mit einem Anteil von nun 40 Prozent weiterhin Nummer eins unter den Exporteuren sind, ging Russlands Anteil deutlich auf 16 Prozent zurĂŒck. Frankreich ist Nummer drei mit starken Zugewinnen auf 11 Prozent. Die dortige RĂŒstungsindustrie hat auch noch deutlich mehr ausstehende GrossauftrĂ€ge als Russland. Deshalb hĂ€lt man es bei Sipri nicht fĂŒr ausgeschlossen, dass Frankreich Russland ĂŒberholt.

Das Volumen der russischen RĂŒstungsexporte sank im Vergleich der ZeitrĂ€ume 2013-2017 und 2018-2022 um 31 Prozent, besonders stark in den vergangenen drei Jahren. Die Forscher glauben, dass sich dieser Trend wegen des Ukraine-Kriegs fortsetzen wird: Russlands StreitkrĂ€fte brĂ€uchten die Waffen selbst. Zudem dĂŒrfte die Nachfrage aus anderen LĂ€ndern wegen der Sanktionen gegen Russland und des zunehmenden Drucks des Westens auf diese Staaten gering bleiben.

Komplettiert werden die fĂŒnf grössten ExportlĂ€nder durch China und Deutschland. Das deutsche Exportvolumen ging dem Bericht zufolge im FĂŒnfjahresvergleich um 35 Prozent zurĂŒck. Damit hatte die Bundesrepublik einen Anteil von 4,2 Prozent an den globalen Exporten (zuvor: 6,1 Prozent). Staaten im Nahen Osten waren die grössten Abnehmer deutscher RĂŒstungsgĂŒter.

“Bei Deutschland haben wir solche Schwankungen schon zuvor gesehen. Das hĂ€ngt oft mit einer relativ kleinen Zahl an grösseren AuftrĂ€gen fĂŒr MarineausrĂŒstung zusammen, besonders fĂŒr U-Boote und Fregatten”, sagte Wezeman. Bei mehreren Grossprojekten habe es Verzögerungen gegeben, etwa bei U-Boot-Lieferungen an die TĂŒrkei, Israel und Singapur. “Darauf basierend wĂ€re es nicht verwunderlich, wenn die deutschen RĂŒstungsexporte wieder steigen wĂŒrden.”

Die Sipri-Daten beziehen sich auf das Volumen der Waffenlieferungen, nicht auf deren finanziellen Wert. Dem unabhĂ€ngigen Institut geht es dabei um langfristige globale Trends: Da das Volumen von Jahr zu Jahr je nach Auftragslage stark schwanken kann, legen die Friedensforscher den Fokus auf FĂŒnfjahreszeitrĂ€ume statt auf Einzeljahre. Bei der Ukraine machten sie diesmal kriegsbedingt eine Ausnahme.

(text:sda/bild:sda)