Baukultur und Tourismus: Dialog im Berner Oberland lanciert
Rund 40 Fachleute aus Tourismus, Baukultur, Gemeinden und Gewerbe haben am 1. Runden Tisch «Baukultur und Tourismus im Berner Oberland» auf dem Harder Kulm erstmals gemeinsam über Chancen, Zielkonflikte und Veränderungsbedarf diskutiert. Als Gastregion war Vorarlberg dabei.
Wie können Baukultur und Tourismus im Berner Oberland voneinander profitieren und eine qualitätsvolle Neu- und Weiterentwicklung anregen? Dieser Frage gingen am Donnerstag, 22. Oktober 2026, rund 40 Schlüsselpersonen auf dem Harder Kulm nach. Sie kamen aus Tourismus, Hotellerie, Architektur, Baukultur, Handwerk, Planung, Gemeinden, Eigentümerschaften sowie dem Immobilien- und Baugewerbe. Der 1. Runde Tisch «Baukultur und Tourismus im Berner Oberland» war der öffentliche Startpunkt des gleichnamigen Projekts, welches durch die IG Baukultur, die Tourismusdestinationen und die Volkswirtschaft Berner Oberland getragen und durch die Neue Regionalpolitik (NRP) von Bund und Kanton gefördert wird.
Wachsender Druck, zunehmende Konflikte
Berge, Seen, Kulturlandschaften, Ortsbilder und Bauten sind das Kapital der Region, für die Einheimischen ebenso wie für die Gäste. Gleichzeitig steigt der Druck. In einigen Tälern hat die touristische Nachfrage stark zugenommen, neue Infrastrukturvorhaben sind geplant oder umgesetzt, die Bau- und Wohnkosten steigen. Häufig stehen sich Tourismus und Baukultur gegenüber, statt gemeinsam in den Dialog zu treten. Projekte sind blockiert oder kommen nur träge voran. Hier will das NRP-Projekt «Baukultur und Tourismus im Berner Oberland» ansetzen: Durch den gemeinsamen Austausch sollen Chancen, Herausforderungen und Spannungsfelder erkannt und sichtbar gemacht werden. Über Runde Tische, gemeinsame Grundlagen und schlussendlich konkrete Projekte entsteht ein geteiltes Verständnis, so dass Entwicklungen gemeinsam besser gelingen.
Vorarlberg als Inspiration
Wie das Zusammenspiel gelingen kann, zeigten Marina Hämmerle, Architektin und ehemalige Direktorin des Vorarlberger Architektur Instituts vai, und Christian Schützinger, Geschäftsführer von Vorarlberg Tourismus. In Vorarlberg ist Baukultur seit Jahrzehnten Teil der touristischen Positionierung. Beispiele dafür sind das Werkraumhaus in Andelsbuch, die international beachteten BUS:STOP-Wartehäuschen in Krumbach, Fachworkshops für Gastgebende und eine Medienpartnerschaft, die seit 2011 rund 780 Beiträge hervorgebracht hat. Für Gäste ist Architektur ein Reisemotiv: Ortsbild und Architektur nennen in Vorarlberg 26 Prozent als entscheidenden Grund für die Wahl des Reiseziels, bei Mitbewerbern sind es 15 Prozent. Hämmerle und Schützinger zeigten in einem Inputreferat auf, wie in Vorarlberg die Verbindung von Tourismus und Baukultur gelebt wird. Auch wenn sich nicht alle Erkenntnisse auf das Berner Oberland übertragen lassen, bot der fachliche Teil viel Inspiration und führte zu einigen «Aha-Momenten».
Zuhören statt überzeugen
Im zweiten Teil der Veranstaltung diskutierten die Teilnehmenden in bewusst gemischten Kleingruppen. Sie sollten dabei keinen Konsens finden, sondern verstehen, weshalb sie Situationen unterschiedlich beurteilen. Gesammelt wurden Beispiele für die Verbindung von Tourismus und Baukultur im Berner Oberland. Anhand dieser Beispiele wurden in den Diskussionen Erfolgsfaktoren, Spannungsfelder und Veränderungsbedarf ermittelt. Als Erfolgsfaktoren wurden unter anderem das gemeinsame Verständnis für die Identität einer Region oder breit abgestützte Prozesse genannt. Spannungen entstehen vielfach aufgrund von unverhältnismässigen Kosten, wenn ausländische Investoren involviert oder Projekte einzig auf schnelles Wachstum ausgelegt sind. Veränderungsbedarf sehen die Teilnehmenden insbesondere bei der Sensibilisierung für baukulturelle Themen im Tourismus und umgekehrt, aber auch bei den Prozessen und Verfahren sowie bei der Findung einer gemeinsamen, regionalen Identität. Dass der Dialog zwischen den unterschiedlichen Anspruchsgruppen sinnvoll ist und weiter gefördert werden sollte, darin waren sich alle Diskutierenden einig.
Wie es weitergeht
Die Projektgruppe «Baukultur und Tourismus im Berner Oberland» wertet nun die gewonnenen Erkenntnisse und Ergebnisse der Diskussionen aus. Aus dem identifizierten Handlungsbedarf werden bis im Frühjahr 2027 die weiteren Schritte und erste konkreten Massnahmen abgeleitet. Immer mit dem Ziel, dass Projekte umgesetzt und Lösungen geschaffen werden, von denen mehrere Seiten profitieren.
NRP-Projekt «Baukultur und Tourismus im Berner Oberland»
Das von Bund und Kanton geförderte (Neue Regionalpolitik) Projekt «Baukultur und Tourismus im Berner Oberland» ist breit abgestützt. Getragen wird es durch die IG Baukultur, ein Zusammenschluss der Fach- und Planerverbände bestehend aus Berner Heimatschutz, Bund Schweizer Architektinnen und Architekten (BSA), Bund Schweizer Landschaftsarchitekten und Landschaftsarchitektinnen (BSLA), Schweizerischer Werkbund SWB und Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein sia. Ebenfalls am Projekt beteiligt sind die beiden Berner Oberländer Destinationen Gstaad und Jungfrau Region sowie die Volkswirtschaft Berner Oberland.
(text:pd/bild:zvg volkswirtschaft berner oberland)