16 Mai 2024

Ausnahmezustand in Neukaledonien – weitere Nacht mit Krawallen

Im französischen Überseegebiet Neukaledonien ist es die dritte Nacht in Folge zu Krawallen von Separatisten gekommen. Offiziellen Angaben zufolge sind bei den schweren Unruhen bislang vier Menschen ums Leben gekommen, darunter ein Polizist. Hunderte weitere Menschen wurden verletzt. Örtliche Medien veröffentlichten am Donnerstag Fotos und Videos von geplĂŒnderten und völlig zerstörten SupermĂ€rkten und Tankstellen. Seit Anfang der Woche setzen UnabhĂ€ngigkeitsbefĂŒrworter immer wieder GeschĂ€fte und Autos in Brand.

Paris hatte als Reaktion auf die Gewalt in der Inselgruppe im SĂŒdpazifik am Mittwoch fĂŒr zunĂ€chst zwölf Tage den Ausnahmezustand verhĂ€ngt. Die ermöglicht es den Behörden unter anderem, Demonstrationsverbote zu erlassen, öffentliche Orte und Webseiten zu sperren und der Polizei und Justiz erweiterte Befugnisse einzurĂ€umen.

Bei den Protesten von UnabhĂ€ngigkeitsbefĂŒrwortern geht es um eine geplante Verfassungsreform der Regierung in Paris, die Tausenden französisch-stĂ€mmigen BĂŒrgern, die seit mindestens zehn Jahren ununterbrochen in Neukaledonien leben, das Wahlrecht einrĂ€umen wĂŒrde. Sie wĂŒrden somit mehr politischen Einfluss bekommen. Vor allem die Bevölkerungsgruppe der Kanaken – Neukaledoniens Ureinwohner – hofft aber schon lange auf einen eigenen Staat.

Das Hochkommissariat in Neukaledonien gab bekannt, dass rund 5000 Randalierer im Grossraum der Hauptstadt NoumĂ©a an den Unruhen beteiligt seien. Trotz Ausgangssperren war die Lage noch immer nicht unter Kontrolle. Das grösste Krankenhaus des Archipels, MĂ©dipĂŽle de Koutio, teilte mit, derzeit vorwiegend NotfĂ€lle zu behandeln. Wegen Strassenblockaden hĂ€tten viele Erkrankte aber Probleme, die Klinik ĂŒberhaupt zu erreichen.

Riesiger wirtschaftlicher Schaden

Der Flughafen La Tontoura blieb weiter geschlossen. Vor vielen GeschĂ€ften bildeten sich lange Schlangen besorgter BĂŒrger, weil Lebensmittel bereits rationiert werden, wie der Sender 1Ăšre Nouvelle-CalĂ©donie berichtete. Tankstellen ging das Benzin aus.

Die PrĂ€sidentin der SĂŒdprovinz Sonia Backes, eine prominente Aktivistin fĂŒr einen Verbleib bei Frankreich, bat die Regierung in Paris um finanzielle UnterstĂŒtzung: „Unser Territorium ist seit 72 Stunden im Griff beispielloser Gewalt“, schrieb sie in einem Brief an Premierminister Gabriel Attal. Der anfĂ€ngliche Schaden fĂŒr die Wirtschaft Neukaledoniens werde von der Industrie- und Handelskammer auf 150 Millionen Euro geschĂ€tzt.

Von 1853 bis 1946 war Neukaledonien französische Kolonie. Die Inselgruppe mit 270 000 Einwohnern, die 1500 Kilometer östlich von Australien liegt, hatte durch das Abkommen von NoumĂ©a 1998 bereits weitgehende Autonomie erlangt. FĂŒr Paris ist das Territorium vor allem geopolitisch, militĂ€risch und wegen grosser Nickelvorkommen von Bedeutung. Derzeit versucht Paris, mit den politischen KrĂ€ften in NoumĂ©a ein neues Abkommen zu schliessen.

(text:sda/bild:unsplash)