18 Februar 2021

Armut stieg 2019 an

8,7 Prozent der Bevölkerung sind 2019 von Einkommensarmut betroffen gewesen. Jeder Achte (12,2 Prozent) kam kaum ĂŒber die Runden. Dennoch war die Zufriedenheit zu Anfang des ersten Teil-Lockdowns vor einem Jahr hoch – und das Vertrauen in die Regierung auch.

In der ersten HĂ€lfte des Jahres 2020 war die Schweizer Wohnbevölkerung gemĂ€ss eigenen Angaben nicht minder zufrieden als davor, wie erste Befragungen des Bundesamts fĂŒr Statistik (BFS) ergaben. Einzig das GlĂŒcksempfinden ging nach dem 16. MĂ€rz 2020 signifikant zurĂŒck.

Das Vertrauen in das politische System war wĂ€hrend des partiellen Lockdowns im zweiten Viertel 2020 höher als davor – in allen Altersgruppen, auf allen Bildungsstufen und egal, ob mit Migrationshintergrund oder nicht. Einzig die Tessiner – das BFS bezeichnet sie mit „Interviewsprache italienisch“ – gaben an, ihr Vertrauen in die politischen Systeme sei vor dem MĂ€rz 2020 höher gewesen.

Aktuellere Statistiken liegen noch nicht vor. Im zweiten Teil-Lockdown dĂŒrften die Ergebnisse erheblich von denjenigen von vor einem Jahr differieren.

Die Armutsquote erreichte 2019 mit 8,7 Prozent den höchsten Wert seit 2014, als sie bei 6,7 Prozent lag. In der gleichen Zeit ging das verfĂŒgbare Äquivalenzeinkommen der untersten Einkommensgruppe zurĂŒck. Die 10 Prozent der Bevölkerung mit den niedrigsten Einkommen hatten 2019 ein verfĂŒgbares Äquivalenzeinkommen von unter 25’868 Franken (2014: 27’252 Franken). Das Medianeinkommen blieb hingegen stabil bei rund 50’000 Franken. Median heisst: Die eine HĂ€lfte hatte mehr, die andere weniger.

155’000 Personen – 4,2 Prozent der Bevölkerung – waren trotz Erwerbsarbeit arm. Die Armutsgrenze wird von den Richtlinien der Konferenz fĂŒr Sozialhilfe (Skos) abgeleitet und betrug durchschnittlich 2279 Franken im Monat fĂŒr eine Einzelperson und 3976 Franken fĂŒr zwei Erwachsene mit zwei Kindern.

Jeder Achte (12,2 Prozent) hatte MĂŒhe, ĂŒber die Runden zu kommen. Jeder FĂŒnfte (20,7 Prozent) war nicht in der Lage, eine unerwartete Ausgabe von 2500 Franken zu stemmen. Und fast jeder Sechste (15,1 Prozent) hatte ZahlungsrĂŒckstĂ€nde.

AuslĂ€ndische Personen, Personen in Einelternhaushalten, Personen ohne nachobligatorische Ausbildung und Personen in Haushalten ohne Arbeitsmarktteilnahme waren besonders hĂ€ufig von Einkommensarmut und finanziellen Schwierigkeiten betroffen. Auch ĂŒber 65-JĂ€hrige waren ĂŒberdurchschnittlich oft einkommensarm. Dennoch waren sie im Schnitt zufriedener – nicht nur aus GenĂŒgsamkeit, sondern auch, weil viele auf Reserven zurĂŒckgreifen können.

Im europÀischen Vergleich war der Lebensstandard 2019 in der Schweiz gemÀss BFS immer noch hoch. Die nach internationalem Standard berechnete ArmutsgefÀhrdungsquote lag in der Schweiz mit 16 Prozent 0,8 Prozentpunkte unter dem EU-Schnitt.

Allerdings ist festzustellen, dass von den NachbarlĂ€ndern nur Italien mit 20,1 Prozent eine höhere ArmutsgefĂ€hrdung aufweist als die Schweiz. Allen anderen geht es besser: Die ArmutsgefĂ€hrdungsquoten betrugen 14,8 Prozent in Deutschland, 13,6 Prozent in Frankreich und 13,3 Prozent in Österreich.

Die ArmutsgefĂ€hrdungsgrenze hĂ€ngt vom Lebensstandard des jeweiligen Landes ab und betrug im Jahr 2019 in der Schweiz rund 2500 Franken pro Monat fĂŒr eine Einzelperson.

Nicht alarmierend ist gemĂ€ss SKOS die Inanspruchnahme von Sozialhilfe, „die Fallzahlen sind entgegen den ersten BefĂŒrchtungen im Jahr 2020 nicht gestiegen“. Der Jahresindex 2020 betrage mit 100,7 nur unwesentlich mehr als der Vorjahresindex (100).

Gesamtschweizerisch war in der Sozialhilfe zu Beginn der Corona-Krise ein leichter Anstieg der Fallzahlen bemerkbar. Ende Dezember 2020 sind die Fallzahlen praktisch auf dem Niveau des Durchschnittsmonats 2019 und liegen bei 100,6 Prozentpunkten. GegenĂŒber dem Vormonat November betrĂ€gt der Anstieg +1,0 Prozentpunkte.

Regional zeigen sich in der Sozialhilfe grosse Unterschiede. Die Romandie etwa liegt 4,6 Prozentpunkte ĂŒber dem schweizerischen Durchschnitt, das Tessin 3,7 Prozentpunkte darunter.