3 Juni 2024

40 Jahre nach Raub: Es bleiben viele Theorien zum Unspunnenstein

Heute vor 40 Jahren wurde der Unspunnenstein erstmals von jurassischen Separatisten gestohlen. Seit dem zweiten Diebstahl 2005 ist der symboltr├Ąchtige Steinstossstein verschollen. Der Turnverein Interlaken ist Besitzer des Steins, er m├Âchte ihn in ein Museum geben.

„Wir h├Ątten den Stein noch immer gerne zur├╝ck“, sagt Peter Michel der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Michel ist Pr├Ąsident des Turnvereins (TV) Interlaken. Er hat den Stein schon lange nicht mehr gesehen und keine Ahnung, wo er ist.

Vielleicht ist er im Jura. Vielleicht auf dem Grund des Thunersees. Vielleicht weiss gar niemand mehr, wo er ist. „Es gibt viele Theorien“, sagt Michel. Aber er ist sich sicher: „Wenn der Stein zur├╝ckkommt, dann auf spektakul├Ąre Art und Weise.“

Am 3. Juni 1984 wurde der Stein erstmals gestohlen. Die B├ęliers – die jungen jurassischen Separatisten – stahlen ihn aus dem Touristikmuseum Interlaken. Kein leichtes Unterfangen, der Stein wog 83,5 Kilogramm.

Eigentlich ist der Unspunnenstein ein Wettkampfger├Ąt, das beim Steinstossen so weit wie m├Âglich gestossen werden muss. Erstmals wurde 1808 am zweiten Unspunnenfest, das heutzutage noch alle zw├Âlf Jahre stattfindet, mit dem originalen Stein gestossen. Ohne diesen originalen Stein musste der TV Interlaken nach dem Diebstahl von 1984 einen Ersatz besorgen, man wurde im Grimselgebiet f├╝ndig.

2001 wurde der gestohlene Stein zur├╝ckgegeben, offenbar aus privater Initiative und nicht mit den B├ęliers abgesprochen, wie der Separatisten-Sprecher Jonathan Gosteli der „Berner Zeitung“ vor drei Jahren sagte. In Empfang nehmen durfte ihn die Gattin des fr├╝heren Schweizer Botschafters in Berlin, Shawne Fielding. Es war eine Show.

Der Stein war von den B├ęliers bearbeitet worden: Sie hatten ihm Europa-Sterne und ihr Wappen eingemeisselt sowie das Datum der eidgen├Âssischen Abstimmung ├╝ber den Europ├Ąischen Wirtschaftsraum von 1992. Der Stein wog jetzt keine 83,5 Kilogramm mehr und war als Wettkampfstein deshalb nicht mehr brauchbar.

2005 verschwand der Stein wieder, diesmal wurde er aus der Lobby des Hotels Victoria-Jungfrau in Interlaken entwendet. Zur├╝ck liessen die Diebe einen Pflasterstein mit aufgemaltem Jurawappen. Seit damals ist der Stein verschollen, und regelm├Ąssig keimten Hoffnungen auf eine R├╝ckgabe auf.

Letztmals aktiv um den Stein bem├╝ht hatte sich Peter Michel 2011 vor dem Unspunnenschwingen, wie er sagt. 2017, vor dem n├Ąchsten des alle sechs Jahre stattfindenden Schwingens, kursierten erneut Ger├╝chte ├╝ber eine m├Âgliche R├╝ckgabe. Der TV Interlaken gab sich gespr├Ąchsbereit, die Hoffnungen blieben unerf├╝llt.

Nach dem Amtsantritt der ersten jurassischen Bundesr├Ątin Elisabeth Baume-Schneider im Jahr 2023 – es war wieder kurz vor einem Unspunnenschwingen – schrieb der TV Interlaken der frischgew├Ąhlten Magistratin einen Brief. Ob diese antwortete, weiss Michel nicht. Bewegung kam zumindest keine in die Sache.

Baume-Schneider sagte der „NZZ am Sonntag“ im letzten August, es sei Zeit f├╝r die betreffenden Personen, dar├╝ber nachzudenken, wie und wann der Unspunnenstein zur├╝ckgegeben werde. „Auf institutioneller Ebene ist die Jurafrage beendet.“ Der Stein blieb verschollen.

Peter Michel ist der erfolgreichste Steinst├Âsser der Geschichte. „Ich habe viel mit dem Stein erlebt“, sagt er. Er denke ab und zu an ihn. K├Ąme der Stein zur├╝ck, m├Âchte er ihn in ein Museum geben. Michel sagt: „Der Stein ist jetzt ein Zeuge der Geschichte“.

(text:sda/bild:keystone)