14 bis 43 Milliarden Franken: So teuer wäre ein neues Schweizer AKW
Der Bau eines neuen Atomkraftwerks in der Schweiz würde zwischen 14 und 43 Milliarden Franken kosten. Das zeigt ein am Freitag veröffentlichter Bericht der Akademien der Wissenschaften Schweiz.
Wie kommen die Forschenden auf diese Zahlen?
Die Forschenden der Akademien haben als Ausgangspunkt die aktuellen Angebotskosten für grosse Reaktoren, die derzeit bei etwa 11’500 bis 12’000 Franken pro Kilowatt (kW) Leistung liegen, genommen. Darauf aufbauend berechnen sie, wie sich die Kosten unter verschiedenen Bedingungen entwickeln könnten. Die Schätzwerte beinhalten auch die Finanzierungskosten während der Bauzeit.
Warum ist die Spannbreite der Schätzung so gross?
Die Forschenden betrachteten zwei verschieden grosse Reaktoren, die in der Schweiz gebaut werden könnten: Ein Modell des US-Herstellers Westinghouse (1250 Megawatt) und ein etwas grösseres Modell der französischen EDF (1630 Megawatt). Für beide Reaktoren berechneten sie anschliessend ein optimistisches und ein weniger optimistisches Szenario: Im optimistischen Fall rechnen die Autoren mit Kosten von 14 Milliarden Franken für den Westinghouse-Reaktor und 21 Milliarden für das EDF-Modell. Im weniger optimistischen Szenario – falls es zu den üblichen Bauverzögerungen kommt – klettern die Kosten auf 25 beziehungsweise 43 Milliarden Franken.
Welches Szenario ist realistischer?
Das kommt am Ende auf die Grösse des neuen Kraftwerks und die Entwicklung der Kosten in den nächsten Jahren an.
„Die beobachteten Entwicklungen weisen bisher eher auf den höheren Bereich hin“, heisst es im Bericht. Die für die Schweiz in Frage kommenden Anbieter verzeichnen bei jüngeren Bauprojekten wie Olkiluoto, Flamanville, Hinkley Point oder Vogtle erhebliche Kosten- und Bauzeitüberschreitungen. In einzelnen Fällen haben sich die ursprünglich vereinbarten Kosten und Bauzeiten verdoppelt oder sogar mehr als verdreifacht.
Die tiefere Kostenschätzung setzt dagegen einen weitgehend idealen Projektverlauf voraus: ein vereinfachtes Reaktordesign, eine vollständig abgeschlossene Planung vor Baubeginn, gut etablierte Lieferketten und nur geringe Kostenüberschreitungen. Die Nuklearbranche rechnet tendenziell mit Kosten in diesem tieferen Bereich oder sogar darunter.
Könnten Schweizer Stromkonzerne diese Kosten aus eigener Tasche bezahlen?
Gemäss dem Bericht ist das sehr unwahrscheinlich. Die Forschenden gehen davon aus, dass für den Bau eines neuen Atomkraftwerks in der Schweiz staatliche Unterstützung notwendig sein wird. Die speziellen finanziellen Risiken – wie extrem hohe Anfangsinvestitionen, jahrelange Bauzeiten ohne Einnahmen und unsichere Strompreise in der langen Amortisationsphase – sind für private Akteure allein kaum tragbar.
Internationale Erfahrungen zeigen demnach, dass sich private Investoren in den letzten Jahren nur noch finden liessen, wenn der Staat die Risiken stark abfedert. Zudem weist der Bericht auf eine Schweizer Besonderheit hin: Da potenzielle Betreiber wie Axpo oder BKW ganz oder teilweise im Besitz der Kantone sind, wäre die öffentliche Hand bei einer solchen Milliardeninvestition indirekt ohnehin betroffen und würde die Risiken mittragen.
Wann müsste die Schweiz entscheiden, wenn ein neues AKW Anfang der 2050er-Jahre Strom liefern soll?
Relativ bald. Laut dem Bericht müsste eine Ausschreibung bereits Anfang der 2030er-Jahre erfolgen.
Voraussetzung dafür ist jedoch der politische Grundsatzentscheid: Aktuell läuft die Unterschriftensammlung für das Referendum gegen die vom Parlament beschlossene Aufhebung des Neubauverbots. Das Stimmvolk wird frühestens Ende Februar 2027 darüber entscheiden.
Welche Reaktoren und Anbieter kämen für die Schweiz infrage?
Bei einem Investitionsentscheid bis Mitte der 2030er-Jahre stehen voraussichtlich vor allem grosse wassergekühlte Reaktoren der Generation III/III+ zur Auswahl.
Aus heutiger Sicht kommen für die Schweiz dabei die Anbieter EDF/Framatome aus Frankreich und Westinghouse aus den USA als Anbieter infrage.
Zwar bauen chinesische (CNG, CNNC) und russische (Rosatom) Staatskonzerne weltweit derzeit die meisten Reaktoren, diese scheiden für Europa und die Schweiz aus geopolitischen Gründen jedoch aus. Der südkoreanische Anbieter KEPCO/KHNP, der durchaus Erfahrung besitzt, darf seine Reaktoren aufgrund eines Rechtsstreits mit Westinghouse in Europa vorerst nicht unabhängig anbieten.
Wären „Mini-Reaktoren“ (Small Modular Reactors, SMR) nicht die Lösung des Kostenproblems?
Aus heutiger Sicht: nein. Für SMRs gibt es bislang kaum praktische Erfahrungswerte zu tatsächlichen Bauzeiten und Kosten. Ausserhalb Chinas und Russlands befindet sich die Technologie grösstenteils noch in der Entwicklungs- oder frühen Prototypenphase. Ein geplantes Grossprojekt des US-Herstellers NuScale wurde wegen stark gestiegener Kostenprognosen bereits vor Baubeginn aufgegeben.
Für einen baldigen Schweizer Grundsatzentscheid bieten SMRs deshalb derzeit keine ausreichend belastbare wirtschaftliche Datengrundlage.
Wie fallen die Reaktionen zum Bericht aus?
Die Schweizerische Energiestiftung (SES) sieht die Studie als Argument gegen eine Aufhebung des Neubauverbots von Atomkraftwerken. „Wer heute neue AKW will, stimmt für ein offenes Milliardenloch für die Steuerzahlenden“ liess sich Nils Epprecht, Geschäftsleiter der Schweizerischen Energie-Stiftung, in einer Mitteilung vom Freitag zitieren.
Anderer Meinung ist das Nuklearforum. Die Studie sei keine Prognose für ein konkretes Schweizer Projekt, hiess es auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Welche Kostenannahmen zutreffen, lasse sich erst anhand von Technologie, Standort und verbindlichen Offerten beurteilen. Bei der Aufhebung des Neubauverbots gehe es deshalb nicht um einen Bau- oder Finanzierungsentscheid, sondern darum, diese Option überhaupt prüfen zu können.
(text:sda/bild:unsplash)