24 April 2022

Zwei Monate Krieg in der Ukraine – „Russlands Blitzkrieg gescheitert“

Tausende Tote, Millionen GeflĂŒchtete, zerstörte HĂ€user und zerschossene Panzer: Die Bilanz nach zwei Monaten russischer Angriffskrieg in der Ukraine ist verheerend. Und Frieden ist weiter nicht in Sicht.

Die KĂ€mpfe im Donbass oder auch in der zerstörten Hafenstadt Mariupol dauern unvermindert an. Dabei hatten viele Analysten und wohl auch die Kriegsstrategen in Moskau mit nur wenigen Tagen gerechnet, nach denen die FĂŒhrung um den ukrainischen PrĂ€sidenten Wolodymyr Selenskyj kapitulieren wĂŒrde. Es kam anders.

„Der russische Blitzkrieg ist gescheitert“, fasst der Chef des ukrainischen PrĂ€sidentenbĂŒros, Andrij Jermak, die Situation aus Kiewer Sicht zusammen. „Unsere Armee und das Volk haben die PlĂ€ne des Kremls zum Scheitern gebracht.“ Am frĂŒhen Morgen des 24. Februar hatte Russlands PrĂ€sident Wladimir Putin in einer Fernsehansprache den Beginn einer „Sonder-MilitĂ€roperation“ bekanntgegeben. „Ziel ist der Schutz der Menschen, die seit acht Jahren Misshandlung und Genozid ausgesetzt sind“, fĂŒgte er hinzu, wĂ€hrend russische Einheiten von drei Seiten aus die Grenze zum Nachbarland ĂŒberschritten.

Zwei Monate spĂ€ter ist Putin von vielen Zielen weit entfernt – obwohl er rĂŒcksichtslos auf Wohnblocks und Industrieanlagen feuern lĂ€sst. MilitĂ€risch war die Invasion aus Moskauer Sicht wohl nur im SĂŒden erfolgreich. Dort ist es gelungen, einen Grossteil der KĂŒstengebiete einzunehmen. Die 2014 annektierte Halbinsel Krim hat nun einen Landzugang zu Russland. Die wichtigste TrophĂ€e ist die Stadt Mariupol, die Moskau eigenen Angaben nach weitgehend kontrolliert – trotz des andauernden Widerstands im Stahlwerk Azovstal durch die dort verbliebenen ukrainischen KĂ€mpfer.

Vor dem Krieg lebten in Mariupol mehr als 400 000 Menschen, von denen aber nach der Zerstörung wohl nur noch ein Drittel ĂŒbrig geblieben ist. Kiew schĂ€tzt, dass mehr als 20 000 Bewohner getötet wurden.

Im Osten, wo auf beiden Seiten die grössten Truppenteile versammelt waren, verlÀuft der Vormarsch hingegen schleppend. Nach zwei Monaten hat Russland etwa 80 Prozent des Gebiets Luhansk und die HÀlfte des Gebiets Donezk eingenommen. Zuvor nahmen die Separatistenrepubliken etwa ein Drittel der FlÀche beider Gebiete ein. Hinzu kommen grössere GelÀndegewinne im Gebiet Charkiw, wodurch die Gefahr einer Einkesselung ukrainischer Truppen in der Region weiter besteht.

Im Norden hingegen endete der russische Vormarsch dem Vernehmen nach in einem Desaster. Nach wochenlangen schweren KĂ€mpfen mit wohl hohen Verlusten mussten sich die russischen Truppen – fĂŒr Beobachter ĂŒberraschend – aus der Nordukraine und der Region um Kiew zurĂŒckziehen. Eine Eroberung der Hauptstadt ist nicht in Sicht.

Aber die Zerstörungen sind nicht nur durch direkte Kampfhandlungen, sondern auch durch russische Raketenangriffe tief im ukrainischen Hinterland immens. Die ukrainische Wirtschaft ist um mehr als 30 Prozent eingebrochen. Die FĂŒhrung in Kiew beziffert die direkten SchĂ€den auf mehr als 100 Milliarden Euro. Starke Zerstörungen werden aus den wochenlang belagerten GrossstĂ€dten Tschernihiw, Sumy und Charkiw gemeldet. Die Infrastruktur ist kaputt. Wann und mit welchen Mitteln das je wieder aufgebaut werden kann, ist völlig unklar.

Dazu kommen die vielen Toten und Verletzten. Das Ausmass ist dabei schwer zu bewerten. Die UN haben bisher rund 2500 getötete und etwa 3000 verletzte Zivilisten erfasst. Aufgrund des fehlenden Zugangs zu weiten Gebieten geht die Organisation aber von höheren zivilen Opferzahlen aus. Bilder von mehr als 400 getöteten Zivilisten in der Kiewer Vorstadt Butscha hatten weltweit Entsetzen ausgelöst. Immer wieder wird auch ĂŒber mögliche MassengrĂ€ber berichtet.

Auch die militĂ€rischen Verluste sind schwer abzuschĂ€tzen. Die russische MilitĂ€rfĂŒhrung behauptet, dass bereits mehr als 23 000 ukrainische Soldaten getötet wurden. PrĂ€sident Selenskyj spricht von etwa 3000 getöteten Ukrainern. Auf der anderen Seite gesteht Moskau etwas mehr als 1000 eigene Gefallene ein, wĂ€hrend Kiew die russischen Verluste auf mehr als 21 000 Soldaten beziffert. Wie bei den meisten anderen Angaben zum Kriegsgeschehen ist eine unabhĂ€ngige PrĂŒfung kaum möglich.

FĂŒr Russland hat der Angriffskrieg ebenfalls massive wirtschaftliche Folgen. Die Sanktionen werden die Inflation voraussichtlich auf mehr als 20 Prozent steigern und einen RĂŒckgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um etwa 10 Prozent bewirken. Die HĂ€lfte der WĂ€hrungsreserven ist eingefroren. Hinzu kommen potenziell Versorgungsprobleme durch den RĂŒckzug westlicher Unternehmen.

Eine diplomatische Einigung ist trotzdem nicht in Sicht. Die Verhandlungen zwischen Moskau und Kiew stocken. Zwar will UN-GeneralsekretĂ€r Antonio Guterres nĂ€chste Woche vermitteln – doch grössere Einflussmöglichkeiten werden ihm nicht zugeschrieben. Andere Vermittler vor ihm sind gescheitert. Und so scheint es, dass auch nach zwei Kriegsmonaten beide Seiten weiter auf eine militĂ€rische Lösung des Konflikts setzen – trotz der verheerenden Verluste.

(text&bild:sda)