4 September 2021

Zusammenstösse bei Frauen-Demo in afghanischer Hauptstadt Kabul

In Afghanistan regt sich Widerstand gegen die Herrschaft der militant-islamistischen Taliban. Bei einer Demonstration fĂŒr Frauenrechte in der afghanischen Hauptstadt Kabul kam es zu Zusammenstössen. Mindestens eine Frau sei dabei verletzt worden, berichteten lokale Journalisten am Samstag. In der einzigen von den Taliban noch nicht eroberten Provinz Pandschir dauern die KĂ€mpfe an.

Videos von lokalen TV-Sendern und Aktivistinnen zufolge kam es bei der Demonstration zu chaotischen Szenen. Rund zwei Dutzend Frauen hatten zunĂ€chst friedlich in der NĂ€he des PrĂ€sidentenpalastes demonstriert, wie auf Bildern, die in sozialen Medien geteilt wurden, zu sehen war. Sie hielten Schilder in der Hand, auf denen etwa stand: „Wir sind nicht die Frauen von vor 20 Jahren“ oder „Gleichheit – Gerechtigkeit – Demokratie!“.

Auf Videos ist zu sehen, wie die Frauen von 50 oder mehr SicherheitskrĂ€ften der Taliban umzingelt sind und sich Schreiduelle mit Taliban liefern. Mehrere von ihnen husten. Ein Taliban-Kommandeur fragt ĂŒber einen Lautsprecher „… wartet, was ist das Problem, was wollt Ihr, es gibt kein Problem MĂ€dchen, okay?“, wĂ€hrend im Hintergrund eine junge Frauenstimme zu hören ist, die fragt: „Warum schlagt ihr uns?“ Lokale Journalisten teilten das Video einer Frau, der Blut vom Kopf lĂ€uft.

In einem Video von Aktivistinnen, etwas abseits der Demo aufgenommen, sagt eine Frau, Frauen hĂ€tten sich gebildet, um in hochrangigen Regierungspositionen zu arbeiten. „Was ist unsere Schuld, dass sie uns heute ins Abseits drĂ€ngen?“, fragt sie.

Die Frau, die das Video aufnimmt, sagt weiter, der friedliche Protest von Frauen sei wieder von den Taliban unterdrĂŒckt worden. Diese hĂ€tten WarnschĂŒsse abgegeben und TrĂ€nengas eingesetzt.

Die Videos und Angaben konnten zunĂ€chst nicht unabhĂ€ngig verifiziert werden. Auch der Sender CNN berichete ĂŒber den Frauenprotest. Zuvor hatten bereits am Freitag mehrere Frauen in Kabul fĂŒr Frauenrechte demonstriert. Eine Teilnehmerin, Taranum Sajidi, sagte der Deutschen Presse-Agentur am Samstag, sie seien angesichts der Situation gezwungen, auf die Strasse zu gehen und ihre Rechte einzufordern. Sie habe drei UniversitĂ€tsabschlĂŒsse und nun wolle man von ihr, dass sie zuhause bleibe. Die Taliban wollten Frauen nur in niedrigen Positionen.

WĂ€hrend des Taliban-Regimes zwischen 1996 und 2001 durften Frauen in Afghanistan nicht mehr arbeiten und nur noch verschleiert in Begleitung eines mĂ€nnlichen Familienmitglieds das Haus verlassen. In der Öffentlichkeit war fĂŒr sie lautes Sprechen oder Lachen verboten. MĂ€dchen wurden auch vom Schulunterricht ausgeschlossen. Viele Frauen befĂŒrchten seit der erneuten MachtĂŒbernahme der Islamisten, dass diese wieder Ă€hnliche Regeln fĂŒr sie einfĂŒhren werden.

Der AnfĂŒhrer einer Widerstandsfraktion gegen die Taliban erklĂ€rte am Samstag, er wolle weiter kĂ€mpfen. „Wir werden den Kampf fĂŒr Gott, Freiheit und Gerechtigkeit niemals aufgeben“, teilte Achmad Massud auf seiner Facebook-Seite mit. Seit mittlerweile fĂŒnf Tagen gibt es Gefechte zwischen Taliban und KĂ€mpfern der Nationalen Widerstandsfront um Pandschir, die einzige Provinz im Land, die die Taliban bisher nicht kontrollieren.

UrsprĂŒnglich hatte es von beiden Seiten geheissen, man wolle die offene Machtfrage durch Verhandlungen lösen. Ein Sprecher der Nationalen Widerstandsfront schrieb diese Woche auf Twitter, die Taliban hĂ€tten Massud einen Posten in der kĂŒnftigen Regierung angeboten und den Schutz seines Eigentums. Dieser habe aber abgelehnt und dies damit begrĂŒndet, dass er keine persönlichen Interessen verfolge. Von Taliban gab es dazu bisher keine Aussagen.

In den vergangenen Tagen dĂŒrften sich die Gefechte um Pandschir verstĂ€rkt haben. Beide Seiten gaben an, das sie der jeweils anderen Seite heftige Verluste zugefĂŒgt hĂ€tten. Pandschir konnte von den Taliban auch wĂ€hrend ihrer ersten Herrschaft zwischen 1996 und 2001 nicht erobert werden. Das lag neben dem erbitterten Widerstand der Nordallianz auch an der geografischen Lage – der Eingang zum Tal ist eng und gut zu verteidigen.

Wohl nach falschen GerĂŒchten in der Nacht zu Freitag, Pandschir sei gefallen, hatten Taliban-KĂ€mpfer in der Hauptstadt Kabul minutenlang FreudenschĂŒsse abgefeuert. Dadurch wurden offenbar mehrere Menschen getötet oder verletzt. Das Krankenhaus der Nichtregierungsorganisation Emergency teilte am Samstag mit, es habe seit Freitagabend mindestens zehn Verletzte mit Schusswunden behandelt. Zwei Personen mit Schusswunden seien bereits tot in das Krankenhaus eingeliefert worden.

(text&bild:sda)